Bequem, fast schon unpolitisch

Gepflegt vom Sofa aus diskutieren. Das Haus nicht verlassen und trotzdem auf dem Laufenden sein in aktuellen gesellschaftlichen Debatten, in Sachen Politik, Geschichte oder Wirtschaft. Seit Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland finden die Veranstaltungen des Projektes „Kontrovers vor Ort“ online statt.

Das gemeinsame Angebot mit dem Sächsischen Volkshochschulverband bietet noch bis zum Beginn der Sommerferien Webtalks an Stelle von Präsenzveranstaltungen und weicht damit nur leicht ab vom ursprünglichen Gedanken: Politische Bildung vor Ort in allen zehn sächsischen Landkreisen. Nur dass vor Ort bis aus Weiteres am heimischen Schreibtisch, auf dem Balkon oder der Wohnzimmercouch bedeutet.

Manche Themen lassen sich möglicherweise auch leichter aus den vertrauten eigenen vier Wänden heraus besprechen. Der Strukturwandel in der Lausitz, zum Beispiel. Am Abend des 23. Juni kamen Politikwissenschaftler Christoph Meißelbach von der Technischen Universität Dresden und Psychologe Jörg Heidig mit Teilnehmenden des Online-Seminars ins Gespräch darüber, wie Heimat- und Naturschutz miteinander vereinbar sind. Anhand einer Umfrage mit 500 Teilnehmenden in den Landkreisen Görlitz und Bautzen skizzierten sie ein repräsentatives Meinungsbild  darüber, welche persönlichen Themen die sächsische Bevölkerung der Lausitz beschäftigen, wie sie ihre eigene und die Lebenssituation in der Lausitz bewerten und ob ein tiefgreifender Strukturwandel in der Region notwendig ist.

Sozial-optische Täuschung

Rund die Hälfte der Befragten lehnte einen Ausstieg aus der Braunkohle ab. Gleichzeitig beobachteten die Wissenschaftler ein starkes Zutrauen in neue Energiebranchen und Zukunftstechnologien wie Wasserstoff. Ihre persönliche Lebenssituation bewerteten die Befragten positiver als die Gesamtsituation in der Lausitz. Laut Meißelbach ist diese “sozial-optische Täuschung” ein bekanntes Phänomen: “Das Fernbild nehmen die Leute negativer wahr, als es sich eigentlich darstellt. Denn das Fernbild wird durch Medien erfahren, das aus nachvollziehbaren Gründen meist negativer ist als das Nahbild der eigenen Lebensrealität.”

Nach einer einleitenden Präsentation fasste der Politikwissenschaftler die wichtigsten Erkenntnisse aus der Erhebung zusammen: Es gab in den vergangenen Jahren bereits einen Wandel, der vielen zugutekam. Der Mehrheit in der sächsischen Lausitz geht es dementsprechend aktuell gut. Die Befragten wissen auch, dass es einen neuen Strukturwandel braucht, um die derzeit positiv bewertete Lebenssituation aufrechtzuerhalten. Überrascht zeigt er sich daher davon, dass rund die Hälfte der Befragten Politik und den Parteien nicht zutraut, diesen zukünftigen Wandel erfolgreich zu gestalten – obwohl genau die den positiv bewerteten Wandel der letzten Jahre zu verantworten haben. “Diese Zahlen spiegeln eher frustrierte Enttäuschung als echten Leidensdruck wider. Das ist eine bequeme, fast schon unpolitische Ablehnung”, sagte Meißelbach. Der Politikprofessor verstehe zwar die Kritik an Parteien und vergangener Politik sowie die Forderung nach mehr direkter Beteiligung, doch seien Parteien im politischen Wettbewerb einer pluralen Demokratie seiner Ansicht nach unverzichtbar.

In der nächsten Veranstaltung des Projekts “Kontrovers vor Ort” am 7. Juli thematisiert "Chemical Cotton Kills" den immensen Ressourcenverbrauch in der Textilbranche. Im vorerst letzten Online-Talk des ersten Halbjahres 2020 stellt die Autorin Ulrike Kedig am 14. Juli ihr Buch “Die heimliche Freiheit: Eine Reise zu Irans starken Frauen“ vor.