Europa im Ausnahmezustand
Doch wo sollen die Menschen untergebracht werden? Wer übernimmt die Kosten für ihre Versorgung? Und wie kann der Wiederaufbau von Häusern und Städten gelingen? Diese Fragen standen im Zentrum der Simulation des Europäischen Rates „Europa im Ausnahmezustand: Planspiel zu Migrations- und Krisenmanagement“, die am 15. Juni 2026 in der Dreikönigskirche in Dresden durchgeführt wurde.
Für einen Tag tauschen Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse aus drei sächsischen Oberschulen ihre Schulranzen gegen Aktenmappen. Sie schlüpfen in die Rollen von Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Mitgliedsstaaten, diskutieren über Aufnahmequoten, Hilfslieferungen und politische Verantwortung. Manche von ihnen haben sich für diesen Anlass extra schick gemacht.

Entwickelt wurde das Planspiel von Studierenden der Technischen Universität Dresden (TUD) unter fachlicher Begleitung von Stefanie Gerstenberger (TUD), Nora Sandner (EUROPE DIRECT Dresden) und Ivo Vacík (SLpB) im Rahmen eines Seminars zur Planspieleetnwicklung. Es richtet sich insbesondere an Oberschülerinnen und Oberschüler. Anhand eines realitätsnahen Krisenszenarios sollen sie die Arbeitsweise der Europäischen Union, insbesondere die des Europäischen Rats, kennenlernen. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (SLpB), EUROPE DIRECT Dresden und der TU Dresden (Professur für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Internationale Politik).
Als die Sitzung beginnt, ist es im Festsaal der Dreikönigskirche erwartungsvoll still. Die Präsidentin des Europäischen Rates, verkörpert von der Schülerin Marienka Kämpfe, eröffnet die Sitzung: „Die Bürgerinnen und Bürger in Europa erwarten von uns, Verantwortung zu übernehmen.“ Nationale Interessen seien legitim, dürften aber nicht über dem Wohlergehen der Geflüchteten stehen, schwört sie die Anwesenden auf die anstehenden Verhandlungen ein.

Sie sitzt an der Stirnseite eines langen, rechteckigen Konferenztisches, der den prächtigen Festsaal der Dresdner Dreikönigskirche fast vollständig ausfüllt. Links und rechts von ihr haben die Regierungschefs der Mitgliedsstaaten Platz genommen. Einige von ihnen rühren angespannt in ihren Kaffeetassen, während sie mit ernstem Blick mit ihren Beratern tuscheln.
Nun folgen die Einführungsstatements der Regierungschefs. Einer nach dem anderen steht auf und erklärt, wie sein Land den Bewohnern der Isla Nova helfen möchte. Schnell wird klar: Einigkeit gibt es nicht. Während beispielsweise der deutsche Vertreter die Aufnahme einer größeren Zahl Geflüchteter zusagt, stellt die italienische Delegation lediglich finanzielle Hilfe in Aussicht.

Die Sitzung wird gespannt von Schülerinnen und Schülern verfolgt, die in die Rolle internationaler Korrespondenten schlüpften – von der ARD bis zur BBC. Immer wieder zücken sie Mikrofone und Notizblöcke, um Delegierten oder NGO-Vertretern kritische Fragen zu stellen. Anschließend veröffentlichen sie die neuesten „Breaking News“ aus den Verhandlungen in großen roten Lettern auf einer eigens eingerichteten Pressewand.
Der 15-jährige Friedrich Eckert scheint in seiner Rolle als ARD-Korrespondent besonders aufzugehen. „Ich rede gerne und frage gerne andere Leute aus. Da hat es sich für mich angeboten, diese Rolle zu übernehmen.“ Am meisten Spaß macht ihm, „mit dem Mikrofon in der Hand“ Interviews zu führen.
Die formelle Stimmung der Ratssitzung weicht einer geschäftigen Betriebsamkeit, als die Delegierten ihre Plätze verlassen, um in kleinen Gruppen an den überall im Saal verteilten Stehtischen zusammenzukommen. Bei Kaffee, Kuchen oder einem Glas Orangensaft sprechen sie über mögliche Kompromisse und loten aus, in welchen Fragen Einigkeit besteht – und wo die Positionen der Regierungschefs noch auseinanderliegen.

Unter die Delegierten mischen sich auch Vertreterinnen und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Einer von ihnen ist Felix Schönborn: „Als Vertreter des Deutschen Roten Kreuzes setze ich mich dafür ein, dass die Menschen auf der Isla Nova möglichst viel humanitäre Hilfe bekommen, dort Notunterkünfte gebaut werden und die Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.“ Das sei jedoch angesichts der vielen verschiedenen Positionen der Teilnehmer keine leichte Aufgabe, berichtet der 15-Jährige.
Während der Koalitionsphase ziehen sich die Staaten in kleinere Runden zurück. Die Fronten werden deutlicher. Einige Länder, darunter Estland, Kroatien, Litauen und die Niederlande, setzen sich für eine verpflichtende Verteilung der Geflüchteten ein. Andere, organisiert in einer Koalition „Gegen Migration“ mit Polen, Ungarn und Tschechien, lehnen verbindliche Quoten unter Verweis auf ihre nationale Souveränität ab.
Eine dritte Position vertritt Anton Berk. Als Vertreter von Dänemark sieht er im Wiederaufbau der Insel die beste Lösung. Sein Zwischenfazit: „Ich habe gelernt, dass Politik ziemlich stressig und anstrengend sein kann. Gleichzeitig macht es mir Spaß, mit anderen zu diskutieren, meine Meinung einzubringen und Argumente auszutauschen.“

Begleitet wird das Planspiel von Teamenden der TUD, wie Laura Rudolph. Für die 21-Jährige ist es besonders spannend zu sehen, wie die Jugendlichen im Planspiel aufgehen und in ihre Rollen hineinwachsen. „Man hat natürlich immer Schüler, die sich weniger beteiligen, aber auch solche, die sehr engagiert dabei sind und andere mit ihrem Enthusiasmus anstecken.“ Genau diese Dynamik mache für sie den Reiz des Planspiels aus.
Bei der abschließenden Pressekonferenz spitzt sich die Lage noch einmal zu: Unter Berufung auf mehrere NGOs wird berichtet, dass auf der Isla Nova ein gefährliches Virus ausgebrochen sei. Für einige Länder ein Anlass, die Hilfe zu beschleunigen und auszuweiten, für andere, die Zäune höher zu ziehen, um die eigene Bevölkerung vor dem Virus zu schützen.
Die Verhandlungen werden hitziger, die Positionen verschieben sich ein letztes Mal. Nach Stunden intensiver Gespräche steht schließlich ein Kompromiss: Die Mitgliedstaaten verpflichten sich, entsprechend ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit entweder Geflüchtete aufzunehmen oder Hilfsgüter zu liefern. Zusätzlich soll ein Expertenteam die Lage auf der Insel und ihre langfristige Bewohnbarkeit prüfen.

Als die Sitzung endet, ist die Erschöpfung spürbar – gleichzeitig aber auch große Zufriedenheit. Zwar sei der Tag lang und fordernd gewesen, doch habe es sich gelohnt, Politik nicht nur theoretisch zu behandeln, sondern selbst zu erleben, resümiert Schülerin Marienka Kämpfe. „Man kann selber denken, man kann selber mitentscheiden. Es macht viel mehr Spaß, hier zu sein als in der Schule.“
Diesen Eindruck unterstreicht auch Ivo Vacík: „Wer die Europäische Union verstehen will, muss sich mit ihren oft komplexen Entscheidungsprozessen auseinandersetzen.“ Planspiele böten hierfür einen besonders anschaulichen Zugang, weil junge Menschen selbst in politische Rollen schlüpfen und unmittelbar erleben, wie Interessen, Konflikte und Kompromisse politische Entscheidungen prägten, so Vacík.
