„In Deutschland hat man die KGB-Laufbahn von Putin lange verdrängt“
Frau Scherbakowa, wie blicken Sie auf die Lage in Russland? Düsterer denn je?
Die Situation ist in der Tat düster. Es gibt nichts wirklich Neues. Ein Ende des Kriegs in der Ukraine ist nicht in Sicht. Die Folgen des Kriegs spüren die Menschen in Russland zwar immer deutlicher, vielleicht etwas weniger in den Großstädten, aber in den Regionen schon. Es gibt Abertausende Menschen, die im Krieg gefallen sind. Die genauen Zahlen sind unklar, aber sie sind hoch. Der größte Teil der Gesellschaft versucht trotzdem weiter, diesen Krieg zu „normalisieren“, sich daran anzupassen. Es ist nicht in Sicht, dass Proteste das Regime zu Fall bringen.
Viele russische Oppositionelle sind aus dem Land geflohen und leben zerstreut über die Welt verteilt. Kann man daraus, oppositionellen Widerstand aufbauen?
Das ist kompliziert. Natürlich sind die Menschen nicht tatenlos. Es gibt weiterhin viele Strukturen. Es arbeiten viele Medien außerhalb des Landes, weil Zugang zu Informationen, zu wahren Fakten, auch über Repressionen, in Russland immer schwieriger werden. Aber natürlich ist die Frage, wie weit das die innere Situation im Land beeinflussen kann.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass viele Menschen, auch Sie, große Hoffnungen in der Phase von „Glasnost“ und „Perestroika“ unter Michail Gorbatschow hatten. 1989 wurde auch Memorial gegründet. Aber dass daraus verlorene Illusionen wurden. Wie konnte das passieren?
Es gab in dieser Phase Hoffnungen. Die Sowjetunion ist zerfallen, das kommunistische Regime abgeschafft, Reformen wurden angestoßen. Aber später ist es klar geworden, dass Reformen in Richtung Demokratie und Freiheit auf der Strecke bleiben. Es stellte sich heraus, dass in den Köpfen von vielen Menschen wenig später ein Riss passiert ist. Viele wollten die Marktwirtschaft, sie wollten endlich konsumieren und die Entbehrungen der früheren Zeit vergessen. Aber dass dies in direktem Zusammenhang mit anderen Reformen stand, trennte sie ab. Viele Menschen wollten Marktwirtschaft, auch noch in den Nullerjahren, aber Demokratie und Freiheit wurden immer unwichtiger.

Sie haben mit Memorial versucht, die sowjetische und russische Historie aufzuarbeiten. Sie haben die Geschichten von Menschenrechtsverletzungen, von Gulag-Lagern, von vielen Opfern gesammelt und öffentlich gemacht. Nun gibt es seit langem Geschichtsverfälschungen in Russland. Im Putinismus wird das für Propaganda instrumentalisiert. Was hat Memorial im Rückblick erreicht?
Dieser Rückschlag ist für uns natürlich verbunden mit einem Gefühl der Bitterkeit. Aber wir haben auch etwas erreicht. Wir wurden zum Symbol der Aufarbeitung, wir haben einiges geschaffen, mit Publikationen, mit Archivforschungen. Außerdem hat Memorial 20 Jahre lang einen Schülerwettbewerb in Russland durchgeführt. Da ging es darum, dass sich junge Menschen mit der Geschichte Russlands und der ihrer Familien auseinandersetzen. Über 50.000 Schüler aus allen russischen Regionen haben daran teilgenommen. Das kann nicht getilgt werden, ob das das heutige Regime will oder nicht. Und es bleiben nach wie vor viele Menschen, die uns unterstützen, die unsere Meinung teilen. Teilweise versuchen Menschen auch, unter sehr starkem Druck, diese Arbeit in Russland weiterzubetreiben. Und auch wir im Exil machen weiter und arbeiten gegen Putins Geschichtsverfälschungen an.
Auch der brutale Diktator Stalin wird in Russland wieder als Held verehrt. Wie erklären Sie sich, dass solche Geschichtsverfälschungen möglich sind?
Dieses Muster wird Russland seit Jahrhunderten immer wieder zum Verhängnis. Dabei geht es um die Rolle der starken Macht. Der Mensch ist in den Händen dieser absoluten Macht, man kann sich entweder vor ihr verstecken oder mitmachen. Auflehnung und Proteste führen zu nichts oder zu Chaos, so wird das von Putin und seinen Ideologen ständig vermittelt. Und so blühen Geschichtsverfälschungen wie diese immer wieder auf.

Wie kann man so etwas verhindern? Was sollte in Länder passieren, in denen es ebenfalls autoritäre Bestrebungen und Umdeutungen der Geschichte gibt?
Es gibt viele Antworten darauf. Es muss in der Zivilgesellschaft Bemühungen geben, sich dagegen aufzulehnen. Und die Gefahr muss ernstgenommen werden. Es geht auch darum, dass Menschen Populisten glauben, weil dieser leider manche Sachen beim Namen nennen, die nicht deutlich genug von anderen Seiten benannt werden. Populisten von rechts, auch von links, greifen so etwas auf. Diesen Mechanismus kann man nur besiegen, indem man den Menschen nichts vorlügt. Und sie in einen Prozess mitnimmt, damit Menschen nicht den Eindruck haben, dass etwas ohne ihre Wilen passiert. Sonst nutzen Populisten das und bauen Verschwörungstheorien. Aber das ist natürlich ein sehr schwieriger Prozess.
Putin hat in Dresden in den 80er-Jahren als KGB-Agent gearbeitet, hier liegt ein Grundstein seiner Laufbahn. Was kann man hier über Putin lernen?
Putins Grundstein liegt früher, als er seine Karriere beim KGB in der Sowjetunion aufgebaut hat. Seine Jahre in Dresden waren eine weitere Stufe seiner Karriere. In Deutschland hat man die KGB-Laufbahn von Putin lange verdrängt. Das war für mich immer erstaunlich. Wir wissen aus den 90er-Jahren nach dem Ende der DDR, wie schwierig die Aufarbeitungen zu Mittäterschaften bei der Stasi waren. Das war für viele ein schmerzhafter Aufarbeitungsprozess, aber er war notwendig. Das man Putin, der auch bei einem repressiven Geheimdienst war, davon ausgeschlossen hat, habe ich nie verstanden. Es haben einige sogar schön gefunden haben, dass er mal in Dresden gearbeitet hat, das wurde fast romantisiert. Auch, dass man ihm früher applaudiert hat, dass er Deutsch spricht, fand ich unpassend. Es ging damals gar nicht darum, warum er diese Sprache gelernt hat. Die Entwicklung hat gezeigt, dass es falsch war, zu verdrängen, was er damals in Dresden gemacht hat. Aus dem kleinen KGB-Mitarbeiter Putin ist ein sehr gefährlicher und blutiger Diktator geworden.

Es gibt immer wieder diplomatische Versuche, die russischen Angriffe in der Ukraine zu beenden, über einen Waffenstillstand und Frieden zu verhandeln. Glauben Sie, dass Putin daran ein ernsthaftes Interesse hat?
Nur zu seinen Gunsten. Man sollte sich klarmachen, was Putin will. Er will, mindestens, die Ostukraine, die er aber gar nicht erobert hat. Und er will dadurch Einfluss auf die ganze Ukraine ausüben.
Haben Sie Hoffnungen, noch ein anderes Russland zu erleben, eines Tages wieder in Ihre Heimat zurückkehren zu können?
Die Hoffnung ist da, solange ein Mensch lebt. Aber in dieses Land will ich nicht zurück. Nur wenn es wirkliche Veränderungen gibt. Und ehrlich gesagt bin ich ziemlich pessimistisch, dass ich das noch erleben werde. Aber es gibt in der Geschichte auch immer wieder Wendepunkte.
Veranstaltungshinweis:
Mit ihrem Buch „Der Schlüssel würde noch passen“ ist Irina Scherbakow, moderiert von der Journalistin und Russland-Spezialistin Gemma Pörzgen, an drei Abendenden Gast der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung in Dresden, Chemnitz und Zwickau:
24. April 2026, 18:00 Uhr, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung Dresden
27. April 2026, 18:00 Uhr, Hartmannfabrik Chemnitz
28. April 2026, 18:00 Uhr, Gasometer Zwickau
Irina Scherbakowa, geboren 1949 in Moskau, ist Historikerin und Publizistin. Vor der Perestrojka arbeitete sie als Redakteurin und Übersetzerin deutscher Literatur. Seit Anfang der 1980er Jahre führte sie Gespräche mit GULAG-Überlebenden und leitete ab Gründung von Memorial (1989) die Bildungsarbeit der russischen Menschenrechtsorganisation, vor allem den Geschichtswettbewerb. Forschungsaufenthalte führten sie nach Berlin, Wien, Salzburg und Jena. 2021 liquidierte das Putin-Regime die NGO, 2022 erhielt Memorial gemeinsam mit dem belarussischen Menschenrechtsaktivisten Ales Bjaljazki und der ukrainischen Organisation Center for Civil Liberties den Friedensnobelpreis. Im selben Jahr verließ Scherbakowa ihr Heimatland und lebt heute in Berlin und Tel Aviv. Sie ist Vorstandvorsitzende der in Berlin gegründeten Exilorganisation Zukunft Memorial, gehört dem Kuratorium der Gedenkstätte Buchenwald an und ist Ehrenmitglied des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin.
