Elsa Brändström und das Kriegerdenkmal von Wurzen

Das Wurzener Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges wird seit Jahren von Rechtsextremisten zum „Heldengedenken“ missbraucht, obwohl die Philanthropin Elsa Brändström als Vorbild für die Hauptfigur diente. Ein Beitrag von Petra Löschke (Schwedische Honorarkonsulin). Erschienen im Newsletter 3/2015 der Landeszentrale.

Der Blick des Reisenden am Wurzener Bahnhof wird von einer ungewöhnlichen Anlage gefangen genommen: Unter einem steinernen Spitzbogen steht ein bronzene Figurengruppe bestehend aus einer weiblichen Figur und einem liegenden Soldaten. Im Rücken der Bronzefiguren befindet sich als Symbol für die vergossenen Tränen ein Wasserbecken mit Springbrunnen. Vor der Bronzeplastik liegt ein rechteckiger Hof aus Steinpfeilern und verbindenden Architraven. Die Pfeiler tragen die Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen und vermissten 700 Wurzener.

Zehn Jahre brauchte es von der Idee der Wurzener, ihren Gefallenen ein Denkmal zu setzen, bis zur Einweihung im Jahre 1930. Als Standort hatte sich der alte Friedhof durchgesetzt. Für Entwurf und künstlerische Ausführung gewann man den Dresdner Prof. Oswin Hempel und den Bildhauer Arthur Lange. Lange starb während der Arbeiten, diese übernahm Georg Wrba. Mäzen Herrmann Illgen, gebürtige Wurzener, übernahm einen Großteil der Kosten.

Interpretation und Instrumentalisierung

Im Nationalsozialismus wurde eine Metallkassette mit Erde von den Schlachtfeldern Frankreichs am Denkmal angebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das „Kriegerdenkmal“ zweimal vom Abriss bedroht. Einmal rettete es ein sowjetischer Kulturoffizier und einmal ein Mitarbeiter des Institutes für Denkmalpflege. Allerdings wurde die Inschrift „Wir standen gegen eine Welt von Feinden. Unsere Leiber waren der Heimat Wall. Wir starben für Dich und unseres Vaterlands Zukunft…“ entfernt.

Seit den 2000er Jahre missbrauchen Rechtsextremisten zum Volkstrauertag das Denkmal zur „Heldenverehrung“. 2011 versuchte das „Wurzener Bündnis für Demokratie gegen Neonazismus“, mit einer künstlerischen Neuinterpretation des Denkmals den rechtsradikalen Aktivitäten den Boden zu entziehen. Wurzener Einwohner widersprachen offen und heftig, sie wollten ihr Denkmal unverändert sehen.

„Engel von Sibirien“

Widerspruch rief auch der Wurzener Jens Haubner hervor, als er 2010 in der Zeitung behauptete, die weibliche Figur der Pieta stelle die schwedische Krankenschwester Elsa Brändström dar, die in den zwanziger Jahren als „Engel von Sibirien“ in Deutschland  hoch verehrt wurde. Er berief sich auf seine Großmutter, die 1930 an der Einweihungsfeier teilnahm und die, wie andere in der weiblichen Figur der Pieta sofort den „Engel von Sibirien“ zu erkennen glaubte.

Als schwedische Honorarkonsulin war ich an dieser Deutung sehr interessiert. Meine Recherchen ergaben, dass es sich tatsächlich um Elsa Brändström handeln muss. Bei den Bronzefiguren fällt auf, dass die weibliche Person in der Bekleidung der Schwestern des Roten Kreuzes (Schleier, Jacke, Rock und Schuhe) dargestellt ist. Es liegt nahe, dass damit wohl auch eine Krankenschwester gezeigt wird.

Der Vergleich des Gesichtes der Plastik mit den ganz charakteristischen Zügen Elsa Brändströms zeigt, dass es sich nicht um irgendeine Krankenschwester handelt, sondern um Elsa Brändström. Im Bundesarchiv findet sich ein Foto, auf welchem Elsa Brändström dem Bildhauer Modell sitzt.

Post aus Malibou

Um Gewissheit darüber zu erlangen, fragte ich bei ihrem Stiefsohn an. Konrad Ulich, Sohn von Elsa Brändströms Ehemann Prof. Robert Ulich und der Dresdner Feministin Elsa Beil-Ulich, schrieb mir aus Malibou (USA):

„Feb.16, 2015 | Elsa Brändström Denkmal in Wurzen: Es ist keine Frage, die weibliche Figur im Denkmal in Wurzen ist Elsa Brändström, der „Engel von Sibirien“. Eine wunderbare Abbildung. Naturgetreu, aber auch ein Kunstwerk. Zu Hause bei uns in Dresden war nie bezweifelt, daß es Elsa darstellt. Der an Typhus sterbende Soldat, den sie betreut, soll wahrscheinlich Elsa Brändströms Liebhaber sein. Elsa bekam auch Typhus, überstand aber die Krankheit. Das Denkmal – ein Ausdruck des furchtbaren Krieges und der Liebe…“

Persönlich und politisch

Das Wort „Liebhaber“ hat bei uns einen etwas kräftigeren Klang, als die Beziehung zwischen Elsa und einem jüngeren Soldaten namens Richard nach ihren Tagebuch wohl war, liefert aber möglicherweise den Schlüssel zur Deutung der Figurengruppe. Elsa schrieb: “In einem Gefangenenlager habe ich Richard kennen gelernt. Er fiel mir sofort auf. Er war wie die anderen Gefangenen und doch anders. Mittelgroß, hager, mit weichem Gesicht und traurigen Augen. Seine Stimme war auch so: weich und traurig“.  Richard wollte nach dem Krieg Musik studieren. Er beschäftige sich mit philosophischen Fragen und beide führten lange Gespräche. Richard starb in Elsas Armen und gab ihr als Letztes ein Stück Papier, auf dem stand: „Der Liebsten bring, Kranich, den jungen Morgen – und mir ihr liebend Wort“. Sein Tod hat sie schwer getroffen. Das Einzige, was sie für ihn tun konnte, war, den Lagerkommandanten zu einem Einzelbegräbnis zu überreden.

Wer diese Geschichte kennt und die Figuren betrachtet, sieht den jungen Mann sterben, der Elsa Brändström von all den Männern, die sie in den Gefangenenlagern beschützt hat, besonders nahe war. Mit der rechten Hand fasst sie behutsam und doch professionell seine Hand, um den Puls zu fühlen. Es ist die Geste der Krankenschwester. Ihre linke Hand fasst an ihr Herz. Es muss der jungen Frau in diesem Moment besonders schwer gewesen sein.

Wer war der „Engel von Sibirien“?

Elsa war die Tochter des schwedischen Gesandten im zaristischen St. Petersburg General Edvard Brändström. Vom ihm übernahm sie den Leitsatz: „Il faut payer de sa personne“, sinngemäß: Tue alles von ganzem Herzen. Deine Persönlichkeit ist die Währung, mit der Du im Leben bezahlst. Vater und Mutter hatten ein modernes und liebevolles Verhältnis zu ihren Kindern.

Während der Krankheit und nach dem Tod der Mutter übernahm Elsa an Vaters Seite repräsentative und organisatorische Aufgaben in der schwedischen Gesandtschaft. Sie war charmant, intelligent, begehrt in der „besseren Gesellschaft“ in St. Petersburg und sie war eine ausgezeichnete diplomatische Netzwerkerin. Elsa arbeitete als junge Frau – stets ehrenamtlich -  für das internationale und später schwedische Rote Kreuz. Unter Preisgabe ihrer Gesundheit und unter Einsatz ihres Lebens setzte sie sich im Ersten Weltkrieg für deutsche und österreichische Soldaten in sibirischen Gefangenenlagern ein.

Neben der materiellen Überlebenshilfe, galt ihr Augenmerk der Stärkung des Lebenswillens und der Würde der Kriegsgefangenen. Sie nannten sie „Engel von Sibirien“. Als Schweden alle Rot-Kreuz-Mitarbeiter aus Russland zurückrief, blieb Elsa Brändström freiwillig – nun selbst eine Kriegsgefangene - bei ihren Schützlingen.

Hilfe für Kriegswaisen und Traumatisierte

Später engagierte sie sich für die Rückführung von Kriegsgefangenen und gründete die Elsa-Brändström-Stiftung für ehemalige Kriegsgefangene, Kriegswaisen und verletzte Kinder. Sie sammelte bei einer Vortragsreise durch die USA und Schweden die damals unerhörte Summe von 100.000 $ für ein Kinderheim in Alt-Mittweida (Schloss Neusorge) und die Sanatorien zur Wiedereingliederung traumatisierter Heimkehrer in Marienborn-Schmeckwitz bei Kamenz und Lychen.

Um einer Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, ging sie 1934 mit ihrem Mann nach Cambridge (USA). Dort half sie ankommenden Emigranten und organisierte Hilfe für deutsche Kinder, die in Organisationen wie CARE und CRALOG mündete. Elsa Brändström war Mitbegründerin der Studienstiftung des Deutschen Volkes. 1922 erhielt sie das Ehrenzeichen vom Roten Kreuz mit Kriegsdekoration. Die Universitäten Uppsala, Königsberg und Tübingen verliehen ihr die Ehrendoktorwürde. Die Friedrichs-Universität  Halle-Wittenberg ernannte sie zum Ehrenmitglied. Sie wurde fünfmal für den Friedensnobelpreis nominiert. Die Bundesrepublik Deutschland widmete Elsa Brändström eine Briefmarke.

Mahnmal und Herausforderung

Arthur Lange wählte sie als Vorbild für die Pieta am Wurzener Mahnmal für die Opfer des Ersten Weltkrieges. Georg Wrba, der die Plastik fertigstellte, ehrte in dieser Figur nicht nur die Gefallenen, sondern auch ihre Beschützerin, die sie gleichsam auch im Tode nicht verlassen hat.

Die Pieta im Wurzener Gefallenendenkmal ist nach meiner Meinung nicht nur ein schönes Kunstwerk, sondern auch eins, welches den wechselnden Zeitgeist von 1920 bis 2015 immer wieder herausfordert. Dieses ungewöhnliche Denkmal verdient einen sachlichen interessierten und offenen Umgang.

Petra Löschke

vertritt als ehrenamtliche Konsulin die Interessen Schwedens und seiner Staatsangehörigen in Sachsen und Sachsen-Anhalt und sie engagiert sich für die Beziehungen zwischen den Menschen in Schweden, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Zentral ist dabei der kulturelle, sportliche und wirtschaftliche Austausch: „Es ist mir ein Bedürfnis, Sie davon zu überzeugen, dass Schweden nicht nur die Heimat von ABBA, Elchen und Astrid Lindgren ist, sondern ein sehr wichtiger Faktor der politischen und wirtschaftlichen Stabilität in Europa und der Welt und ein unvergleichlich schönes Reiseland ist.“

Schwedisches Honorarkonsulat Sachsen, Sachsen-Anhalt