Das Jahr 2022 in der SLpB
2022 war ein Jahr des Übergangs und der neuen Unsicherheit. Nach den langen Einschränkungen der Corona-Pandemie kehrten viele Veranstaltungen schrittweise in Präsenz zurück, zugleich blieben digitale Formate Teil der politischen Bildungsarbeit. Mit der russischen Invasion der Ukraine veränderte sich die politische Lage grundlegend. Fragen von Krieg und Frieden, Sicherheit, Energie, gesellschaftlichem Zusammenhalt und europäischer Verantwortung prägten viele Debatten. Auch für die politische Bildung stellte sich neu die Frage, wie sie aktuelle Krisen einordnen, Wissen vermitteln und Räume für Austausch schaffen kann.

Publikation: NS-Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft in Sachsen
2022 veröffentlichte die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung die Publikation „NS-Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft 1939–1945“. Der Band widmet sich einem lange nicht vollständig erforschten Kapitel der sächsischen Geschichte: dem Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in der deutschen Kriegswirtschaft.
Allein in Sachsen waren während des Zweiten Weltkriegs rund 500.000 Menschen zur Arbeit gezwungen. Sie arbeiteten in Rüstungsbetrieben, in Industrie, Landwirtschaft, Bergbau und vielen weiteren Bereichen. Die Publikation zeigt, wie weit Zwangsarbeit in den Alltag der Kriegsgesellschaft hineinreichte und welche Spuren sie in Sachsen hinterlassen hat.
Mit der Studie knüpfte die SLpB an ihre erinnerungspolitische Arbeit an. Sie machte Forschungsergebnisse zugänglich, stellte regionale Bezüge her und bot damit eine Grundlage für historisches Lernen, lokale Spurensuche und die weitere Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Kriegswirtschaft.
Fakt und Fake: Desinformation und die Kunst des Gesprächs
Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine rückte auch die Frage nach Desinformation und Propaganda neu in den Mittelpunkt. In Chemnitz sprach der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen unter dem Titel „Fakt und Fake“ über die neue Macht der Desinformation und die Kunst des Miteinander-Redens.
Der Abend zeigte, wie eng politische Medienbildung, demokratische Öffentlichkeit und internationale Krisen zusammenhängen. Wer sich in einer Welt voller schneller Nachrichten, gezielter Manipulation und geschlossener Informationsräume orientieren will, braucht mehr als Faktenwissen. Es geht auch um die Fähigkeit, Quellen zu prüfen, Widerspruch auszuhalten und Gesprächsbrücken zu bauen.
Auf unserem Blog gibt es einen Rückblick auf den Abend.

Zeitenwende in der politischen Bildung?

Der russische Angriff auf die Ukraine warf 2022 auch für die politische Bildung neue Fragen auf. Zum Ende des Jahres widmete die SLpB ihre Partnerkonferenz deshalb dem Thema „Zeitenwende? Verteidigungspolitik als Leerstelle der politischen Bildung“.
Gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern aus Sachsen, mit Gästen aus Politik, Wissenschaft, Bundeswehr sowie außen- und verteidigungspolitischer Bildung wurde diskutiert, ob politische Bildung Fragen von Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik in den vergangenen Jahren zu wenig beachtet hatte. Im Mittelpunkt stand dabei auch die Frage, wie Wissen über Geschichte und internationale Zusammenhänge vermittelt werden kann, ohne Kontroversen zu verkürzen.
Die Konferenz machte deutlich: Demokratische Resilienz entsteht nicht nur im Umgang mit innenpolitischen Konflikten. Auch Fragen von Krieg und Frieden, Bündnissen, Sicherheit und Deutschlands Rolle in Europa gehören zur politischen Bildung — gerade dann, wenn sie umstritten sind.
Einander zuhören im Gewandhaus
Am 17. September 2022 fand im Gewandhaus Leipzig der erste Demokratie-Tag statt. Unter dem Motto „einander zuhören“ luden das Gewandhausorchester und die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung zu Gesprächsrunden über Demokratie, Musik und gesellschaftlichen Austausch ein.
Das Gewandhaus wurde dabei zu einem besonderen Ort politischer Bildung: ein Haus der Musik, der Vielstimmigkeit und der Resonanz. In zwei Panels wurde das Zuhören aus musikalischer, politischer, soziologischer und psychologischer Perspektive betrachtet. Dabei ging es nicht nur um höfliches Schweigen, sondern um eine aktive demokratische Fähigkeit: andere wahrnehmen, Positionen aushalten und gemeinsam nach Verständigung suchen.

Ausgewählte Aktivitäten und Rückblicke im Kontext der russischen Vollinvasion in der Ukraine
Den Überblick behalten – aktuelle Informationen zur Lage in der Ukraine
In einem Dossier haben wir aktuelle Informationen und Einordnungen zum Krieg in der Ukraine gesammelt und verlässliche Quellen zur weiteren Orientierung gesammelt.
Die ukrainische Gesellschaft steht in diesem Krieg hinter ihrem Staat
Der Osteuropa-Historiker Tim Buchen erklärt historische Hintergründe der Ukraine und ordnet ein, warum die ukrainische Gesellschaft im Krieg so geschlossen hinter ihrem Staat steht.
Und plötzlich ist Krieg
Das Dialogforum „Was.Schule.bewegt“ diskutierte kurz nach Kriegsbeginn, wie Schulen mit den Sorgen und Fragen von Kindern und Jugendlichen umgehen können.
Kriegs-Erklärungen der Putin-Versteher
Michael Bartsch blickt persönlich auf ostdeutsche Deutungsmuster des Krieges und fragt, warum antiwestliche Erzählungen weiter verfangen.
„Die Lügen über den Krieg widersprechen jeder Realität“
Die Literaturwissenschaftlerin Klavdia Smola berichtet über russische Propaganda, Repressionen gegen Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner und ihre eigenen familiären Erfahrungen.
Neuer Krieg nach altem Drehbuch – wie Russland die Ukraine und ihr Kulturerbe zerstört
Der Beitrag zeigt Parallelen zu früheren nationalistischen Gewaltkonflikten und beschreibt, wie der Angriffskrieg auch ukrainisches Kulturerbe bedroht.
„Demokratie im Werden“
Der Artikel gibt einen Überblick über Geschichte, Gesellschaft und politische Entwicklung der Ukraine vor dem russischen Angriff.
„Die Ukraine wird, egal wie es irgendwann ausgeht, lange eine traumatisierte Gesellschaft sein“
Militärpfarrer Klaus Kaiser spricht über die Folgen des Krieges für die Ukraine, für Soldatinnen und Soldaten und für die Bundeswehr.
Finnland will schnell über einen Beitritt zur NATO entscheiden – und zieht wohl Schweden mit
Der Beitrag erklärt, warum Finnland und Schweden nach dem russischen Angriff ihre bisherige Sicherheitspolitik neu ausrichten.
„Der Weg nach Europa bedeutet für uns Demokratie, Recht und Zukunft“
Eine Diskussion im Dresdner Stadtmuseum beleuchtet die EU-Perspektiven der Ukraine, Georgiens und Moldaus.
Putin scheitert an überzogenen Ambitionen
Russland-Experte Manfred Quiring analysiert die Kluft zwischen Putins Weltmachtanspruch und der tatsächlichen Leistungsfähigkeit Russlands.
Hand in Hand beantragen Finnland und Schweden eine Aufnahme in die NATO
Der Artikel zeichnet nach, wie schnell Finnland und Schweden nach dem Überfall auf die Ukraine den Schritt Richtung NATO vollzogen.
„Goebbels würde es schätzen.“ Was Putins Informationskrieg für unsere Freiheit bedeutet
Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ordnet den russischen Informationskrieg ein und fragt, was freie Gesellschaften daraus lernen müssen.
Orthodoxe Theologie des Krieges? Der Krieg in der Ukraine und die orthodoxen Kirchen
Der Beitrag erklärt, wie sich orthodoxe Kirchen zum Krieg positionieren und welche Rolle religiöse Rechtfertigungen in der russischen Kriegspropaganda spielen.
Russland ist deutlich schwächer als erwartet und die Ukraine deutlich widerstandsfähiger
Christoph von Marschall analysiert den Verlauf des Angriffskrieges, Russlands Schwächen und die internationale Bedeutung des ukrainischen Widerstands.
„Deutschland hat sich in eine immer größere Abhängigkeit von Russland begeben“
Journalistin Sabine Adler zieht eine kritische Bilanz der deutschen Russlandpolitik und fordert eine Aufarbeitung politischer Fehleinschätzungen.
„Waren wir naiv?“ Bericht von der diesjährigen Partnerkonferenz der SLpB
Der Bericht zur Partnerkonferenz fragt, welche Rolle Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik künftig in der politischen Bildung spielen sollten.
Zehn Diskussionen über die Europäische Union
Die Veranstaltungsreihe zum 30. Jahrestag des Vertrags von Maastricht diskutierte zentrale Zukunftsfragen der EU, vom Klima bis zum Krieg in der Ukraine.
Weitere Informationen zu Themen, Projekten, Veranstaltungen und Publikationen dieses Jahres finden Sie im Jahresbericht der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.