Brüssel ist näher, als man denkt

Was macht eigentlich eine Landesvertretung in Brüssel? Und wie können Regionen wie Sachsen ihre Interessen auf europäischer Ebene einbringen? Im Rahmen eines Hospitationsprogramms durfte ich vom 2. bis 6. März 2026 gemeinsam mit meiner Kollegin, Dr. Christine von Brühl die Vertretung des Freistaates Sachsen bei der Europäischen Union kennenlernen. Es war eine Woche voller Gespräche, Begegnungen und neuer Perspektiven auf Europa.

 

Brüssel ist nicht weit weg

Wer an Brüssel denkt, denkt oft zuerst an die „große“ europäische Politik: an Kommission, Parlament und Rat, an Gipfel, Richtlinien und Verhandlungen. Dass Europa aber nicht nur auf der Ebene der Mitgliedstaaten gestaltet wird, sondern auch Regionen und Länder dabei eine wichtige Rolle spielen, wurde mir während meiner Hospitation bei der Vertretung des Freistaates Sachsen bei der Europäischen Union sehr anschaulich vor Augen geführt.

Vom 2. bis 6. März 2026 war ich gemeinsam mit Frau von Brühl in Brüssel unterwegs, und die Stadt zeigte sich dabei von ihrer freundlichsten Seite: 17 bis 19 Grad, Sonne, fast schon Frühlingsgefühl. Der äußere Rahmen hätte kaum angenehmer sein können. Inhaltlich ging es jedoch um ein sehr ernstes und zugleich spannendes Thema: Wie vertritt Sachsen seine Interessen auf europäischer Ebene?

Mitten im Europaviertel, nahe des Place Schuman und des Parc du Cinquantenaire, weht die sächsische Fahne an der Landesvertretung. Genau dort ist Sachsen präsent, wo europäische Initiativen vorbereitet, verhandelt und politisch eingeordnet werden. Seit 1991 gibt es die Landesvertretung in Brüssel; heute arbeiten dort 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, viele davon zeitweise aus den Fachministerien abgeordnet. Jedes Staatsministerium ist durch eine Referentin oder einen Referenten vertreten. Betreut wurden wir während unserer Hospitation von Michael Quaas, der in der Landesvertretung das Sächsische Staatsministerium für Kultus vertritt.

Einblicke in den Maschinenraum europäischer Interessenvertretung

Unser Programm begann am Montag, 2. März, um 10 Uhr mit der wöchentlichen Dienstbesprechung des Teams der Landesvertretung Wir konnten uns vorstellen, lernten im Anschluss die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen und bekamen einen Eindruck davon, wie vielfältig die Themen sind, die in Brüssel bearbeitet werden: von Bildung, Wirtschaft und Landwirtschaft bis hin zu Umwelt, Digitalisierung oder Sozialpolitik.

Besonders eindrücklich blieb mir eine Formulierung von Verwaltungsleiterin Ute Freiberger in Erinnerung. Sie sagte sinngemäß: „Wir sind nur ein Sechszehntel eines Siebenundzwanzigstels.“ In diesem Satz steckt viel von der Realität europäischer Interessenvertretung: Ein Bundesland wie Sachsen ist innerhalb Deutschlands eines von sechzehn Ländern, und Deutschland wiederum eines von 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Es ist also keineswegs selbstverständlich, dass regionale Anliegen auf europäischer Ebene sichtbar werden. Gerade deshalb ist die Arbeit der Landesvertretung so wichtig. Sie macht deutlich: Europa ist nicht weit weg, und Regionen sind keine Randnotiz, sondern ein wichtiger Teil des europäischen Mehrebenensystems.
 

Die Landesvertretung versteht sich dabei nicht nur als politisches Büro, sondern auch als „Schaufenster“ des Freistaates Sachsen in Brüssel. Sie ist Ort der politischen Mitwirkung, der Vernetzung und der Begegnung. Hier treffen sich politische Entscheidungsträgerinnen und -träger, Diplomatie, Medien, Verbände und Gäste aus Sachsen. Gleichzeitig ist die Landesvertretung Gastgeberin für Besuchergruppen und Plattform für kulturelle und wirtschaftliche Präsentationen des Freistaates.

Europa vermitteln - zwischen Ausstellung, Konferenz und politischer Praxis

Am ersten Nachmittag besuchten wir das Parlamentarium, die Ausstellung zur Geschichte der europäischen Integration und zur Arbeit des Europäischen Parlaments. Für unsere eigene Arbeit war das besonders inspirierend. Gerade mit Blick auf künftige Projekte der SLpB, etwa im Bereich europabezogener Ausstellungen oder Studienreisen nach Brüssel, bot dieser Besuch viele Anregungen: Wie lässt sich Europa anschaulich, interaktiv und zugleich inhaltlich fundiert vermitteln? Welche Formate sprechen unterschiedliche Zielgruppen an? Solche Fragen begleiteten uns die ganze Woche. 

Am zweiten Tag stand zunächst ein Besuch bei der Beobachterin der Länder bei der Europäischen Union auf dem Programm. Dort wurden wir von Nathalie Cojger empfangen, die aktuell aus Sachsen dorthin kurzzeitig abgeordnet ist. Sie schilderte uns, wie diese gemeinsame Einrichtung der deutschen Länder arbeitet und welche wichtige Rolle sie spielt. Der Länderbeobachter unterstützt seit den 1950er Jahren den Bundesrat und die Länder bei der Wahrnehmung ihrer Rechte in EU-Angelegenheiten. Er nimmt an Sitzungen des Rates der Europäischen Union und weiterer Gremien teil, berichtet an die Länder zurück und ergänzt damit die offizielle Berichterstattung. Für die Länder ist das ein wichtiger Mechanismus, um Informationen zu bündeln und Ressourcen effizient einzusetzen.

Im Anschluss nahmen wir an der großen Konferenz der Europäischen Kommission „Social Europe: Empowering people in times of change“ teil. Rund 800 Teilnehmende kamen dazu in Brüssel zusammen. Im Mittelpunkt standen Fragen nach der Zukunft des europäischen Sozialmodells, guter Arbeit, fairer Mobilität, Armutsbekämpfung und sozialer Teilhabe in Zeiten technologischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Wandels. Besonders eindrucksvoll war, dass wir auch die Rede von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen live verfolgen und sie aus nächster Nähe erleben konnten – etwas, das man sicher nicht alle Tage erlebt. Für uns war das nicht nur ein hochrangiger Programmpunkt, sondern auch ein unmittelbarer Einblick in die politische Kommunikations- und Debattenkultur auf europäischer Ebene.

Regionen als Stimme Europas: der Ausschuss der Regionen

Der dritte Tag war dem Europäischen Ausschuss der Regionen (AdR) gewidmet. Der AdR ist die Versammlung der regionalen und kommunalen Vertreterinnen und Vertreter der EU und sorgt dafür, dass lokale und regionale Perspektiven in europäische Entscheidungsprozesse einfließen. Gerade weil ein großer Teil der EU-Rechtsvorschriften später vor Ort umgesetzt wird, ist diese Ebene von zentraler Bedeutung.

Sachsen ist im AdR derzeit unter anderem durch Thomas Schmidt und Martin Dulig vertreten. Wir konnten zunächst die Sitzung der EVP-Fraktion besuchen; Herr Dulig gehört der sozialdemokratischen Fraktion an. Danach nahmen wir an der Sitzung der deutschen Delegation im Ausschuss der Regionen teil, in der Sachsen aktuell den Vorsitz innehat. Anschließend ging es direkt ins Europäische Parlament, wo die 105. Plenartagung des AdR stattfand, ein eindrucksvoller Moment im Herzen der europäischen Demokratie.

Gerade hier wurde greifbar, was häufig abstrakt klingt: Subsidiarität, Bürgernähe und Partnerschaft sind keine leeren Schlagworte, sondern strukturieren ganz konkret das Verhältnis zwischen europäischer, nationaler, regionaler und kommunaler Ebene. Für die europapolitische Bildung ist das ein wichtiger Punkt: Europa lässt sich nur verstehen, wenn man es als Zusammenspiel verschiedener Ebenen begreift.

Mobilitätswende, Kommunikation und europäische Geschichte

Auch der vierte Tag bot noch einmal ein breites Themenspektrum. Wir besuchten die Sitzung der CoRAI Focus Group, in der es um die europäische Mobilitätswende und die Positionierung zum EU Automotive Package ging. Das Thema ist für Sachsen als Industriestandort mit starker Automobil- und Zulieferindustrie von besonderer Relevanz. Hier zeigte sich sehr konkret, wie regionale Interessen in europäische Debatten eingebracht werden und wie sehr wirtschaftlicher Strukturwandel, Klimapolitik und Beschäftigungsfragen miteinander verknüpft sind.

Im Anschluss trafen wir Jens Mester aus der Generaldirektion Kommunikation der Europäischen Kommission. Das Gespräch drehte sich um die Frage, wie die EU ihre Arbeit kommuniziert: mit Kampagnen, Eurobarometer-Umfragen, Besucherangeboten wie Experience Europe, Bürgerforen, Jugenddialogen und Bildungsformaten wie dem Learning Corner. Für unsere Arbeit in der politischen Bildung war auch das besonders aufschlussreich: Gute Europakommunikation braucht Zugänge, die verständlich, lebensnah und dialogorientiert sind.
 

Danach besuchten wir das Haus der Europäischen Geschichte. Das Museum, das auf eine Initiative des Europäischen Parlaments zurückgeht, will europäische Geschichte und Integration in einem größeren historischen Zusammenhang erfahrbar machen. Beeindruckend war dabei nicht nur die inhaltliche Breite der Ausstellung, sondern auch der pädagogische Anspruch, historische Komplexität für ein breites Publikum zugänglich zu machen. Im anschließenden Gespräch mit Florian Tuder erfuhren wir mehr über digitale Bildungsangebote des Hauses, etwa HistoriCall, die Zeitkiste der EU, die Reihe zu den EU-Pionierinnen und -Pionieren sowie neue Projekte zu Medienkompetenz und zur Auseinandersetzung mit Rassismus. Gerade diese Verbindung von Geschichte, Gegenwart und (europa)politischer Bildung bot viele Anknüpfungspunkte für die Arbeit der SLpB.

Ideen, Kontakte und ein klarerer Blick auf Europa

Am letzten Tag besuchten wir noch „Experience Europe“, das Besucherzentrum der Europäischen Kommission, und tauschten uns mit dem EU Local Dialogue Team im Ausschuss der Regionen aus. Besonders interessant war dabei der Hinweis auf das Format der Local Dialogues, die Mitglieder des AdR in ihren Regionen organisieren können, mit einem Budget von bis zu 1.400 Euro, bis zu viermal im Jahr. Auch das ist für Sachsen potenziell relevant, wenn es darum geht, europäische Themen stärker in die Regionen zu tragen.

Am Ende dieser Woche stand vor allem ein Eindruck: Die Hospitation war nicht nur informativ, sondern in jeder Hinsicht bereichernd. Wir haben viele neue Kontakte mit nach Sachsen gebracht, zahlreiche Ideen für künftige Projekte gesammelt und noch besser verstanden, wie regionale Interessen in Brüssel vertreten werden. Zugleich konnten wir auch in Brüssel sichtbar machen, wie in Sachsen über die Europäische Union informiert wird und welche Angebote die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung in diesem Bereich bereithält.

Die Woche hat gezeigt: Europa entsteht nicht fernab des Alltags, sondern in vielen konkreten Begegnungen und Entscheidungen – und genau deshalb ist Brüssel näher, als man denkt.