Vision der Sonnensucher. Dr. Paul Kaiser über Auftragskunst der Wismut

Ein Beitrag von Dr. Paul Kaiser. Er kuratierte die Ausstellung „Schicht im Schacht. Die Kunstsammlung der Wismut – eine Bestandsaufnahme“ in Chemnitz. Er betrachtet in unserer Reihe Kunst politisch betrachtet Werner Petzolds „Friedliche Nutzung der Atomkraft“ (1972-74). Der Beitrag ist im Newsletter 4/2013 der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung erschienen.

Werner Petzolds „Friedliche Nutzung der Atomkraft“ (1972-74) am jetzigen Standort des Bildes bei Löbichau. Foto: Andreas Kämper
Werner Petzold: „Friedliche Nutzung der Atomkraft“ am jetzigen Standort bei Löbichau. Foto: Andreas Kämper

Vision der Sonnensucher

Petzolds Monumentalwerk "Friedliche Nutzung der Atomkraft" ist aus heutiger Perspektive ein bildgewordener Anachronismus. Vor allem deshalb, weil Werner Petzold die Gefahr eines atomaren Infernos scheinbar verleugnet und die immensen Risiken bagatellisiert. Stattdessen verbindet der 1940 in Leipzig geborene Künstler, der zwischen 1959 und 1964 bei Bernhard Heisig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studierte, die Erreichbarkeit einer kommunistischen Zukunft in direkter Weise mit der Gewinnung von Uranerz, das die Sowjetunion in der DDR in Sachsen und Thüringen abbauen ließ und zur atomaren Aufrüstung einsetzte.

Umstrittene Staatskunst

Das Gemälde ist ein Auftragswerk der SDAG Wismut und geriet vor einigen Jahren in die lokalen Schlagzeilen. Der Grund: Im Rahmen der Bundesgartenschau 2007 in Gera wurde das, nach der Wiedervereinigung ins Depot verbannte, 16 x 12 Meter große Monumentalbild unweit der Gemeinde Löbichau wieder aufgestellt. Die Reaktionen sind bis heute höchst unterschiedlich. Einerseits äußert sich Empörung über die neuerliche Aufwertung einer "verlogenen Staatskunst". Auf der anderen Seite gibt es aber auch Freude über die sich hier zeigende gesellschaftliche Akzeptanz im Umgang mit der Unternehmensgeschichte der Wismut, die in der DDR ein "Staat im Staate" war und in den 1970er Jahren fast 45.000 Menschen beschäftigte.

Schöpfungsakt einer neuen Gesellschaft

Im Jahre 1972 hatte der damals 32jährige Maler von der SDAG Wismut einen lukrativen Vertrag über die künstlerische Gestaltung des Wismut-Hauptgebäudes in Paitzdorf erhalten. Der Künstler gestaltete einen "Turm der Arbeit" mit simultanen Handlungsabläufen: Arbeiter mit nackten muskulösen Oberkörpern erschaffen eine neue Welt. Ein Bergmann streckt dem Betrachter seine Arme entgegen, fordert ihn unmissverständlich zur Mitarbeit auf. Der Rufer auf der rechten Seite verstärkt noch den Signalcharakter, indem er auf das Atommodell weist, von dem die glückliche Zukunft abhängig scheint. Ein Führer, flankiert von einem Kosmonauten und einer Frau mit roter Fahne, hält ein Atomium umschlossen. Die Komposition macht deutlich: Es geht um den Schöpfungsakt einer neuen Gesellschaft. Der Turmbau zu Babel liefert das alttestamentarische Vorbild - Menschen wagen sich, es den Göttern gleich zu tun.

Schicht im Schacht

Die Folgen des Experiments sind bekannt, die Folgekosten enorm. Trotzdem geht die Kunst in der zweifellos gewollten politischen Aussage nicht auf. Das hat damit zu tun, dass Werner Petzold bei der Umsetzung seines Bildes Anleihen beim mexikanischen Muralismo nahm und damit half, die Bildsprache des "Sozialistischen Realismus" zu modernisieren. Heute hat sich der Maler, der 1983 aus der DDR in die Bundesrepublik übersiedelte, von seiner Vergangenheit als "Hauskünstler der Wismut" längst distanziert. Über die bislang ungeklärte Zukunft der Wismut-Bilder wird indes noch gestritten - die Ausstellung "Schicht im Schacht" stellt in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz zirka 120 Werke aus der Kunstsammlung der Wismut aus.

Dr. Paul Kaiser, TU Dresden. Foto: Andreas Kämper

Dr. Paul Kaiser ist Kunstwissenschaftler am Dresdner Institut für Kulturstudien, Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen zur DDR-Kunst sowie Kurator von Ausstellungen (zuletzt: "Abschied von Ikarus. Bildwelten in der DDR" im Neuen Museum in Weimar, 2012/2013). Zusammen mit Mathias Lindner kuratierte er die von einem umfänglichen Katalog begleitete Ausstellung "Schicht im Schacht. Die Kunstsammlung der Wismut - eine Bestandsaufnahme" in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz.

Schicht im Schacht

Die Kunstsammlung der Wismut - eine Bestandsaufnahme.

Vom 17. September 2013 bis 12. Januar 2014 in der Neuen Sächsischen Galerie im TIETZ, Chemnitz.

Öffnungszeiten:

tägl. 11:00 - 17:00 Uhr

Dienstag 11:00 - 19:00 Uhr

Rahmenprogramm zur Ausstellung