Zwischen Akzeptanz und Unsichtbarkeit: jüdisches Leben in der DDR

Wie sichtbar war jüdisches Leben in der DDR? Bei einer Podiumsdiskussion der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung im Projektbüro Chemnitz blickten Zeitzeuginnen aus verschiedenen Perspektiven auf jüdisches Leben im ostdeutschen Teilstaat nach dem Holocaust.

 

Renate Aris merkt man an, wie oft sie ihre Geschichte bereits vor Publikum erzählt hat. Mit ruhigen, klaren Worten spricht sie über das, was kaum vorstellbar ist. „Wir mussten durch eine brennende Stadt, vorbei an verbrannten Leichen.“ Aris, 1935 in Dresden geboren, überlebte als Kind eines jüdischen Vaters den Holocaust, weil der Dresdner Bahnhof, von dem aus sie mit dem letzten Transport ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht werden sollte, nach den alliierten Bombenangriffen im Februar 1945 in Trümmern lag.

Von den rund 20.000 Jüdinnen und Juden, die 1933 in Sachsen lebten, überlebten nur wenige. Von den Überlebenden wiederum verließen viele das Land der Täter. Anders Renate Aris und ihre Familie. Ihr Vater habe den Entschluss gefasst, jüdischen Rückkehrern wieder ein jüdisches Leben zu ermöglichen. Mit ihrem Aufwachsen in der DDR ist Aris damit nicht nur Zeitzeugin für die letzten Tage des nationalsozialistischen Deutschlands, sondern auch für das jüdische Leben im ostdeutschen Teilstaat.

Ein Leben, über dessen Bedingungen bis heute kontrovers diskutiert wird. Während die einen berichten, jüdisches Leben habe in der DDR offen existieren können, beschreiben es andere als weitgehend unsichtbar. Diesen unterschiedlichen Perspektiven widmete sich eine Podiumsdiskussion der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, die im Januar auf Einladung von Christine von Brühl im Projektbüro Chemnitz stattfand. Die fachkundige Moderation lag in den Händen von Verena Böll (SLpB). Neben Zeitzeuginnen und Historikern beteiligten sich auch viele nicht-jüdische Zuhörerinnen und Zuhörer, die ihre eigenen Erfahrungen mit Schulunterricht und Gedenken in der DDR in die Diskussion einbrachten.

Eigene Erfahrungen – diese prägen letztlich auch wie kritisch Jüdinnen und Juden selbst auf die Bedingungen in der DDR zurückblicken. Renate Aris gehört zu denjenigen, die sich an einer pauschalen Darstellung jüdischen Lebens als unterdrückt stören. Sie schildert, wie sie ihr gesamtes Berufsleben in der DDR verbrachte, eine Lehre zur Gewandmeisterin absolvierte, die Meisterakademie abschloss und Kostümabteilungen an Theatern sowie später beim Fernsehen der DDR leitete. Probleme aufgrund ihres Jüdischseins habe sie nie erlebt. „Alle wussten, dass ich jüdisch bin“, sagt Aris. Wer einen Davidstern tragen wollte, konnte das auch tun, ist sie überzeugt.

Einen anderen Blick bringt Lara Dämmig ein. Sie gehört zu einer Generation von Jüdinnen und Juden, die erst in der DDR geboren wurden. Mit dem Interviewband „Jung und jüdisch in der DDR" dokumentiert sie zahlreiche Perspektiven von Juden auf das Aufwachsen im ostdeutschen Teilstaat. Sie selbst habe in der Schule nie gesagt, dass sie jüdisch sei. „Ich komme aus einer Familie von Überlebenden. Ein großes Bedürfnis war, nicht aufzufallen."

Viele jüdische Familien in der DDR, erzählt sie, bestanden aus einem jüdischen und einem nicht-jüdischen Elternteil. Weil jüdische Bräuche zu Hause oft keine Selbstverständlichkeit waren, sei das Bedürfnis groß gewesen, dass die Kinder dieses in der Gemeinde erleben. Wichtig sei für viele dabei das jüdische Ferienlager in Glowe gewesen, das Jahr für Jahr auf der Insel Rügen stattfand. Wenn sie von Wasserschlachten mit den Betreuern berichtet und dem morgendlichen Aufwachen ohne den für die DDR-Ferienlager üblichen Fahnenappell, kann das Publikum ihr anmerken, welche positiven Gefühle an diesen Erinnerungen hängen.

Trotz ihrer unterschiedlichen Perspektiven auf die Bedingungen jüdischen Lebens in der DDR begegnen sich Renate Aris und Lara Dämmig bei der Podiumsdiskussion verständnisvoll. Keine spricht der anderen ihre Erfahrungen ab. Im Gegenteil: Ihre Berichte machen deutlich, wie stark jüdisches Leben in der DDR von Generation, Gemeinde und ganz individuell von den Menschen, auf die sie trafen, abhing.

Was vielen jüdischen Familien jedoch gemein war, war die geringe Rolle, die die Geschichte ihrer Familien im offiziellen Erinnern der DDR einnahm. Das Gedenken des selbsternannten antifaschistischen Staats konzentrierte sich vor allem auf den kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, erklärt der Historiker Philipp Graf bei der Veranstaltung in Chemnitz. Eine breite Auseinandersetzung mit der Verstrickung der Mehrheitsgesellschaft in das nationalsozialistische Unrecht blieb aus. Für viele in der DDR geborene jüdische Kinder wurde es dadurch doppelt schwer, etwas über die eigene Familiengeschichte zu erfahren, da auch ihre Eltern oft über das Erlebte schwiegen.

Wie tiefgreifend diese Leerstelle in der Erinnerungskultur war, zeigt auch der Blick auf ganze Städte und Regionen. Der Historiker Philipp Graf verweist auf eine große Wissenslücke, die durch das Desinteresse während der DDR-Zeit entstand. Am Beispiel von Halberstadt erläutert er, wie eine Stadt einen zentralen Teil ihrer eigenen Geschichte verlor. Halberstadt besaß vor 1933 die größte und bedeutendste jüdische Gemeinde in Mitteldeutschland. Nach 1945 wurde an diese Gemeinde im Stadtbild und im öffentlichen Gedenken kaum erinnert. Das Wissen um Halberstadt als bedeutendes Zentrum jüdisch-orthodoxen Lebens ging dadurch weitgehend verloren.

Doch auch wenn die Opfer des Holocaust keinen zentralen Platz in der Heldenerzählung der DDR einnahm, so wurden sie vereinzelt dennoch thematisiert. Die Wortmeldungen aus dem Publikum machten diese Grautöne deutlich. Zu der Podiumsdiskussion waren Menschen gekommen, denen anzumerken war, dass sie sich viel mit dem Holocaust beschäftigt haben und, dass sie sich dabei immer wieder gefragt haben müssen, warum sie dieses Verständnis der deutschen Geschichte noch nicht zu DDR-Zeiten hatten.

„Ich möchte nicht stehen lassen, dass der Holocaust nicht thematisiert wurde. Man kannte die Begriffe Holocaust oder Shoah schlichtweg noch nicht“, sagte eine Teilnehmerin aus dem Publikum. Sie erinnerte sich zwar auch an den Schulausflug nach Buchenwald, wo der im dortigen Konzentrationslager ermordete Kommunist Ernst Thälmann im Mittelpunkt stand. Sie erzählt von Johannes R. Bechers Gedicht „Kinderschuhe aus Lublin“ oder DEFA-Filmen wie „Professor Mamlock“ und „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ (Globke-Prozess), die sich wiederum in der DDR mit dem Holocaust auseinandersetzten.

Der Historiker Alexander Walther ordnete diese Erfahrung, eine Ahnung aber keinen Namen für das zu haben, was passiert ist, historisch ein. Begriffe und Debatten, wie sie heute selbstverständlich sind – etwa die Diskussion um die Singularität der Shoah –, hätten sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Lange seien diese Fragen in beiden deutschen Staaten kaum gestellt worden. Während in der Bundesrepublik die Studentenbewegung 1968 erste Impulse setzte, dauerte es bis zum Historikerstreit in den 1980ern, ehe ein Verständnis des Holocaust als einzigartiges Verbrechen entstand.

Parallel kam es auch in der DDR in den späten 1980er Jahren zu Veränderungen. 1988, zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome, rückte jüdische Geschichte stärker in den öffentlichen Fokus. Die symbolische Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der Neuen Synagoge in Ost-Berlin markierte hier den Beginn eines vorsichtigen Wandels in der Erinnerungspolitik, dessen Entwicklung mit dem Fall der Mauer zugunsten eines gesamtdeutschen Erinnerungsdiskurses abbrach.

Und heute? Jüdische Gemeinden in Ostdeutschland sind inzwischen stark von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion geprägt, deren Erfahrungen und Zugänge zur Geschichte sich noch einmal unterscheiden von denen, die in den beiden deutschen Teilstaaten aufgewachsen sind. Umso wichtiger sei es, jüdisches Leben in seiner Breite sichtbar zu machen. Dabei sei jeder willkommen, sagt die Holocaustüberlebende Renate Aris. In Chemnitz seien es gerade auch nicht-jüdische Menschen, die sich engagieren und beispielsweise Führungen zur jüdischen Geschichte der Stadt anbieten. „Es muss in die Öffentlichkeit, dass es jüdisches Leben gibt“, sagt Aris.