Tacheles in Prag 1/2
Ankunft in Prag: Spuren jüdischer Geschichte
Bereits unmittelbar nach unserer Ankunft auf dem Prager Hauptbahnhof begegneten uns die ersten Spuren jüdischen Lebens. Ein kleiner Junge klammert sich verzweifelt an den Hals eines älteren Mannes, ein Mädchen steht mit leerem Blick daneben, zu ihren Füßen ein Koffer mit Blumen. Das Denkmal erinnert an Sir Nicholas Winton, der 1939 durch sein mutiges Handeln 669 überwiegend jüdische Kinder vor dem Holocaust rettete. Der britische Bankangestellte organisierte acht sogenannte Kindertransporte, mit denen die Kinder vom Prager Hauptbahnhof nach England in Sicherheit gebracht wurden.
Vom Leid der Eltern, die sich für immer von ihren Kindern verabschieden mussten, zeugt die bewegende Plastik „Abschied“. Sie zeigt die Handabdrücke von Kindern an der Tür eines Zuges. Insgesamt wurden 15.131 tschechoslowakische Kinder in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet.

Sachsen in Prag
Vom Bahnhof führte unser Weg in das Verbindungsbüro des Freistaates Sachsen in Prag, das gemeinsam mit der Brücke|Most-Stiftung die Studienreise ermöglichte. Die Leiterin des Büros, Josefina Ofner, begrüßte die Gruppe herzlich. Während der gesamten Reise diente das Verbindungsbüro als Tagungs- und Begegnungsort und bot ideale Bedingungen für die inhaltliche Arbeit.
Tausend Jahre jüdisches Leben
Den fachlichen Auftakt gestaltete Dr. Tomáš Kraus, Direktor des Instituts der Theresienstädter Initiative und eine der prägenden Persönlichkeiten beim Wiederaufbau jüdischen Gemeindelebens nach dem Ende des Kommunismus.
In seinem Vortrag spannte er den Bogen von den ersten jüdischen Siedlern in Böhmen über Rabbi Löw und die Golem-Legende bis hin zu den tiefen Einschnitten durch Shoah, kommunistische Herrschaft und die gesellschaftliche Transformation nach 1989. Bereits dieser Überblick machte die Vielfalt jüdischen Lebens und seine Bedeutung für die Gegenwart deutlich.
Jüdisches Prag jenseits der Touristenpfade
Am Nachmittag stand ein Stadtspaziergang unter dem Titel „Jüdisches Prag jenseits der Touristenpfade“ auf dem Programm. Unser Guide war der Schriftsteller und ehemalige Diplomat Marek Toman, der sich in seinen Werken intensiv mit jüdischer Kultur und Geschichte auseinandersetzt.
Durch das Prager Stadtviertel Vinohrady führte er uns an Orte, an denen man im Alltag leicht vorbeigehen würde. Wir besuchten den Neptun-Brunnen, der eine wichtige Rolle in seinem jüngsten historischen Roman spielt, und erfuhren mehr über die einzige Prager Synagoge, die während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde – durch eine amerikanische Bombe, deren eigentliches Ziel Dresden gewesen war.
Marek Tomans Geschichten verliehen den Orten eine besondere Lebendigkeit und machten sichtbar, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind.

Synagogen, Friedhof und Erinnerungsorte
Der zweite Reisetag begann mit einer Führung durch vier Synagogen sowie den Alten Jüdischen Friedhof. Die Besuche vertieften die Eindrücke des Vortages und vermittelten ein eindrucksvolles Bild der religiösen und kulturellen Vielfalt des jüdischen Lebens in Prag.
Besonders bewegend war der Besuch der Pinkas-Synagoge. Ihre Wände tragen die Namen von rund 80.000 tschechischen Jüdinnen und Juden, die Opfer des Holocaust wurden. Tief beeindruckte auch die Ausstellung mit Zeichnungen von Kindern, die im Ghetto Theresienstadt inhaftiert waren.
Jüdisches Leben heute
Am Nachmittag rückte die Gegenwart in den Mittelpunkt. In einem moderierten Gespräch diskutierten Dr. Tomáš Kraus und Rabbi David Maxa über die Situation der jüdischen Gemeinden in Tschechien.
Derzeit existieren neun jüdische Gemeinden im Land, in Prag, Brno, Karlovy Vary, Liberec, Olomouc, Ostrava, Plzeň, Teplice und Děčín. Insgesamt leben schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Jüdinnen und Juden in der tschechischen Hauptstadt. Beide Gesprächspartner betonten, dass die demografische Entwicklung gegenwärtig eine größere Herausforderung für die Gemeinden darstelle als der Antisemitismus.
Rabbi Maxa erläuterte die unterschiedlichen Strömungen des Judentums und schilderte die Bemühungen, Menschen wieder an ihre jüdischen Wurzeln heranzuführen. In einer stark säkularisierten Gesellschaft komme dabei dem interreligiösen Dialog eine besondere Bedeutung zu.
Einigkeit bestand auch darin, dass Antisemitismus in Tschechien bislang weniger stark ausgeprägt sei als in einigen Nachbarländern. Gleichzeitig beobachte man jedoch mit Sorge, dass antisemitische Einstellungen und Vorfälle zunehmen. Die Diskussion über die These von Tomáš Kraus, dass moderner Antisemitismus nach dem 7. Oktober 2023 lediglich ein durch das Internet beförderter „Modetrend“ sei, wurde in vertiefter Form in der anschließenden Podiumsdiskussion fortgeführt.

Zwischen Antisemitismus, Populismus und Polarisierung
Die Diskussion, die zweifellos einen der intellektuellen Höhepunkte der Reise darstellte, wurde geführt von Dr. Jan Charvát, Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt politischer Extremismus und Dr. Irena Kalhousová, Direktorin des Herzl-Zentrums für Israelstudien, beide von der Karls-Universität in Prag, sowie Gabriela Svárovská, Abgeordnete der Grünen im tschechischen Parlament und Michael Pelíšek, Sekretär der Föderation der Jüdischen Gemeinden in Tschechien. Moderiert wurde die Runde von Ferdinand Hauser, Journalist von Radio Prag International.
Jan Charvát beobachtet in der politischen Landschaft Tschechiens eine zunehmende „Mainstreamisierung“ der rechten Parteien. Damit einher geht ein ausgeprägter Anti-Islamismus, der Islam wird stärker angefeindet als das Judentum, so seine Ansicht. Jan Charvát sieht seit 2015 eine zunehmende Verbreitung pro-russischer Desinformation, die sich unter anderem gegen ukrainische Zuwanderinnen und Zuwanderer richtet. Auch Michael Pelíšek bestätigt den Einfluss von Desinformationskampagnen auf die tschechische Bevölkerung. Er berichtet, dass sich zwar die Anzahl antisemitischer Vorfälle in den letzten Jahren nicht erhöht habe, wohl aber die Schwere der Delikte gewachsen sei. Gabriela Svárovská erzählt von ihren Erfahrungen mit den populistisch agierenden rechtsextremen Parteien im tschechischen Parlament, deren Politik gegen Migration unter dem Einfluss von Internet und KI eine immer größere Reichweite bekommt.
Ein Thema, welches nach der Meinung von Svárovská die tschechische Gesellschaft spaltet, ist der Umgang Israels mit den Palästinensern im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen nach dem 7. Oktober 2023. Diese Wahrnehmung wird auch von Irena Kalhousová geteilt. Wie die anderen Diskussionspartner ist auch sie der Meinung, dass Antisemitismus in Tschechien kein großes Problem sei. Anders als in Polen oder Ungarn seien die Juden in Tschechien stärker in die Gesellschaft integriert und assimiliert. Antisemitismus gilt als nicht salonfähig in Tschechien, Antizionismus sei es dagegen schon. Nach dem 7. Oktober 2023 hätten nicht einmal mehr Akademiker Hemmungen, sich offen gegen Israel zu stellen, konstatiert die Expertin für Israel-Studien. Antisemitismus sei schwer von Israel-Kritik zu trennen, stellt Irena Kalhousová fest und spricht damit ein Problem an, welches auch in Deutschland viele Menschen beschäftigt.

Trotz unterschiedlicher Perspektiven herrschte Einigkeit darüber, dass offene Gespräche über kontroverse Themen in Tschechien noch immer vergleichsweise selten sind. Umso positiver wurde die sachliche und respektvolle Atmosphäre der Diskussion bewertet.
Die Reise geht weiter nach Theresienstadt und Litoměřice – mehr dazu im zweite Teil.
