Das Weimarer Dreieck vor neuen Herausforderungen: Oberst Tkotz im Gespräch
Sie alle sind der Einladung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (SLpB) zum Vortrag und Gespräch mit Oberst Marco Tkotz im Rahmen des Weimarer-Dreieck-Tages am 23. September nach Görlitz gefolgt. Unter dem Titel „Abwehr durch Zusammenhalt“ geht es um zentrale Fragen: Welche Bedeutung hat das Weimarer Dreieck für die europäische Sicherheit? Wie will Europa auf die veränderte Bedrohungslage durch Russland reagieren? Und wo liegen die Chancen und Grenzen der militärischen Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Frankreich und Polen?
Fragen, zu denen Tkotz aufgrund seiner bisherigen Laufbahn einiges zu erzählen hat. Seit März 2026 ist der 48-Jährige Kommandeur des Landeskommandos Sachsen. Zuvor führte ihn sein beruflicher Weg unter anderem ins Bundesministerium der Verteidigung, ins Auswärtige Amt und an die Deutsche Botschaft in Washington. Nun ist der gebürtige Nordrhein-Westfale militärischer Ansprechpartner für die Sächsische Landesregierung. Gleichzeitig fällt es in seine Verantwortung, den Freistaat auf den Ernstfall vorzubereiten.

Trotz seiner hohen Funktion und seiner Respekt einflößenden Uniform wirkt Tkotz locker und nahbar. Er spricht – ganz Bundeswehr – in kurzen, präzisen Sätzen. Hier und da baut er einen Witz in seinen Vortrag ein.
Ohne große Umschweife kommt Tkotz auf das zentrale Thema des Abends: das Weimarer Dreieck. Das kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung 1991 im etwa 210 Kilometer von Görlitz entfernten Weimar zwischen Frankreich, Deutschland und Polen gegründete Bündnis habe neben politischen Zielen von Anfang an auch eine militärische Dimension gehabt, so Tkotz.
Neue Bedeutung durch den Ukraine-Krieg
Spätestens seit dem Krieg in der Ukraine sei diese militärische Dimension des Weimarer Dreiecks wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt. Immerhin stellen die drei Länder mit ihren insgesamt rund 190 Millionen Einwohnern fast die Hälfte der Bevölkerung der EU. Entsprechend zentral sei ihre Rolle im Falle eines russischen Angriffs, gibt Tkotz zu bedenken.
Zum 35. Jubiläum 2026 hätten sich die Außenminister des Weimarer Dreiecks auf drei zentrale Punkte verständigt: die militärische Unterstützung der Ukraine und Moldaus – etwa durch die Bereitstellung und Ausbildung an tragbaren Luftabwehrsystemen –, eine stärkere Abschreckung gegenüber Russland sowie den Aufbau leistungsfähiger Streitkräfte. Dazu gehörten auch der Kauf und die Entwicklung von Langstreckenraketen, um im Ernstfall Ziele weit im Landesinneren Russlands angreifen zu können.

An dieser Stelle wird es einer Frau aus dem Publikum offenbar zu viel. „Das muss ich mir nicht anhören“, murmelt sie halblaut, bevor sie sich erhebt, ihre Tasche nimmt und entschlossenen Schrittes zur Tür geht. Ohne ein weiteres Wort knallt sie die Tür hinter sich zu. Die Vortragsgäste schauen sich für einen Moment überrascht an. Auch Tkotz wirkt kurz irritiert, bevor er seinen Vortrag fortsetzt.
Tkotz: „Wir waren blauäugig“
Auf die Frage aus dem Publikum, ob die russische Bedrohung von Politik und Militär nicht ernst genug genommen worden sei, gibt der Oberst ohne große Umschweife zu: „Wir waren zu blauäugig und vielleicht wollten wir es auch nicht wahrhaben.“ Die Geheimdienste osteuropäischer Partner hätten die russische Bedrohung deutlich klarer gesehen. Die aktuellen Aufrüstungsbemühungen Deutschlands seien aus seiner Sicht ein Zeichen dafür, dass diese Naivität inzwischen überwunden sei.
Deutschland habe damals ein großes Interesse an der Zusammenarbeit mit Russland gehabt – und habe es noch immer. Doch die sicherheitspolitische Realität habe sich verändert. Zum aktuellen Zeitpunkt ist Tkotz überzeugt: „Der Weg der Diplomatie, der ist erst einmal zu.“ Nichtsdestotrotz bleibe die deutsche Seite gesprächsbereit. „Doch“, sagt Tkotz und lässt den Blick durch das Publikum schweifen, „zum Reden bedarf es eben zwei Seiten.“
Weg von der „eierlegenden Wollmilchsau“
Die Frage, ob die Bundeswehr angesichts der rasanten technischen Entwicklung auf dem Schlachtfeld überhaupt das Richtige anschafft, beantwortet Tkotz mit einem Beispiel aus dem Drohnenkrieg. Würde Deutschland heute etwa 5000 Drohnen kaufen, die dem aktuellen Stand auf dem ukrainischen Schlachtfeld entsprechen, könnten diese in wenigen Wochen bereits veraltet sein. Deshalb setze man stärker auf Verträge mit der Industrie: Unternehmen sollen sich verpflichten, im Bedarfsfall kurzfristig große Stückzahlen moderner Drohnen herstellen zu können. Dafür sollen sie bereits Maschinen, Material und Personal vorhalten, sodass die Produktion im Bedarfsfall schnell anlaufen kann.

Auch bei der Beschaffung anderer Waffensysteme habe sich die Haltung verändert. Während man früher möglichst die „eierlegende Wollmilchsau“ habe entwickeln und das Beste vom Besten anschaffen wollen – etwa bei der Entwicklung neuer Kriegsschiffe –, schaue man heute stärker darauf, was bereits auf dem Markt verfügbar, ausreichend entwickelt und einsatzfähig sei. Das spare nicht nur Zeit, sondern auch Geld.
Wie kompliziert internationale militärische Zusammenarbeit im Alltag sein kann, weiß Tkotz aus eigener Erfahrung. Zwischen 2007 und 2009 war er Kompaniechef bei der Deutsch-Französischen Brigade im Breisgau. Obwohl es die Brigade zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als zwölf Jahren gab, sei er bei seinem Amtsantritt überrascht gewesen, wie weit die beiden Truppenteile organisatorisch noch auseinanderlagen. Zwar trugen die Soldaten gemeinsame Baretts und Abzeichen, eine einheitliche Uniform gab es jedoch nicht.
Wenn Vorschriften aufeinanderprallen
Besonders die unterschiedlichen Vorschriften und Regelungen hätten die Zusammenarbeit erschwert. Eine Anekdote ist ihm dabei bis heute im Gedächtnis geblieben: Bei einer Übung in Frankreich durften die französischen Soldaten laut ihrer Vorschrift Wasser aus dem nächstbesten Wasserhahn trinken. Nach deutscher Vorschrift musste dagegen jeder Soldat zwei Liter abgefülltes Wasser erhalten – aus hygienischen Gründen. Auch eine Beschwerde Tkotz' änderte daran nichts. Am Ende tranken die Franzosen Wasser aus dem Hahn, die Deutschen aus ihren Flaschen. „Vorschrift ist Vorschrift“, resümiert Tkotz kopfschüttelnd.

Doch so groß die organisatorischen Unterschiede gewesen seien, menschlich habe die Zusammenarbeit ganz anders ausgesehen. Besonders in Erinnerung geblieben ist Tkotz eine gemeinsame Kranzniederlegung an einem Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs bei Verdun. Dort, wo ihre Urgroßväter einst gegeneinander gekämpft hatten, standen nun deutsche und französische Soldaten gemeinsam und legten einen Kranz nieder.
„Das ist doch irre. Wenn die Gefallenen von damals uns heute sehen könnten, wie wir uns gemeinsam verteidigen.“ Für Tkotz ist es ein Moment, der zeigt, wie weit die deutsch-französische Zusammenarbeit inzwischen reicht – trotz aller Unterschiede, die geblieben sind.
