Uniform trifft Zivil: Zwei Perspektiven auf den neuen Wehrdienst

Milliarden für die Bundeswehr, aber marode Schulen? Wehrpflicht für Männer oder auch für Frauen? Und was passiert, wenn Extremisten in Uniform dienen? Bei einer Podiumsdiskussion der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (SLpB) im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zur Generationengerechtigkeit diskutieren ein Soziologe und ein Jugendoffizier diese und weitere Fragen mit dem Publikum.

 

„Wer opfert eigentlich seine Lebenszeit und möglicherweise sein Leben, um für unsere Sicherheit zu sorgen?“ Mit dieser Frage eröffnet Referent und Moderator Friedemann Brause das zentrale Spannungsfeld des Abends. Auf Einladung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (SLpB) ins Kultur Forum riesa efau in Dresden sind die Teilnehmer unter dem Titel „Ab in den Krieg? Wehrpflicht und Generationengerechtigkeit“ angehalten, über diese und weitere Fragen zu diskutieren.

Dafür hat die Landeszentrale zwei Gäste eingeladen, die aus unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema blicken und schon rein äußerlich unterschiedliche Welten verkörpern. Auf der einen Seite: Jugendoffizier der Bundeswehr Franz Conrad: faltenfreies hellblaues Hemd, militärisch streng gestutzter Bart und blank polierte schwarze Lederschuhe. Ihm schräg gegenüber sitzt der Soziologe und Politikwissenschaftler Holger Backhaus-Maul, eher leger gekleidet in Sakko, T-Shirt und schwarzer Jeans.

Während Conrad breitbeinig und mit geradem Rücken auf seinem Stuhl sitzt, hat Backhaus-Maul die Beine locker übereinandergeschlagen. Während Conrad mit ruhiger, beinahe monotoner Stimme spricht und seine Hände nur sparsam einsetzt, unterstreicht Backhaus-Maul seine Aussagen mit weiten Gesten. Widerspricht er einer Aussage, kräuselt sich seine Stirn und er zieht die Augenbrauen hoch. Stimmt er jemandem zu, nickt er heftig.

Als Jugendoffizier ist Conrad regelmäßig an Schulen in Sachsen unterwegs, insbesondere in Dresden und Ostsachsen. Dort spricht er mit Schülerinnen und Schülern über sicherheitspolitische Themen – von der Rolle der NATO bis zum neuen Wehrdienst. Dabei legt er Wert auf eine klare Abgrenzung: „Wir machen keine Bundeswehr-Karriereberatung.“ Vielmehr gehe es darum, sicherheitspolitische Zusammenhänge zu vermitteln und mit jungen Menschen darüber ins Gespräch zu kommen.

Backhaus-Mauls Bild der jungen Generation: Keine „Generation Krise“

Auf die Frage, ob er selbst gedient habe, antwortet Backhaus-Maul: „Ja, natürlich habe ich als junger Mann Deutschland gedient.“ Dann macht er eine kurze Pause. „Am Menschen, im Zivildienst im Krankenhaus.“

Er widerspricht dem aus seiner Sicht medial verbreiteten, schiefen Bild der jungen Generation als „Generation Krise“. Untersuchungen unter engagierten Jugendlichen – von Angehörigen der Feuerwehr bis zur Letzten Generation – zeichneten ein anderes Bild: das von Normalität. Damals wie heute gebe es Auseinandersetzungen: zwischen jungen Frauen und älteren Männern in Führungspositionen, Rebellion gegen verstaubte Abläufe und Kämpfe gegen Hierarchien.

Prinzipiell hält Backhaus-Maul die neue Wehrpflicht für sinnvoll. Allerdings würde er das Modell deutlich weiter denken. Aus Gründen der Gleichberechtigung sollten auch Frauen einbezogen werden. Ebenso müsse man überlegen, wie sich ältere, noch leistungsfähige Menschen mit bereits geleisteten Diensten für neue Aufgaben gewinnen ließen. Wichtig sei ihm zudem, dass das Modell so weit wie möglich auf Freiwilligkeit setze.

Auch die Vorstellung von Sicherheit müsse sich seiner Ansicht nach wandeln. Die bloße Fokussierung auf Truppenstärken sei nicht mehr zeitgemäß. „Heute werden Kriege eher dadurch entschieden, ob eine Gesellschaft resilient ist.“ Zunehmend relevant sei deshalb, ob Gesundheitssysteme, staatliche Einrichtungen und demokratische Strukturen auch in Kriegszeiten funktionsfähig blieben.

Extremismus endet nicht an den Kasernentoren

Ein Teilnehmer, der sich bereits während der ersten Wortbeiträge der beiden Experten eifrig Notizen gemacht hat, meldet sich kritisch zu Wort. Mit Blick auf aktuelle Umfragen und Wahlprognosen verweist er auf den Zuspruch, den AfD, BSW und Die Linke unter jungen Wählerinnen und Wählern erfahren. Er fragt, wie die Bundeswehr mit einem möglichen hohen Anteil extremistisch eingestellter junger Menschen umgehen wolle.

Conrad verweist zunächst auf die geltenden Regeln innerhalb der Bundeswehr. Er verweist auf die politische Neutralitäts- und Wohlverhaltenspflicht, der Angehörige der deutschen Streitkräfte in Uniform unterliegen. Wer dagegen verstoße, müsse mit einem Disziplinarverfahren und unter Umständen auch mit dem Ausschluss aus der Truppe rechnen.

Backhaus-Maul macht deutlich, dass die Frage weit über die Bundeswehr hinausgehe. Auch Parlamente und Gerichte müssten sich zunehmend damit auseinandersetzen, wie sie mit einer stärkeren Polarisierung und dem wachsenden Einfluss extremistischer Positionen innerhalb ihrer eigenen Reihen umgehen. Mit Blick auf die Skandale der vergangenen Jahre habe er „Zweifel“ daran, ob die Bundeswehr ausreichend auf diese Entwicklung vorbereitet sei.

In einer Wehrpflicht, die ausschließlich für Männer gelte, sieht Backhaus-Maul die Gefahr einer Verschärfung des Geschlechterkonflikts. Schon jetzt habe man es mit einer Generation junger Männer zu tun, die deutlich autoritärer eingestellt sei als frühere Generationen und Männlichkeitsrituale pflege, die viele Feministinnen in Deutschland längst für überwunden geglaubt hätten. „Wenn diese Männer in der Bundeswehr noch einmal von Männern nachsozialisiert werden, kann sich das Problem noch einmal verstärken“, warnt Backhaus-Maul.

Der Streit um die Prioritäten: Milliarden für die Bundeswehr oder marode Schulen?

Neben der Frage nach dem Personal und der inneren Verfassung der Bundeswehr beschäftigt das Publikum auch die Verteilung staatlicher Mittel. Ein junger Teilnehmer mit schwarzem Hoodie und Festival-Armband am Handgelenk fragt sichtlich emotionalisiert, warum Milliardenbeträge für die Bundeswehr offenbar leichter bereitzustellen seien als für die Renovierung von Klassenzimmern und die Bekämpfung des Lehrermangels. Jugendoffizier Conrad widerspricht: „Die Bundeswehr hat 20, 30 Jahre dafür gekämpft, mehr Geld zu bekommen.“

Kameraden, die in Afghanistan gewesen seien, hätten ihm von Einsätzen auf gefährlichen Straßen berichtet – in Fahrzeugen mit mangelhafter Panzerung. Teile ihrer Ausrüstung hätten sie sich teilweise aus eigener Tasche bezahlen müssen, weil das von der Bundeswehr gestellte Material veraltet gewesen sei. Erst der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine habe die Bundesregierung dazu bewegt, ihre sicherheitspolitischen Prioritäten neu auszurichten und wieder mehr Geld in die Bundeswehr zu investieren.

Am Ende des Abends nimmt Backhaus-Maul vor allem eine Erfahrung mit: dass ein offener und kritischer Austausch mit Vertretern der Bundeswehr möglich ist. Conrad habe nicht versucht, die Streitkräfte zu verteidigen oder Kritik abzuwehren, sondern auch problematische Zustände offen angesprochen und sich der Diskussion auf Augenhöhe gestellt. Dass ein solcher Austausch in Deutschland öffentlich und gemeinsam mit Angehörigen der Bundeswehr stattfinden könne, sei keineswegs selbstverständlich. „Das ist in dieser Bundesrepublik schon ein Wert an sich“, resümiert Backhaus-Maul.

Die Podiumsdiskussion „Ab in den Krieg? Wehrpflicht und Generationengerechtigkeit“ bildete den Auftakt der dreiteiligen Veranstaltungsreihe „Jung gegen Alt? Die neuen Generationenfragen“. Am 5. November geht es im Kultur Zentrum Dresden mit dem Thema Klimaschutz weiter, bevor am 10. November die Leistungsgerechtigkeit im Mittelpunkt steht.