Zwischen Propaganda und Protest: Eine musikalische Zeitreise von der DDR bis heute

Beitrag über den politischen Liederabend „Wie klingt Freiheit?“ mit Dr. Christoph Meißelbach und Christoph Schlosser.

 

Die ersten sanften Gitarrentöne erfüllen den in gedämpftes Licht getauchten Raum. Dann setzt Christoph Meißelbach ein: „Die Gedanken sind frei.“ Der Politikwissenschaftler singt mit geschlossenen Augen ins Mikrofon. Seine rechte Hand begleitet den Text mit dezenten Gesten, sein Kopf schwingt sanft im Rhythmus der Melodie. Neben ihm zupft Christoph Schlosser die Saiten seiner Akustikgitarre. Sein blau gestreiftes Hemd trägt er mit hochgekrempelten Ärmeln, die Gitarre hängt am Schultergurt. Beide scheinen ganz in der Musik aufzugehen.

Das Publikum hat vor den Musikern auf schwarzen Stühlen Platz genommen. Einige lauschen aufmerksam, andere wiegen sich leicht im Takt der Musik. Eine Zuhörerin zückt ihr Handy, um den Moment festzuhalten. In manchen Gesichtern liegt Nachdenklichkeit, in anderen sichtbare Rührung.

Wenn Lieder Geschichte erzählen

„Die Gedanken sind frei“ – das bekannte Volkslied eines unbekannten Autors erzählt von einer Freiheit, die sich nicht einfach verbieten, einfangen oder erschießen lässt. An diesem Abend bildet es den Auftakt zu einer musikalischen Zeitreise durch die ostdeutsche Geschichte. Unter dem Titel „Wie klingt die Freiheit? Ein politischer Liederabend“ verbinden der Politikwissenschaftler und Sänger Christoph Meißelbach und der Gitarrist Christoph Schlosser Musik mit politischer Analyse und Gesprächen.

Organisiert wird der Abend von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (SLpB) im Rahmen der Reihe „Kontrovers vor Ort“. An verschiedenen sächsischen Orten gehen die beiden Musiker der Frage nach, wie Musik und Politik einander beeinflussen – von staatlicher Kontrolle und musikalischem Protest in der DDR über die Friedliche Revolution und die Ernüchterung der Nachwendezeit bis zu den Utopien und Konflikten der Gegenwart.

Bevor die beiden ihre musikalische Zeitreise antreten, gibt Meißelbach eine erste Antwort auf die Frage, die sich durch den gesamten Abend zieht: Was ist Freiheit? Er unterscheidet zwischen negativer Freiheit, der Abwesenheit von Zwang, und positiver Freiheit – der Möglichkeit, die eigenen Vorstellungen zu verwirklichen.

Zwischen Staatsmusik und Sehnsucht nach Freiheit

Zunächst entführen die beiden Musiker ihr Publikum in eine Zeit, in der beides keineswegs selbstverständlich war: die DDR. Anhand eines Medleys bekannter Lieder der offiziellen DDR-Musik, die bei dem einen oder anderen im Publikum dunkelrote Erinnerungen wecken dürften, zeichnen sie den Wandel des Freiheitsverständnisses in der SED-Diktatur nach.

„Bau auf, bau auf“ von 1947 verspricht eine bessere Zukunft. „Kein Zwang, kein Drill, der eigene Will’“ heißt es darin – ein Versprechen von Selbstbestimmung. Drei Jahre später klingt das im „Lied der Partei“ ganz anders: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht.“ Der Anspruch, allein im Besitz der Wahrheit zu sein, trete nun verstärkt an die Stelle des anfänglichen Freiheitsversprechens, erläutert Meißelbach.

Schließlich folgte mit „Sag mir, wo du stehst“ (1967) die klare Aufforderung der Partei, sich zur vorgegebenen politischen Linie zu bekennen. Wer sich ihr widersetzte, sei aus Sicht der Machthaber nicht einfach anderer Meinung, sondern stelle sich gegen die versprochene Zukunft, erklärt Meißelbach.

Doch zur gleichen Zeit, in der das Politbüro die offizielle DDR-Musik mit ihren Kinderchören und monumentalen Orchesterklängen fördern ließ, schrieben Musiker in der gesamten DDR auch ganz andere Musik. Lieder, die häufig das „Sehnen nach Freiheit unter den Bedingungen der Diktatur“ zum Ausdruck brachten, so Meißelbach.

Als Beispiel hierfür spielen die beiden „Ermutigung“ des Liedermachers Wolf Biermann, der ursprünglich aus der Bundesrepublik in die DDR übergesiedelt war. Der Text ist vorsichtig und vieldeutig formuliert: „Lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit, lass dich nicht verbittern in dieser bitt‘ren Zeit.“

Für Meißelbach liegt genau darin die Stärke dieser oppositionellen Musik: Subversive Kunst sei der offiziellen Kunst seiner Meinung nach häufig musikalisch und textlich überlegen. „Propaganda erstarrt in Floskeln“, während subversive Musik kreative Wege finde, staatliche Zensur und Kontrolle zu unterlaufen und dadurch „interessant und spannend, attraktiv und gefährlich“ werde.

Doch auch seine vorsichtige, vieldeutige Sprache schützte Biermann nicht vor staatlicher Repression: 1965 erhielt er Auftrittsverbot, 1976 wurde er aus der DDR ausgebürgert. Für Meißelbach zeige sein Schicksal exemplarisch, wie autoritäre Systeme mit Andersdenkenden umgingen, die sie nicht ruhigstellen könnten.

Löcher im Eisernen Vorhang: Kettcar und die Flucht im Sommer 1989

Von den Grenzen der Freiheit in der DDR führt der musikalische Abend weiter in den Sommer 1989. Als Meißelbach und Schlosser das Lied „Sommer ’89“ der Hamburger Band Kettcar anstimmen, ist im Publikum ein leises Raunen zu vernehmen. Offenbar ist einigen das Lied vertraut, das im rhythmischen Sprechgesang eindrücklich von einem westdeutschen Fluchthelfer erzählt, der DDR-Bürgern die Flucht über die ungarische Grenze ermöglichte und ihnen damit den Weg in die Freiheit ebnete. Im Refrain heißt es: „Er war der Typ, der durch die Nacht schlich und schnitt Löcher in den Zaun.“

„Dann war es endlich so weit“, leitet Meißelbach ein: der Mauerfall. Das Ende der Unfreiheit, der Moment des Aufbruchs. Mit einem rockigen Medley aus bekannten Wendehits – darunter „Wind of Change“ von den Scorpions und „Looking for Freedom“ von David Hasselhoff – holen die beiden Musiker den Soundtrack dieser Zeit in den Raum. Einige im Publikum singen leise mit, vereinzelt wird im Takt geschnipst. Für einen Moment scheint es, als kehrten im Publikum mit den Melodien auch Erinnerungen an die Aufbruchsstimmung von damals zurück.

Dass die Ereignisse von 1989 auch Jahrzehnte später noch nachwirken, weiß Meißelbach aus eigener Erfahrung. Er sei damals zehn Jahre alt gewesen und habe mit seinen Eltern in Leipzig gelebt. Während jene regelmäßig zu den Montagsdemonstrationen gegangen seien, habe er die Ereignisse zu Hause im Westfernsehen verfolgt. Obwohl er damals noch jung gewesen sei, habe er gespürt, dass etwas Entscheidendes geschah. Bis heute bekomme er bei Bildern vom Mauerfall Gänsehaut.

Auf die Euphorie folgt der Kater: Ernüchterung nach der Wiedervereinigung

Dass dieser Moment der Befreiung in der kollektiven Erinnerung keinen höheren Stellenwert mehr genieße, bedauert Meißelbach. Einen Grund dafür liege in einem Phänomen, das man „Transformationsenttäuschung“ nennen könne. „Auf den Rausch der Euphorie ist vielerorts ein Kater gefolgt“, erklärt Meißelbach. Viele anfängliche Hoffnungen seien enttäuscht worden.

Für viele Menschen bedeutete die Wende einen Bruch in ihrer Biografie. Abschlüsse und Berufserfahrungen wurden entwertet, Arbeitsplätze gingen verloren, viele junge Menschen wanderten ab. Die gewonnene Freiheit ging für manche mit dem Verlust sozialer Absicherung und beruflicher Perspektiven einher.

Wie sich diese Ernüchterung anfühlen konnte, erzählt der Song ‚Grauer Beton‘ des Chemnitzer Rappers Trettmann. Meißelbach und Schlosser wechseln zum rhythmisch betonten Sprechgesang des Hip-Hop. In tristen Worten blickt der Song auf die frühen 1990er-Jahre zurück – auf schwierige Lebensverhältnisse und das Gefühl, vergessen worden zu sein.

In Zeilen wie „Freiheit gewonnen, wieder zerronnen“ schließe sich für Meißelbach der Kreis zu seiner Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit: Die Abwesenheit von Zwang sei zwar ein großer Gewinn, bedeute aber noch nicht, das eigene Leben tatsächlich gestalten zu können. Dafür brauche es Handlungsmöglichkeiten, gesellschaftliche Teilhabe und Zukunftschancen. Fehlten diese, könne sich selbst die gewonnene Freiheit unfrei anfühlen.

Zwischen Utopie und Wirklichkeit: Eine freie Gesellschaft im Konflikt

Damit ist der Abend im Hier und Jetzt angekommen: in einer deutlich freieren Gesellschaft als der DDR, aber keineswegs im Paradies. Auch im wiedervereinigten Deutschland gebe es Gewinner und Verlierer, Polarisierung und Streit darüber, was politisch richtig sei. Meißelbachs Ansicht nach komme es darauf an, diese Unterschiede nicht aufzulösen, sondern produktiv mit ihnen umzugehen.

Mit einer Auswahl von drei Liedern wollen die beiden Musiker diese Spannungen hörbar machen. Während die Band Bosse in „Paradies“ von einer Welt ohne Ungerechtigkeit und Ausgrenzung träumt, zeigt Gerhard Gundermann in „Gras“, wie vielschichtig die Wirklichkeit ist und dass Veränderungen Geduld und Demut erfordern. Gerhard Schöne betont in „Mit dem Gesicht zum Volke“ ein grundlegendes demokratisches Bedürfnis: Menschen wollen gehört und ernst genommen werden.

In der anschließenden Diskussion zwischen dem musikalischen Politikwissenschaftler und seinem Publikum wird deutlich, dass die Spannungen einer freien Gesellschaft nicht einfach verschwinden. Demokratie garantiere keine gute Politik, betont Meißelbach. Ihr Vorteil liege vielmehr darin, dass sich eine schlechte Regierung wieder abwählen lasse. Dafür brauche es jedoch ein gemeinsames Verständnis über die Spielregeln eines fairen und gewaltfreien demokratischen Wettbewerbs auf Augenhöhe. Dazu gehöre ganz zentral die Bereitschaft, andere Positionen nicht nur auszuhalten, sondern sich auch mit ihnen auseinanderzusetzen.

Die Konzertreihe „Wie klingt die Freiheit?“ führt Dr. Christoph Meißelbach und Christoph Schlosser weiter durch Sachsen. 

Weitere Termine:

Die musikalische Zeitreise zum Nachhören

Zwölf Lieder, unterschiedliche Perspektiven auf Freiheit: Vom Volkslied „Die Gedanken sind frei“ über die politische Musik der DDR und die Hits der Wendezeit bis zu Songs von Kettcar, Trettmann und Bosse. Zwölf Stücke des Liederabends sind in einer YouTube-Playlist zum Nachhören zusammengestellt.