„Putin will Europa zersetzen.“ Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa in Sachsen
Den Moment, in dem Memorial-Mitgründerin Irina Scherbakowa erfuhr, dass die Organisation den Friedensnobelpreis erhalten soll, beschreibt sie im Nachhinein als surreal. Sie hätte in ihrer Exil-Wohnung in Weimar gesessen und mit einer Bekannten telefoniert, als die Nachricht auf ihrem Computerbildschirm aufpoppte. „Was für ein Quatsch“, sei ihre erste Reaktion gewesen. Wie konnte das sein? Nach der Einstufung als „ausländischer Agent“, dem Beginn des russischen Angriffskrieges, der Flucht so vieler Mitarbeiter? Und doch: Es stimmte.
Gebannt lauschen rund 120 Menschen der zierlichen Frau im schlichten grünen Blazer, als sie von diesem Moment berichtet. Sie sind der Einladung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung gefolgt, um die russische Oppositionelle bei der Lesung aus ihrem aktuellen Buch „Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen“ zu hören und mit ihr ins Gespräch zu kommen. Wer in den eng gesetzten Stuhlreihen keinen Platz mehr fand, wich kurzerhand auf die Fensterbänke aus oder verfolgte die Lesung im Stehen.

Scherbakowa, 1949 in Moskau geboren, ist Historikerin und Mitgründerin der Menschenrechtsorganisation Memorial, die 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. In Russland wurde die Organisation – wie viele andere Initiativen, Vereine und Medien – kriminalisiert und zuletzt als „extremistische Organisation“ verboten.
Mit Scherbakowa auf der kleinen Bühne sitzt die Journalistin und Russland-Expertin Gemma Pörzgen. Die beiden kennen sich seit Jahren und duzen sich. So wirkt das Gespräch zwischen den zwei gestandenen Frauen weniger wie ein klassisches Interview als vielmehr wie ein Gespräch unter alten Freundinnen.

Zweimal greift Scherbakowa an diesem Abend zu ihrem Buch, das für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert ist. Dann richtet sie die Brille, streckt den Rücken durch und beginnt, mit leichtem russischem Akzent zu lesen. Mit ruhiger Stimme erzählt sie von ihrem Leben in Russland, der Flucht aus ihrer Heimat und von der Arbeit von Memorial.
Memorial bringt Geschichte ans Licht
Seit 1989 arbeitet die Organisation daran, die Schicksale der Millionen Menschen, die unter Stalins Herrschaft litten, zu rekonstruieren. Diese Menschen waren über Jahrzehnte hinweg systematisch aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt worden – vom Staat und oft auch von ihren eigenen Angehörigen. Memorial brachte tausende Geschichten ans Licht – von Gulag-Häftlingen, von deportierten Bauern sowie von ganzen Bevölkerungsgruppen, die nach Sibirien verschleppt und zur Zwangsarbeit gezwungen worden waren.
Doch die Aufarbeitung der eigenen, oft grausamen Vergangenheit stieß früh auf Widerstand. Für Vertreter des russischen Staates passte sie nicht in den propagierten Nationalpatriotismus. Immer wieder diffamierten sie die Organisation als „Nestbeschmutzer“ und „Dissident“. Schritt für Schritt erschwerten die Behörden ihre Arbeit – zunächst durch bürokratische Hürden, bevor das oberste Gericht in Moskau im Dezember 2021 ihre Auflösung anordnete.
Bleibender Wert für das kollektive Gedächtnis
Im Gedächtnis geblieben ist Scherbakowa vor allem ein russischer Staatsanwalt, der in der Verhandlung die Haltung des Regimes auf den Punkt brachte: Memorial versuche, die Geschichte des russischen Staats als verbrecherisch und terroristisch darzustellen. „Das ist nicht unsere Sicht auf die Vergangenheit. Ihre Arbeit ist schädlich.“
Memorial wurde die weitere Tätigkeit in Russland verboten, zahlreiche Mitarbeiter gingen ins Exil. Eigentlich hatte Scherbakowa ihre Heimat nie verlassen wollen. Doch am Tag, als die Welt mit der Nachricht vom Beginn des russischen Angriffskriegs erwachte, entschied auch sie sich schweren Herzens, ins Exil zu gehen.
Aus ihrem Buch liest sie die Gedanken, die sie auf dem völlig überbuchten Flug ins Exil bewegten: „War unsere Geschichte in Russland einfach so zu Ende? Ich konnte es nicht glauben. Wahrscheinlich geht es allen so, die ihr Zuhause für immer verlassen müssen. Die Wohnungstür für immer hinter sich zu schließen. Den Schlüssel trage ich bei mir, und er würde immer noch passen.“

Anfang April 2026 wurde Memorial schließlich als „extremistisch“ eingestuft – die Organisation damit faktisch verboten. Selbst der Name „Memorial“ – der laut Scherbakowa für Aufarbeitung steht und längst zum Symbol geworden sei – dürfe nicht mehr öffentlich genannt werden.
Alles zu zerstören, was die Organisation in über 35 Jahren Arbeit geschaffen habe – von umfangreichen Datenbanken, über unzählige Webseiten und hunderte Denkmäler – hält Scherbakowa für eine fast unmögliche Aufgabe. „Aber“, gibt sie zu bedenken und blickt eindringlich über den Rand ihrer Brille ins Publikum, „man kann Menschen verfolgen.“ Die Einstufung als extremistische Organisation gebe dem russischen Staat nun genau diese Möglichkeit.
Memorial arbeitet weiter und dokumentiert russische Kriegsverbrechen in der Ukraine
Trotz der Repressionen setze man die Arbeit aus dem Ausland fort. Memorial arbeite eng mit ukrainischen Menschenrechtsorganisationen zusammen und sammle Beweise für russische Kriegsverbrechen. Zugleich unterstütze man Tausende Inhaftierte – russische Dissidenten ebenso wie ukrainische Soldaten und Zivilisten –, die unter unmenschlichen Bedingungen in russischer Haft sitzen. „Jeden Tag werden es mehr“, so Scherbakowa.
Auf die Frage aus dem Publikum, was die ostdeutsche Zivilgesellschaft vom russischen Beispiel lernen könne, reagiert Scherbakowa nachdenklich. In ihrer Situation falle es ihr schwer, Ratschläge zu geben; stattdessen frage sie sich selbst immer wieder, was die Zivilgesellschaft in Russland anders hätte machen können. Nach den Protesten wegen der Wahlfälschungen zur Präsidentschaftswahl 2012 sei Putin zunehmend härter gegen die noch junge russische Zivilgesellschaft vorgegangen. Zwar habe Memorial das früh erkannt und davor gewarnt – sei mit seinen Mahnungen jedoch nicht durchgedrungen.

Mit Blick auf Europa warnt sie: „Putin wird Europa wohl nicht direkt angreifen können, aber er will es zersetzen“ – etwa durch die Unterstützung extremer Parteien links wie rechts und durch die systematische Verächtlichmachung staatlicher Institutionen. Für die deutsche und sächsische Zivilgesellschaft hofft Scherbakowa, dass sie stark bleibt und autokratischen Tendenzen aus dem In- und Ausland widersteht.
Hoffnung, auch wenn es hoffnungslos ist
Wie es in Russland weitergeht, sei ungewiss: „Putins Regime ist so unberechenbar, dass wir nicht wissen, in welche Richtung es treibt – in welches Verderben.“ Gleichzeitig arbeiteten im Exil Soziologen, Juristen und Menschenrechtler an Konzepten für die Zeit danach. Wer wird Russland dann regieren? Wie lassen sich die Verbrechen des Putin-Regimes aufarbeiten? Die Arbeit dieser Menschen und die wachsende Unzufriedenheit der russischen Bevölkerung mit dem Krieg geben ihr Hoffnung.
Doch ist die 76-Jährige skeptisch, ob sie eine Zeit „nach Putin“ noch erleben wird. Einen Rest Zuversicht bewahrt sie sich jedoch und zitiert zum Abschluss der Veranstaltung einen alten Trinkspruch sowjetischer Dissidenten, die nicht mehr daran glaubten, das Ende der Sowjetunion noch mitzuerleben: „Wir tranken auf den Erfolg unserer hoffnungslosen Sache. Denn wenn man lange genug darauf trinkt – und etwas dafür macht – wird sie vielleicht irgendwann zur Wirklichkeit.“
Mehr zu Irina Scherbakowa, ihre Bewertung Putins und seiner Zeit in Dresden, die Lage der russischen Opposition sowie zur Arbeit von Memorial im Interview mit Irina Scherbakowa im SLpB-Blog.
