Raus aus der eigenen Blase – die SLpB wagt ein Experiment

Wie erreicht politische Bildung Menschen, die nicht von selbst zu einer Veranstaltung kommen? Mit einer zweiwöchigen Pilotphase geht die SLpB im September raus aus der Behörde und hinein in den öffentlichen Raum. Unser Organisationsteam erzählt, warum sie neue Wege ausprobieren wollen und was sie sich davon versprechen

Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden – und warum ist es gerade jetzt Zeit politische Bildung einmal anders ausprobieren?

Ivo Vacík:

Wir haben bei einer Klausur nach Themen gesucht, die gerade die Gesellschaft prägen. Herausgekommen sind drei Stichworte: Blasen platzen lassen. Emotionalisierung. Zukunft positiv gestalten. Dieses Projekt ist der Versuch, alle drei ernst zu nehmen.

Am dringendsten ist das mit den Blasen. Die Gesellschaft besteht inzwischen aus lauter Blasen, die nebeneinanderher schweben und sich kaum noch berühren. In jeder herrscht Einigkeit, in jeder klingt die Welt anders. Wir sind keine Ausnahme. Wir haben auch unsere eigene: politisch Interessierte, Engagierte, Akademiker. Man kennt sich, man versteht sich, man nickt sich zu.

Wie kommt man da raus? Warten, bis die anderen zu uns kommen, funktioniert oft leider nur bedingt. Bleibt nur, selbst rauszugehen und zwar dorthin, wo die Blasen sich noch berühren: auf den Markt, in die Fußgängerzone, dahin, wo alle einkaufen müssen, egal was sie wählen.

Und dann ist da die Sache mit den Emotionen. Meinungen entstehen heute in zwanzig Sekunden auf TikTok, über ein Gefühl, nicht über ein Argument. Wir dagegen liefern oft neunzig Minuten Podiumsdiskussion. Das ist kein fairer Wettbewerb.

Zugegeben: Emotionalisierung ist für politisch Bildende ein unangenehmes Wort. Wir sind darauf trainiert, sachlich zu bleiben, abzuwägen, zu differenzieren. Emotionen zu nutzen, fühlt sich erst mal an wie ein Tabubruch. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Menschen emotional manipulieren und Menschen emotional erreichen. Neugier ist eine Emotion. Ein Schmunzeln auch. Und ohne die kommt man an niemanden heran.

Bei Wolfgang Nafroth haben wir einen spannenden Werkzeugkasten gefunden: Aufmerksamkeit im Alltag, mit Humor und Überraschung. Genau das wollen wir jetzt ausprobieren.

Was unterscheidet das Projekt von klassischen und bisherigen Angeboten der Landeszentrale?

Ivo Vacík:

Bisher machen wir vor allem Veranstaltungen: Vorträge, Diskussionen, Seminare, Studienreisen. Dazu kommt unser Infomobil. Das alles setzt voraus, dass jemand kommt, sich anmeldet, sich Zeit nimmt. Wir sind das Angebot, die Leute müssen den Schritt machen.

Diesmal umgekehrt: Wir stehen da, wo die Leute schon sind. Keine Anmeldung, kein Hinsetzen, kein Zuhören. Man kann auch einfach weitergehen.

Zweiter Unterschied: Wir erklären nichts, solange niemand fragt. Wir fangen mit etwas an, das irritiert. Wer stehen bleibt und wissen will, was das soll, bekommt eine Antwort. 

Drittens arbeiten wir mit Fragen und Thesen statt mit fertigen Meinungen. Das ist keine Marktplatz-Masche, sondern Grundregel unseres Fachs: Was in der Gesellschaft umstritten ist, muss auch bei uns umstritten bleiben. Wir wollen niemanden überreden, sondern zum Nachdenken bringen.

Und viertens reicht uns weniger, als man denkt. Es muss gar kein Gespräch zustande kommen. Es genügt, wenn das Thema hängen bleibt, wenn jemand weiterdenkt, sich informiert. Am liebsten wäre uns der Satz: „Ich habe heute in der Stadt was Verrücktes gesehen."

Warum startet ihr bewusst mit einer Pilotphase und nicht gleich mit einem fertigen Konzept?

Friedemann Brause:

In der Pilotphase können wir mehrere Ansätze auf einmal ausprobieren. Wir haben z. B. ein Team, das mehrere Dutzend Gartenzwerge als „Zwergen-Aufstand“ in der Innenstadt aufstellt. Oder es setzen sich unsere Leute mit einer riesigen Zeitung auf den Wochenmarkt. Mitlesen ist dort ausdrücklich gewünscht. 

Aus den vielen verschiedenen Einsätzen sammeln wir Erfahrungen. Nach der Pilotphase wissen wir dann besser, was für uns und die Menschen in Sachsen passt.

Wie sehen diese zwei Wochen ganz praktisch aus – wo seid ihr in Sachsen unterwegs und wie kann man euch begegnen, ohne schon zu verraten, was genau dort passiert?

Ivo Vacík:

Los geht es am 6. September beim Tag des offenen Regierungsviertels in Dresden. Danach schwärmen wir aus, bis zum 18. September, quer durch Sachsen. Bewusst nicht nur Dresden und Leipzig, sondern quer durch Sachsen – von Mittweida und Freiberg über Meißen und Bautzen bis Görlitz, Zwickau und Plauen. Dorthin, wo die Leute sowieso einkaufen und warten.

Drei Teams, vier Methoden, parallel in verschiedenen Städten. Beteiligt sind rund fünfzehn Kolleginnen und Kollegen aus dem ganzen Haus. 

Begegnen kann man uns, indem man vorbeikommt. Keine Anmeldung, kein Programm, kein Eintritt. Zwei Minuten stehen bleiben oder eine halbe Stunde reden oder weitergehen.

Was genau passiert, verraten wir noch nicht. Nur so viel: Irgendwo wird jemand eine sehr große Zeitung lesen. Woanders liegt etwas auf dem Boden, das da nicht hingehört. Wer das sieht, fragt sich vermutlich, was das soll. Genau darum geht es.

Ihr konzentriert Euch auf neue, ungewohnte Formate. Was reizt Euch daran?

Fabian Soding:

Das Reizvolle für uns ist, dass wir selbst nicht wissen, was passieren wird. Wir verbringen viel Zeit damit, darüber nachzudenken, wie wir Menschen erreichen können. Jetzt gehen wir selbst raus und erleben unmittelbar, was funktioniert und was nicht.

Zwei Wochen in Sachsen unterwegs zu sein, darauf sind wir sehr gespannt. Wir versprechen uns davon mindestens genauso viel zu lernen wie die Menschen, denen wir begegnen – vor allem darüber, wie politische Bildung auch abseits klassischer Formate mit Menschen ins Gespräch kommen kann.

Was möchtet ihr in diesen zwei Wochen über die Menschen lernen, denen ihr begegnet?

Friedemann Brause:

Vor allem möchten wir Menschen ins Gespräch bringen. Oder wir schaffen eine kurze Irritation, ein Innehalten. Uns interessiert, wie Menschen auf Streitthemen blicken, z. B. die Spritpreise, der neue Wehrdienst oder den Einfluss von Technik und KI. Wir glauben, dass es jede Menge unterschiedlicher Sichtweisen gibt. Ob das so ist, werden wir nach den zwei Wochen sehen.

Wie geht ihr damit um, dass ihr selbst noch nicht genau wisst, was funktionieren wird und was vielleicht auch nicht?

Fabian Soding:

Es wäre arrogant zu glauben, dass wir am Schreibtisch wissen können, worauf Menschen in ihrem Alltag oder auf einem Marktplatz reagieren. Einige Ideen, die wir im Team super finden, können draußen und im direkten Kontakt vielleicht gar nicht funktionieren. Und etwas ganz Banales bewirkt plötzlich genau die Reaktion, die wir uns gewünscht haben.

Es gehört zum Experiment, das auszuhalten. Diesmal versuchen wir absichtlich, nicht alles so lange zu überdenken, bis es perfekt ist.

Woran würdet ihr nach den zwei Wochen merken: Dieser Versuch hat sich gelohnt?

Friedemann Brause:

In erster Linie soll es Spaß und Aha-Momente verschaffen – uns und den Leuten. Wir würden uns freuen, wenn die Menschen diesen kleine Stopp im Alltag schön fänden. Talkshows und Debatten gibt es schon viele. Wir freuen uns natürlich über Feedback!

Und was soll nach der Pilotphase mit den Erfahrungen passieren?

Fabian Soding:

Nach dem 18. September werden wir erst einmal zusammentragen, was tatsächlich passiert ist. Was hat Menschen neugierig gemacht? Wo sind Gespräche entstanden? Was hat nur auf dem Papier funktioniert? Und welche Ideen würden wir beim nächsten Mal ganz anders machen?

Dann wollen wir entscheiden, welche Methoden sich für die Landeszentrale dauerhaft eignen und welche nicht. Manche werden wir vielleicht verworfen, andere verändert und einige vielleicht weiterentwickelt. Der Pilot soll also kein einmaliger Ausflug bleiben, sondern uns zeigen, wie wir in den nächsten Jahren häufiger politische Bildung außerhalb unserer gewohnten Formate machen können.