Zwischen Weltuntergang und Marketing: KI und die Ideologie der Tech-Bosse
Hartwig Vens wirkt fast ein bisschen ratlos, als er Mitte September in Chemnitz spricht. Von einer „Lage" sprechen Journalisten wie er, wenn etwas so Großes unvorhergesehen passiert. Die Manuskripte für die zweite Staffel seines Deutschlandfunk-Podcasts „Tech Bro Topia" müssten sie jetzt kurz vor der Produktion wieder umschmeißen, erklärt Vens. Denn nicht mehr nur die Tech-Welt spricht mittlerweile über den Stein, den Dario Amodei, Chef des für das KI-Modell „Claude“ zuständigen Anthropic-Konzern, am 12. September ins Rollen gebracht hat.
Amodei rief die eigene Branche und die Politik auf, das Tempo der KI-Entwicklung zu drosseln. Erst eine Woche zuvor hatte einer seiner Mitarbeiter bei Anthropic gekündigt und öffentlich davor gewarnt, die KI-Entwicklung steuere auf eine Superintelligenz zu, welche die Menschheit auslöschen könne.
Es ist nicht nur das rasante Tempo dieser KI-Entwicklung, die mittlerweile vielen Menschen Angst macht, sondern auch die Frage, wem diese Technologie eigentlich gehört, welchen Interessen die Chefs der Tech-Welt verfolgen und wie weit ihre Netzwerke in die Politik reichen.

Bei einer Diskussionsveranstaltung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung im Dokumentationszentrum „Offener Prozess" in Chemnitz widmeten sich Mitte September Experten dem Netzwerk und der Ideologie der superreichen und technologie-affinen Unternehmer des Silicon Valleys.
Von Dunkler Aufklärung bis zum Unternehmer-Staat
Es sind Begriffe wie „Dark Enlightenment" (Dunkle Aufklärung), „Akzelerationismus" oder neoreaktionäres Denken, die von Technologie- und KI-affinen Bloggern und Philosophen geprägt worden sind.
Felix Schilk, Rechtsextremismusforscher an der Universität Tübingen, erklärte bei der Veranstaltung: Die Akteure verfolgten zwar keine einheitliche Ideologie, sie eine aber die Ablehnung der Demokratie und des modernen Staates.
Einer der bekanntesten Stichwortgeber ist der als Internetblogger gestartete Curtis Yarvin. Seine Kernidee: Der Staat solle als Aktiengesellschaft organisiert sein, in der nicht der Wille der Bürger zählt, sondern die Interessen der Eigentümer – ein Geschäftsführer als moderner Herrscher, kontrolliert nur durch einen Aufsichtsrat. Mitbestimmungsrecht gebe es für Bürger nicht mehr, aber das Recht auf „Exit", also sich einen anderen Staat zu suchen.

Noch radikaler klingen die Ideen des Silicon-Valley-Philosophen Nick Land. Für ihn ist der Kapitalismus ein quasi natürlicher Prozess, dessen destruktive Auswüchse man nicht regulieren, sondern beschleunigen solle. Sein Ziel, erklärte Schilk, sei die technologische Singularität: Der Punkt, an dem die künstliche Intelligenz die menschliche überhole und unkontrollierbar werde.
Draht ins Weiße Haus
Es sind keine harmlosen Gedankenwelten. Tatsächlich prägen die Ideen des sogenannten Neoreaktionismus Teile des Silicon Valley und haben Einfluss bis in das Weiße Haus. Wie offensichtlich Big Tech und die US-Regierung verwoben sind, zeigte sich am sichtbarsten vergangenes Jahr, als die Konzernchefs der großen Technologieunternehmen in der ersten Reihe von Trumps Amtseinführung standen.
Dabei existieren diese Netzwerke bereits viel länger, sagte Laura Hille, Medienwissenschaftlerin an der Universität Siegen. Hille zeigte bei der Veranstaltung verschiedene grafisch dargestellte Netzwerke, mit unzähligen Verbindungen zwischen einer Vielzahl von Akteuren aus dem Silicon Valley und der Politik. Einmal geht es um Geldflüsse, das andere Mal um politische Nähe.
So unterstütze der Unternehmer Peter Thiel nicht nur den ideologischen Stichwortgeber Curtis Yarvin, sondern auch Vizepräsident JD Vance, der sich wiederum mehrfach öffentlich auf Yarvins Gedanken bezog und von nicht wenigen als Nachfolger Trumps gehandelt wird.
Bereits zu Beginn von Trumps zweiter Amtszeit sickerten erste Ideen von Yarvin in die US-Politik ein. Eine seiner radikalsten Ideen ist die komplette Entlassung aller Staatsangestellten. Unter der kurzzeitig von Elon Musk geführten Abteilung für Regierungseffizienz wurden Staatsangestellte in den ersten sechs Monaten von Trumps Amtszeit 2025 zu Eigenkündigungen gedrängt und entlassen.
Dass so viele zentrale Personen im Netzwerk des Silicon Valley politisch rechts denken, so wie Elon Musk, der in mehreren Ländern rechte Parteien und Aktivisten unterstützt, verwundert Medienwissenschaftlerin Hille nicht. „Warum sollten die von etwas ausgeschlossen sein, was auch in der gesamten Gesellschaft zu beobachten ist“, sagte sie.

Auch dass apokalyptischen Erzählungen wie die von Curtis Yarvin und Nick Land so populär seien, passe ebenfalls zur Gegenwart. Solche Zukunftsvorstellungen seien inzwischen anziehender, als es der technologische Fortschrittsoptimismus der 1990er-Jahre heute noch sei.
Droht die KI-Singularität?
Das Publikum bei der Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung interessierte sich dann vor allem für die Frage, was dran ist an den Schreckensszenarien vom Ende der Menschheit durch KI. Ob das nicht einfach nur Marketing sei für die Produkte der Firmen, fragte ein Zuschauer – eine immer wieder zu hörende Perspektive auf die Bedrohungsmeldungen durch KI.
Doch was ist, wenn es stimmt? KI-Forscher haben Sorge vor dem, was sie als Büroklammer-Maximierer beschreiben, erklärte der Journalist Hartwig Vens. Demnach könnte die Menschheit die Kontrolle über die KI verlieren, nicht weil diese ein eigenes Bewusstsein entwickele, sondern weil sie ihre Aufträge ohne Rücksicht auf Verluste ausführe – etwa den Verbrauch sämtlicher Rohstoffe für die Produktion von etwas so Ungefährlichem wie Büroklammern, weil ihr genau dazu der Auftrag gegeben worden ist.
Doch Vens mahnte gleichzeitig: Für die zerstörerischen Folgen von KI müsse man sich gar nicht die Zukunftsvisionen anschauen. Die Probleme, die KI schon heute mache, seien drastisch genug. Etwa wenn sie zur Zielerfassung im Krieg eingesetzt werde oder durch ihren immensen Ressourcenverbrauch.

Nicht machtlos gegen Mächtige
Die Zuschauer, die mitdiskutierten, teilten diesen Blick. Einer verglich die Erzählungen über KI mit der Atom-Panik in den 1980ern und meinte: Erzählungen über den Untergang der Menschheit habe es schon immer gegeben. Was es heute aber bräuchte, sei so etwas wie die Anti-Atom-Bewegung, nur diesmal gegen die KI.
Auch Medienwissenschaftlerin Laura Hille plädierte dafür, den Technologiekonzernen etwas entgegenzusetzen. So versuche sie selbst beispielsweise den Messengerdienst WhatsApp nicht mehr zu benutzen und machte Mut, dass man selbst gegen solch mächtige Akteure nicht machtlos sei.
Im Norden von San Francisco hätte am Ende ein kleiner Gemeinderat verhindert, dass die Tech-Elite sich ein eigenes Stadtviertel baut, weil er schlicht die Genehmigung verweigerte.
„Man kann nur dazu aufrufen, sich selbst zu überlegen, was man machen kann, und sich Orte zu suchen, wo man auch etwas ausrichten kann“, rief Hille auf.
