Vom Schweigen zum Gespräch: Wie „Kontrovers vor Ort“ Räume für Reflexion und Austausch schafft

Der Saal füllt sich langsam, als das Team des Hole of Fame weitere Sitzmöglichkeiten herausholt – zurecht, denn am Ende ist jeder freie Platz belegt. Rund 46 Gäste sind gekommen, um im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kontrovers vor Ort“ den Film „Mit der Faust in die Welt schlagen“ zu sehen und anschließend mit Regisseurin Constanze Klaue und Produzent Alexander Wadouh ins Gespräch zu kommen. Was an diesem Abend schnell deutlich wurde: die Veranstaltung zeigte beispielhaft, wie kulturelle Formate Räume für politische Bildung, Austausch und persönliche Reflexion öffnen können.

 

„Kontrovers vor Ort“ bringt politische Bildung in ganz Sachsen

Die Filmvorführung in Dresden war eine von insgesamt sieben Stationen der Filmreihe im Rahmen von „Kontrovers vor Ort“. Neben Dresden wurde „Mit der Faust in die Welt schlagen“ auch in Kamenz, Hoyerswerda, Breitenbrunn, Weißwasser, Döbeln und Schkeuditz gezeigt. Das Projekt der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (SLpB) entsteht in Kooperation mit den sächsischen Volkshochschulen und soziokulturellen Zentren sowie weiteren Partnern in Sachsen. Dazu gehört auch der Sächsische Filmverband e. V., der die Filmreihe als Kooperationspartner begleitet und seine Expertise aus der sächsischen Film- und Kulturlandschaft einbringt. Ziel ist es, politische Bildung auch dort anzubieten, wo es bislang wenige oder keine vergleichbaren Angebote gibt.

Ein Film über Sprachlosigkeit

Schon der Beginn der Veranstaltung passte auf unerwartete Weise zum Thema des Abends. Eigentlich sollte nur Produzent Alexander Wadouh beim anschließenden Gespräch dabei sein. Aufgrund einer Kommunikationspanne kam kurzfristig auch Regisseurin Constanze Klaue hinzu. Aus einem kleinen Missverständnis entstand so eine zusätzliche Perspektive für die anschließende Diskussion.

Was zunächst wie ein kleines organisatorisches Missverständnis wirkte, wurde im Verlauf des Abends fast zu einem Sinnbild für die Themen des Films. Denn „Mit der Faust in die Welt schlagen“ erzählt von Menschen, denen es schwerfällt, miteinander ins Gespräch zu kommen.

„Mit der Faust in die Welt schlagen“ nach dem gleichnamigen Roman von Lukas Rietzschel erzählt die Geschichte der Brüder Philipp und Tobias, die in der sächsischen Provinz der Nachwendezeit aufwachsen. Während sich die Welt um sie herum verändert, fehlen in ihrem Umfeld häufig die Worte, um diese Veränderungen einzuordnen. Die Eltern kämpfen mit eigenen Erfahrungen und Enttäuschungen, während die Kinder versuchen, ihren Platz in einer Umgebung zu finden, die von Unsicherheit und Perspektivlosigkeit geprägt ist.

Authentizität statt einfacher Antworten

Im Gespräch mit Moderatorin Barbara Wallbraun erläuterten Constanze Klaue und Alexander Wadouh, wie der Film entstanden ist und welche Entscheidungen hinter der Inszenierung standen. Besonders wichtig sei gewesen, nah an den Figuren zu bleiben und die Perspektive der Kinder einzunehmen. Die Technik sollte nicht im Mittelpunkt stehen, sondern eine Atmosphäre schaffen, in der die Lebenswelt der Figuren glaubwürdig sichtbar wird.

Für Constanze Klaue spielte dabei auch die Authentizität der Mitwirkenden eine wichtige Rolle. Menschen mit eigenen Erfahrungen in ostdeutschen Lebenswelten sollten ihre Perspektiven einbringen können. Die Rolle des Tobias wurde mit Anton besetzt, der zuvor noch nie vor einer Kamera gestanden hatte. Die Regisseurin erzählte, dass sie ihn bei einem Streetcasting auf einem Fußballplatz entdeckt habe. Besonders sein Blick habe sie überzeugt, weil er oft mehr erzähle als Worte.

Zwischen Ablehnung und Reflexion

Im anschließenden Austausch wurde deutlich, wie unterschiedlich der Film aufgenommen wird. Einige Zuschauerinnen und Zuschauer berichteten, dass sie sich in den gezeigten Lebensrealitäten wiedergefunden hätten. Andere Reaktionen seien zunächst von Distanz oder Ablehnung geprägt gewesen, erzählte Constanze Klaue aus Erfahrungen mit weiteren Vorführungen. Gerade ältere Zuschauerinnen und Zuschauer hätten den Film teilweise zunächst kritisch betrachtet. Doch nach den ersten Reaktionen seien häufig persönliche Erzählungen gefolgt. 

Die Regisseurin berichtete von einer Zuschauerin, die sich in der Rolle der Eltern wiedererkannt habe und anschließend darüber nachdachte, ob sie bei ihren eigenen Kindern möglicherweise etwas versäumt habe. Solche Momente zeigen, welche Bedeutung der Austausch nach einer Filmvorführung haben kann. Der Film allein beantwortet keine gesellschaftlichen Fragen. Er kann jedoch einen Anlass schaffen, eigene Erfahrungen zu hinterfragen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Auch die Einordnung des Films war Teil der Diskussion. Alexander Wadouh betonte, dass „Mit der Faust in die Welt schlagen“ nicht ausschließlich als Ostfilm verstanden werden solle. Die Themen des Films seien nicht nur mit ostdeutschen Erfahrungen verbunden, sondern beträfen auch andere ländliche Regionen: fehlende Perspektiven, gesellschaftliche Veränderungen und die Suche nach Orientierung. 

Orte schaffen, an denen Gespräche möglich werden

Der Abend im Hole of Fame machte deutlich: Verständigung entsteht nicht automatisch. Sie braucht Orte, an denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen und Menschen bereit sind, zuzuhören.

Genau hier setzt „Kontrovers vor Ort“ an: Mit Veranstaltungen an verschiedenen Orten in Sachsen entstehen Möglichkeiten für Austausch und Reflexion. Die Kooperation mit Akteuren aus der Film- und Kulturlandschaft machte sichtbar, dass politische Bildung auch dort beginnt, wo Menschen miteinander sprechen, Fragen stellen und gemeinsame Erfahrungen teilen.