Sächsische Verfassung tritt in Kraft

Am 28. Februar beschloss die neu gewählte sächsische Volkskammer, in der unter 96 Abgeordneten 42 MSPD-Mitglieder und 15 USPD-Mitglieder vertreten waren, ein „Vorläufiges Grundgesetz für den Freistaat Sachsen“.

Freistaat ist ein deutsches Wort für die republikanische Staatsform, die auch als Nicht-Monarchie umschrieben werden kann. Weil 1918 die deutschen Königshäuser abtraten, war man von demokratischer Seite sehr darum bemüht, der Abschaffung der Monarchie oder Fürstenherrschaft einen formalen Ausdruck zu verleihen. Am 1. November 1920 trat die endgültig formulierte Sächsische Verfassung in Kraft.

Die sächsischen Sozialdemokraten konnten nun unter demokratischen Bedingungen auf der Basis gleicher Wahlen für Frauen und Männer die Landespolitik maßgeblich mitgestalten. Das in Sachsen konzipierte „linksrepublikanische Projekt“, welches die Einheit der Arbeiterparteien und eine Mehrheitsbildung durch Zusammenschluss des linken Lagers favorisierte, stellte eine strategische Alternative zur Kooperation der Sozialdemokratie mit der bürgerlichen Mitte dar, wie sie sich zum Beispiel auf Reichsebene seit Friedrich Ebert etabliert hatte.

Parteigefüge ändert sich dramatisch

Dieses Konzept scheiterte nicht zuletzt an der Konfrontation mit der Reichspolitik, die in der Reichsexekution gegen Sachsen von 1923 kulminierte: Wegen des Eintritts von KPD-Politikern in die Landesregierung und der illegalen Bewaffnung von „Proletarischen Hundertschaften“ marschierte die Reichswehr in Sachsen ein, lieferte sich blutige Gefechte mit protestierenden Arbeitern und erzwang den Rücktritt des Ministerpräsidenten Erich Zeigner. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass die Spitze der Kommunistischen Internationale in Moskau die Losung für einen von Mitteldeutschland ausgehenden kommunistischen Umsturz ausgegeben hatte. Nach dieser brisanten Episode kam es zu keinen weiteren Koalitionen von KPD und SPD; ab 1929 blockierten die Kommunisten die Zusammenarbeit grundsätzlich und verfolgten einen offenen Konfrontationskurs gegenüber der Sozialdemokratie.

Die hohen Stimmenanteile der politischen Linken standen im Kontext eines politischen Antagonismus zwischen rechts und links in Sachsen, der während der gesamten Weimarer Zeit vorherrschte. Ein ausgleichendes politisches Mittelfeld war kaum existent, ein demokratischer Liberalismus wie etwa in Südwestdeutschland oder ein gewichtiges katholischen Wählerpotential für die Zentrumspartei fehlten. Seit 1930 änderte sich das Parteiengefüge dramatisch: die Nationalsozialisten errangen nun insbesondere in Südwestsachsen große Wahlerfolge. Bei den Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932 gewann die NSDAP 41,2 Prozent der sächsischen Stimmen (Wahlkreis Chemnitz-Zwickau: 47 %) gegenüber 37,4 Prozent auf Reichsebene. Die SPD lag in Sachsen bei 28,4 Prozent gegenüber 21,6 Prozent im Reich.

Monarchismus in der Weimarer Republik (PDF)

Ein Vortrag vom deutschen Historiker Matthias Donath 

Republikanische Erinnerungskultur (PDF)

Ein Vortrag vom deutschen Historiker Matthias Donath.

"Dieser Beitrag wollte die Vergangenheit nicht sich selbst überlassen. Er warf einige Blicke auf die Erinnerungskultur der Weimarer Republik aus dem Interesse an unserer Gegenwart und an der Zukunft unserer Gesellschaft sowie einer demokratischen Erinnerungskultur. Dabei geht es wohlgemerkt nicht darum, die Geschichte der ersten deutschen Demokratie im Interesse unserer Gegenwart zu verbiegen, sondern sie kritisch zu befragen – und damit uns selbst."

Weitere Informationen

  • Drehwald, Suzanne/Jestaedt, Christoph: Sachsen als Verfassungsstaat, hrsg. von Thomas Pfeiffer, Leipzig 1998.
  • Groß, Reiner: Geschichte Sachsens, 4. Aufl., Leipzig/Dresden 2007.
  • Keller, Katrin: Landesgeschichte Sachsen, Stuttgart 2002.
  • Kötzschke, Rudolf/Kretzschmar, Hellmut: Sächsische Geschichte, Neudruck der 2. Aufl. 1965 (1. Aufl. 1935), Augsburg 1995.
  • Naumann, Günter: Sächsische Geschichte in Daten, 3. Aufl., München 1998.
  • Schmeitzner, Mike/Wagner, Andreas (Hrsg.): Von Macht und Ohnmacht. Sächsische Ministerpräsidenten im Zeitalter der Extreme 1919-1952, Beucha/Dresden 2006.
  • Szejnmann, Claus-Christian W.: Vom Traum zum Alptraum. Sachsen in der Weimarer Republik, Leipzig/Dresden 2000.
  • Vollnhals, Clemens (Hrsg.): Sachsen in der NS-Zeit, Leipzig 2002.
  • Wagner, Andreas: Machtergreifung in Sachsen. NSDAP und staatliche Verwaltung 1930-1935,
  • Köln 2004.
  • Wagner, Andreas: Mutschmann gegen von Killinger. Konfliktlinien zwischen Gauleiter und SA-Führer während des Aufstiegs der NSDAP und der „Machtergreifung“ im Freistaat Sachsen,  Beucha 2001.
  1. Dr. Georg Gradnauer, MSPD (14.03.1919-4.05.1920)
  2. Wilhelm Buck, MSPD/SPD (4.05.1920-21.03.1923)
  3. Dr. Erich Zeigner, SPD (21.03.1923-29.10.1923)
  4. Alfred Fellisch, SPD (31.10.1923-4.01.1924)
  5. Max Heldt, SPD bis 1927/ASP ab 1927 (4.01.1924-25.06.1929)
  6. Wilhelm Bünger, DVP (25.06.1929-6.05.1930)
  7. Walther Schieck, DVP (6.05.1930-10.03.1933

Quelle: Schmeitzner/Wagner (Hrsg.), Von Macht und Ohnmacht, Beucha/Dresden 2006.

ASPSAlte Sozialdemokratische Partei Sachsens
CSVDChristlich-sozialer Volksdienst
CVPChristliche Volkspartei
DDPDeutsche Demokratische Partei
DNVPDeutschnationale Volkspartei
DVPDeutsche Volkspartei
KPDKommunistische Partei Deutschlands
NSDAPNationalsozialistische Partei Deutschlands
NSFBNationalsozialistische Freiheitsbewegung
SLVSächsisches Landvolk
SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands
USPDUnabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands
VNRVVolksnationale Reichsvereinigung
VRPReichspartei für Volksrecht und Aufwertung/ Volksrechtpartei
WPReichspartei des Deutschen Mittelstandes/ Wirtschaftspartei
ZentrumDeutsche Zentrumspartei

Gustav Stresemann, Dresden und die Weimarer Republik.

Professor em. Karl Heinrich Pohl im Gespräch mit Dr. Mike Schmeitzner vom Hannah-Arendt-Institut Dresden.

Gustav Stresemann ist eine prägende Gestalt der Weimarer Republik. Die Bewertung der politischen Entwicklung des Friedensnobelpreisträgers ist in der Wissenschaft kontrovers. Wandelte er sich von einem überzeugten Monarchisten zu einem Herzens-Republikaner? Gute 20 Lebensjahre verbrachte der gebürtige Berliner in Dresden, bevor ihn die große Politik wieder in die Reichshauptstadt führte. Wie prägend waren die Dresdner Jahre für den Reichskanzler und Außenminister? Karl Heinrich Pohl ist der Autor einer neuen Biographie Stresemanns, die insbesondere dessen sächsische Jahre beleuchtet.