Iran zwischen Protest und Repression

Im ehemaligen Stasi-Festsaal der Gedenkstätte Bautzner Straße werden Protest und Repression im Iran diskutiert. Die Filmemacherin Narges Kalhor macht Bilder der Gewalt sichtbar, während der Politologe Dr. Ali Fathollah-Nejad die Proteste politisch einordnet und stärkeren Druck auf das Regime fordert. Im Spannungsfeld zwischen Analyse und persönlichen Erfahrungen stellt sich die Frage: Was können Menschen außerhalb des Iran tun?

 

Hohe Fenster, dunkle Holzvertäfelung und schwere Vorhänge rahmen die langen Reihen von Stühlen. Strenge Symmetrie bestimmt den ehemaligen Stasi-Festsaal der Gedenkstätte Bautzner Straße in Dresden. Es ist ein Raum, der von einer Zeit staatlicher Repression und Verfolgung erzählt. An diesem Abend wird es hier um den Iran gehen.

Ein Abend über Mut

Der Abend gehört zur Reihe „Momentaufnahmen der Menschenrechte“, die die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung gemeinsam mit der Gedenkstätte Bautzner Straße und der Volkshochschule Dresden veranstaltet. Im Mittelpunkt steht diesmal die Menschenrechtslage im Iran: staatliche Repression und die gewaltsame Niederschlagung von Protesten prägen seit Jahren die Berichte über das Land. Es ist ein Abend zwischen persönlicher Erfahrung, künstlerischer Auseinandersetzung und politischer Analyse. Und ein Abend, an dem ein Wort immer wieder fällt: Mut.

„Das iranische Regime ist eines der klügsten und mächtigsten der Welt“, sagt die Filmemacherin Narges Kalhor. Sie stammt aus Teheran und lebt seit vielen Jahren in Deutschland. 2009 zeigt sie beim Internationalen Filmfestival der Menschenrechte in Nürnberg ihren Film „Darkhish“. Aufgrund ihrer regimekritischen Haltung beantragt sie anschließend Asyl in Deutschland. Seitdem lebt die Künstlerin im Exil und lehrt heute an der Filmuniversität Babelsberg. „Freiheit bedeutet für mich, Filme zu machen“, sagt sie.

Bilder, die sonst verborgen bleiben

In ihren Filmen beschäftigt sich Kalhor mit dem Leben im Exil, mit Identität, feministischen Perspektiven und politischem Widerstand. Sie versucht sichtbar zu machen, was sonst verborgen bleiben könnte. So auch in ihrem Kurzfilm „SENSITIVE CONTENT“, der an diesem Abend gezeigt wird.

2022 beginnt im Iran die Protestbewegung „Frauen, Leben, Freiheit“. Nach dem Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini im Gewahrsam der iranischen Sittenpolizei gehen landesweit Menschen auf die Straße. Sicherheitskräfte schlagen die Proteste gewaltsam nieder; es kommt zu Tötungen, Folter und willkürlichen Verhaftungen. Die Handyaufnahmen, die Kalhor in „SENSITIVE CONTENT“ verarbeitet, stammen aus dieser Zeit.

Als der Film beginnt, bleiben die schweren Vorhänge des Festsaals geschlossen. Draußen ist es schon lange dunkel. Im Raum wird es still. Das Publikum schaut gebannt auf die Leinwand, als Stimmengewirr und Schreie aus den Lautsprechern dringen. Das Bild bleibt zunächst schwarz. Dann erscheint eine Warnung, wie viele sie aus den sozialen Netzwerken kennen: ein durchgestrichenes Auge, dahinter ein stark verschwommenes Bild. Die Botschaft: Achtung, dieser Inhalt zeigt Gewalt.

Doch genau darum geht es: Die Gewalt und die Menschenrechtsverletzungen sollen sichtbar gemacht werden. Der Film zeigt die Bilder schließlich doch. Menschen fliehen, schreien vor Angst, Sicherheitskräfte verfolgen sie bis in ihre Häuser. Doch da ist auch dieser Moment: Eine Frau läuft ohne Kopftuch mitten auf eine Straße, umgeben von hupenden Autos. Sie jubelt. Ein Bild des Mutes. Eines von vielen, die Kalhor an diesem Abend beschreibt. Als der Film endet, bleibt es lange still im Raum.

Proteste gegen das Regime

Während Narges Kalhor mit persönlichen Erfahrungen und Bildern arbeitet, ordnet Dr. Ali Fathollah-Nejad die Protestbewegung und ihre Folgen politisch ein. Der Politologe und Autor beschäftigt sich mit Iran, dem Nahen und Mittleren Osten sowie mit westlicher Außenpolitik. Er ist im Iran geboren, hat international studiert und lebt in Deutschland.

Mit Blick auf die Ende Dezember 2025 erneut ausgebrochenen Proteste spricht Fathollah-Nejad von einer „Kumulation“ der bisherigen Bewegungen. Laut dem Wissenschaftler entzünden sich die Proteste zunächst an wirtschaftlichen Problemen: dem Verfall der iranischen Währung und der hohen Inflation. Er beschreibt, wie sich daraus schnell eine Massenbewegung entwickelt habe. Frauen, Arbeiter und Studenten seien auf die Straße gegangen, zunehmend auch sehr junge Menschen.

Fathollah-Nejad spricht ruhig, aber zugleich mit großer Entschiedenheit. Als eine Frage aus dem Publikum ein Narrativ der iranischen Führung wiedergibt, wirkt er für einen Moment sichtlich bewegt. In solchen Momenten wird deutlich, wie nah das Thema für den sonst sehr analytischen Politologen ist.

Forderung nach gezielteren Sanktionen

„Die große Mehrheit der Iranerinnen und Iraner lehnt das Regime ab“, sagt Fathollah-Nejad. Darin liegt für ihn ein Kern seiner Analyse: „Die Spaltung zwischen Gesellschaft und Führung ist irreversibel.“ Die westliche Hoffnung auf einen schrittweisen Wandel durch Dialog und wirtschaftliche Beziehungen hält er für verfehlt.

Seine Analyse verbindet Fathollah-Nejad immer wieder mit Forderungen an die deutsche und europäische Außenpolitik: „Wandel durch Handel ist nur eine Verkennung der Diktatur.“ Stattdessen brauche es finanzielle Sanktionen, die das Regime gezielt treffen würden – beispielsweise bei den Einnahmen aus dem Ölgeschäft oder bei Banken. Wenn Fathollah-Nejad solch Forderungen formuliert, spricht er zügig und bestimmt.

Einsatz außerhalb des Iran

Doch was können Menschen außerhalb des Iran überhaupt bewirken? Diese Frage kommt aus dem kleinen Publikum. Narges Kalhor antwortet zunächst zögernd auf diese Frage. Viel könne sie nicht tun, sagt sie. Die Künstlerin erzählt von ihrer Mutter und ihren Freundinnen, die noch immer im Iran leben. Sie erzählt von Frauen, die den Gefahren des Regimes trotzen und ohne Kopftuch auf die Straße gehen. Sie erzählt davon, wie viel Mut dieses Handeln braucht. Ihr eigener Beitrag, sagt sie, könne sein, davon zu erzählen und mit ihren Filmen die Geschichten sichtbar zu machen. So wie in „SENSITIVE CONTENT“.

Auch Ali Fathollah-Nejad findet auf die Frage keine einfache Antwort. Der Politologe sieht eine grundsätzliche Verantwortung der deutschen Gesellschaft, vor allem „angesichts der eigenen Geschichte“. Er fordert eine wertebasierte Außenpolitik, die Menschenrechte und Interessen miteinander verbinde. Ein demokratischer Wandel im Iran liege auch im deutschen und europäischen Interesse, sagt Fathollah-Nejad.

Nach beinahe zwei Stunden intensiver Diskussion zieht der Geruch von warmem Essen auf. Zum Abschluss hat der persische Frauentreff im Kolibri e. V. ein Buffet vorbereitet. Beim gemeinsamen Essen setzen sich die Gespräche fort. Über das Gehörte, über den Iran, über das, was möglich ist und was vielleicht nicht. Die schweren Türen des Festsaals stehen offen. Eigentlich könnte man längst gehen. Doch kaum jemand scheint es eilig zu haben.