I.7 - Was ist antisemitisch an Verschwörungstheorien?

Viele Verschwörungstheorien konstruieren eine Personengruppe, die im geheimen nach der Weltherrschaft strebt oder diese bereits ausübt. Als Platzhalter für diese Fantasie wurden in der Vergangenheit und werden bis heute Jüdinnen und Juden missbraucht.

Weil Verschwörungstheorien häufig ineinander übergreifen und nach einem Baukastenprinzip nahezu beliebig aneinandergereiht werden können, entwickeln sich auch unpolitischer angelegte Anschauungen häufig zu antisemitischen Verschwörungstheorien, wenn sie die Verschwörungserzählung auf globale Ebene heben. Der dem Verschwörungsdenken inhärente Antisemitismus demonstriert daher, dass von "harmlosen Verschwörungstheorien" nur selten die Rede sein kann.

Elisabeth Fast ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich als Referentin bei der Amadeu Antonio Stiftung vor allem mit politischem Extremismus und politischer Bildung.

Pia Lamberty ist Sozialpsychologin und forscht an der Universität Mainz dazu, ob und inwiefern Verschwörungstheorien zur Radikalisierung von Menschen beitragen. Dazu veröffentlichte sie verschiedene Publikationen.

Das liegt vor allem am Aufbau und der Funktion von Verschwörungstheorien. Für Anhängerinnen und Anhänger entfalten sie ihren Reiz darin, eine komplizierte und unübersichtliche Welt in simplen Zusammenhängen zu erklären und klar zu benennen, wer zum Lager des „Guten“ und wer zu dem des „Bösen“ gehört. Diese Gegenüberstellung von „Uns“ und „Ihnen“ bedarf immer eines Feindes.

Da sich eine solche Feindschaft jedoch in den komplexen politischen Zusammenhängen der realen Welt nicht finden lässt, muss sie konstruiert werden. Zu diesem Zweck bietet es sich für Anhängerinnen und Anhänger von Verschwörungstheorien an, auf alte Erzählungen zurückzugreifen und an diese anzuknüpfen, um die aktuelle, vermeintliche Verschwörung in eine lange Tradition des Kampfes zwischen Gut und Böse zu stellen. Diese traditionell weitergereichten Narrative entfalten dann die Wirkung des vermeintlich „alten Wissens“, welches schon seit jeher den Menschen bekannt war, welche die vermeintliche Verschwörung durchschauten.

Als Platzhalter für das vermeintlich „Böse“ wurden immer wieder Jüdinnen und Juden missbraucht, was bereits im Mittelalter zu ihrer Verfolgung und zur Zeit der NS-Diktatur zum systematischen Völkermord führte. Aus der Verschwörungserzählung von vergifteten Brunnen wurden beispielsweise „Chemtrails“, aus den (nachweislich gefälschten) „Protokollen von Zion“ wurde die „Neue Weltordnung“.

In dem Maße, wie Charakter und Inhalt der Behauptungen im Kern gleichbleiben und nur eine Aktualisierung auf die Moderne erfahren, wohnt also nahezu jeder Verschwörungstheorie ein Antisemitismus inne, selbst wenn Jüdinnen und Juden gar nicht offen als vermeintliche Feinde benannt werden.

  • Kirchhoff, Christine. 2020. "Das Gerücht über die Juden". Zur (Psycho-)Analyse von Antisemitismus und Verschwörungsideologie. Online verfügbar beim Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft.
  • Günther, Markus. 2018. Undzer shtetl brent. Online verfügbar bei der FAZ.
  • Herber, Benedikt. 2017. Tödliche Gerüchte. Online verfübgar bei der Süddeutschen.
  • Rohbacher, Stefan und Michael Schmidt. 1991. Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile. Reinbek: Rowohlt Verlag.
  • Butter, Michael: Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien. Berlin, 2018.
  • Comparative Analysis of Conspiracy Theories: Leitfaden Verschwörungstheorien. European Cooperation in Science and Technology, 2020. Online verfügbar als PDF.
  • Dietrich, Kirsten: Sinnsuche zwischen Gut und Böse. Dradio Kultur, 2020. Online verfügbar bei Dradio.
  • Hepfer, Karl: Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. Bielefeld, 2015.
  • Peitz, Dirk: "Alles ist so, wie Du denkst". Interview mit Michael Butter zu Verschwörungstheorien und dem Attentat in Hanau. Hamburg, 2020. Online verfügbar bei der ZEIT.