III.2 - Warum sind Verschwörungstheorien gefährlich?

Verschwörungstheorien beeinflussen das politische Denken und Handeln von Menschen und damit auch unsere Demokratie. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben eine ganze Reihe von Auswirkungen festgestellt, die der Glaube an Verschwörungstheorien auf Gesellschaft und Politik haben können und die häufig negativ sind, wenn man von den Werten der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ausgeht.

Pia Lamberty ist Sozialpsychologin und forscht an der Universität Mainz dazu, ob und inwiefern Verschwörungstheorien zur Radikalisierung von Menschen beitragen. Dazu veröffentlichte sie verschiedene Publikationen.

Pia Lamberty ist Sozialpsychologin und forscht an der Universität Mainz dazu, ob und inwiefern Verschwörungstheorien zur Radikalisierung von Menschen beitragen. Dazu veröffentlichte sie verschiedene Publikationen.

Elisabeth Fast ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich als Referentin bei der Amadeu Antonio Stiftung vor allem mit politischem Extremismus und politischer Bildung.

Elisabeth Fast ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich als Referentin bei der Amadeu Antonio Stiftung vor allem mit politischem Extremismus und politischer Bildung.

Wissenschaftsskepsis

Zunächst fördern Verschwörungstheorien eine Wissenschaftsskepsis. Verschwörungsgläubige Personen misstrauen Expertinnen und Experten, Veröffentlichungen und Institutionen, stattdessen berufen sie sich auf eigene, alternative Experten und “Ergebnisse”.

Ein prominentes Beispiel ist der Klimawandel: Obwohl innerhalb der Forschung ein relativer Konsens zum menschengemachten Klimawandel herrscht, halten Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker diese Forschungsergebnisse für eine “Klimalüge” und picken sich die wenigen Wissenschaftler heraus, die eine abweichende Meinung dazu haben. In einer Studie hat man festgestellt, dass diese Menschen dann auch in ihrem alltäglichen Leben weniger darauf achten, sich klimaschonend zu verhalten und ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Ähnliches passiert beim Thema Impfen: Studien und Forschungsergebnisse, die die Wirksamkeit und Sicherheit von Schutzimpfungen bestätigen, werden als Teil einer “Pharma-Lobby” eingeordnet und als Lügner abgestempelt, die mit den "Eliten" unter einer Decke stecken. In manchen Fällen geht das sogar soweit, dass Menschen nicht mehr daran glauben, dass Viren überhaupt existieren. Das kann zu einem risikofreudigen Verhalten führen, bei dem konventionelle Heilmethoden und Impfungen verweigert werden und man sich stattdessen der “alternativen Medizin” zuwendet - manchmal mit tragischen Folgen. So wird z.B. im sozialen Umfeld auf epidemiologisch notwendige und rechtlich bindende Hygiene-Maßnahmen verzichtet. Das hat echte Konsequenzen, zum Beispiel ist die Zahl an Masern-Erkrankungen in den letzten Jahren rasant angestiegen. Studien haben auch gezeigt, dass der Glaube an Erzählungen über das HI-Virus Menschen dazu bringen, beim Geschlechtsverkehr auf Verhütung zu verzichten. Was die “alternativen Heilmethoden” betrifft, so sind einige von ihnen schlicht wirkungslos, andere können aber eine ernsthafte Gefahr für die Gesundheit darstellen. Weit verbreitet in der Szene ist die Anwendung von MMS (das Miracle Mineral Supplement) und ähnlicher Produkte - eine Flüssigkeit, bei der es sich eigentlich um gefährliches Natriumchlorit handelt. Es soll angeblich sogar gegen Hepatitis, Aids und Krebs helfen können. Das MMS wird auf der Haut angewendet oder sogar eingenommen, was zu Verätzungen, Erbrechen und Darmschäden führen kann. Besonders übel wird es, wenn dieses “Wundermittel” bei Kindern oder Haustieren angewandt wird.

Politische Gleichgültigkeit und Politikverdrossenheit

Der Glaube an Verschwörungstheorien kann in Personen eine politische Apathie hervorrufen. Das bedeutet, sie wenden sich vom politischen System ab und neigen dazu, ihre Beteiligungsrechte - wie die Stimmabgabe bei Wahlen - nicht mehr wahrzunehmen. Der Grund ist ein Gefühl von Machtlosigkeit, denn man glaubt, gegen die Übermacht der Verschwörer ohnehin nichts ausrichten zu können. Das erscheint im ersten Moment paradox, sind doch Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker durchaus geneigt, politisch in Erscheinung zu treten und ihre Meinung zu kommunizieren, wie man an den zahlreichen Mahnwachen und Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen erkennen kann. Dabei handelt es sich zwar um eine Art der politischen Beteiligung, allerdings um eine, die ziemlich dysfunktional ist. Erstens, weil sie oft gegen Dinge ist, aber keine konstruktiven Vorschläge zur Abhilfe vorlegen kann. Zweitens, anstatt Meinungen zum politischen Tagesgeschehen oder zu tatsächlichen Problem an das politische System zu transportieren, geht die Partizipation an diesen vollkommen vorbei und läuft ins Leere. Sie findet also keinen wirksamen Ansatzpunkt in der Politik. 

Gleichzeitig kann auf der politischen oder gesellschaftlichen Ebene ein Prozess stattfinden, der sich auch bei einzelnen Personen findet, die an Verschwörungstheorien glauben. Dort heißt er Entlastungsfunktion, im großen, gesellschaftlich-politischen Kontext bezeichnen Forscherinnen und Forscher ihn als "systemlegitimierende" Funktion. Solange Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker die Ursachen für das, was sie stört, bei einem Komplott mächtiger Hintermänner suchen, die als das schwarze Schaf außerhalb des Systems stehen, übersehen sie die tatsächlich bestehenden Probleme und Konflikte. Indirekt wird dadurch der Status Quo bestätigt, weil der Kampf gegen die vermeintliche Verschwörung vor einer tatsächlichen Bearbeitung systemischer Unzulänglichkeiten immer Vorrang hat.

Radikalisierung, Demokratiefeindschaft und Antisemitismus

Daneben können Verschwörungstheorien dezidiert demokratiefeindliche Effekte haben. Dazu gehören Radikalisierung, Antisemitismus und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Eine Studie hat gezeigt, dass Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker eine höhere Tendenz zu Demokratiemisstrauen, Gewaltbilligung und Gewaltbereitschaft aufweisen. Wissenschaftlich wird vermutet, dass das an einem mangelnden Vertrauen ins demokratische System führt: Verschwörungsgläubige Menschen gehen davon aus, dass der demokratische Weg in einem System, das von den Verschwörern kontrolliert wird, einfach nicht zum Ziel führen kann. Gewalt kann ebenfalls als Mittel der vermeintlichen Selbstverteidigung gegen die Verschwörer akzeptiert werden, da sich Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker durch diese einer ständigen Bedrohung ausgesetzt sehen. Es gibt auch Vermutungen, dass das Gewaltpotential von der Art der Verschwörungserzählung abhängen. Minderheitenfeindliche Erzählungen können mit einer Diskriminierung, die schon vorhanden ist, wechselwirken und die Verschwörungstheorie kann als Gewaltlegitimation dienen. So hat der Attentäter von Hanau, Tobias R., vor seiner Tat ein Manifest veröffentlicht, in dem er die Existenz einer geheimen Regierung behauptet, die die Menschheit steuere und Geheimwissen besitze. Auch Stephan B., der in Halle mehrere Menschen erschoss, äußerte nach seiner Festnahme Verschwörungstheorien, die eine Art “jüdische Weltverschwörung” behaupten.

Verschwörungstheorien und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit passen deshalb gut zusammen, weil ihre Mechanismen sehr ähnlich sind, nämlich das Identifizieren eines Feindes oder einer Gruppe von Feinden. Solche Personen oder Gruppen (die Verschwörer) werden dämonisiert und pauschalisiert, also nicht als Gruppe von Individuen betrachtet. Bei der Verschwörungserzählung von der “Umvolkung” oder dem “großen Austausch” zum Beispiel werden Flüchtlinge grundsätzlich als Teil einer solchen Kampagne betrachtet. Ihre individuellen Beweggründe und Geschichten spielen keine Rolle. Dabei werden Vorurteile auf die ganze Gruppe angewandt. In einer Studie hat sich gezeigt, dass Verschwörungstheorien viele verschiedene Gruppen als Feindbilder darstellen. Am häufigsten sind das Asylsuchende. Danach folgen muslim- oder fremdenfeindliche sowie antisemitische Feindbilder. Besonders Antisemitismus ist ein Motiv, das dem Feindbild vieler Verschwörungstheorien zugrundeliegt. Dabei werden historisch überdauernde antijüdische Stereotype wie Geldgier, Neid, Heimlichkeit, Boshaftigkeit, aber auch Erzählungen wie die von Opferritualen oder dem Griff nach der Weltherrschaft in die verschiedensten Verschwörungstheorien eingeflochten. Jüdinnen und Juden werden zum Beispiel hinter dem kapitalistischen System, hinter der US-Regierung oder hinter der Bilderberger-Gruppe vermutet. In den Verschwörungstheorien vom Zionist Occupied Government (ZOG) oder der jüdischen Weltverschwörung werden sie sogar offen als Strippenzieher benannt. Nicht alle Verschwörungserzählungen sind antisemitisch. Allerdings schleichen sich antijüdische Stereotype oft heimlich ein.

Ein weiteres Problem an populären Verschwörungsnarrativen ist das Potential zur Vereinigung verschiedener gesellschaftlicher Strömungen unter einer gemeinsamen Gegnerschaft oder Forderung. Die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen veranschaulichen, wie aus alternativen Milieus, Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Rechtsextremen eine Art Querfrontbewegung erwachsen kann. Problematisch an solchen Bewegungen ist, dass oftmals nicht differenziert wird, aus welchen Gruppierungen sie sich zusammensetzt. Dass die Demonstrierenden sie neben sich dulden, verleiht rechtsextremen oder anderen verfassungsfeindlichen Gruppen Legitimität und Aufmerksamkeit. Dadurch können rechtsextreme Gruppen die Bewegung nutzen, um weiter in die Gesellschaft vorzudringen und Unterstützung zu mobilisieren. Das wiederum kann zu Eskalationen führen - wie dem Aufmarsch Rechtsextremer vor dem Reichstagsgebäude im August 2020, inklusive verfassungsfeindlicher Symbole.

Butter, Michael: Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien. Berlin, 2018.

Comparative Analysis of Conspiracy Theories: Leitfaden Verschwörungstheorien. European Cooperation in Science and Technology, 2020. Online verfügbar als PDF.

Dietrich, Kirsten: Sinnsuche zwischen Gut und Böse. Dradio Kultur, 2020. Online verfügbar bei Dradio.

Hepfer, Karl: Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik der Unvernunft. Bielefeld, 2015.

Peitz, Dirk: "Alles ist so, wie Du denkst". Interview mit Michael Butter zu Verschwörungstheorien und dem Attentat in Hanau. Hamburg, 2020. Online verfügbar bei der ZEIT.