Zeichen der Zeit erkennen und beachten!

Erneut gestaltete die Landeszentrale für politische Bildung das Demokratiewochenende des Leipziger Gewandhausorchesters mit – einen Tag vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

 

Geduldig, mit viel Wissen und Charme erklärt Gewandhausorchester-Dramaturgin Ann Katrin Zimmermann im Programmheft die musiktheoretische und metaphorische Dimension von Vorzeichen in der notierten Musik. Sie steigt damit in das fünfte Programmheft zu dem seit 2022 jährlich zum Spielzeitauftakt ausgerichteten Demokratiewochenende ein. In diesem „Schicksalswahljahr“ und zu diesem Zeitpunkt am Wochenende der Landtagswahl nebenan in Sachsen-Anhalt darf man dem doppelsinnigen Motto „Vorzeichen lesen“ eine positive Schlitzohrigkeit bescheinigen. Und einen Schuss Selbstironie, wenn sich das nicht ganz unbekannte Leipziger Gewandhaus als „Vorzeichenlesekompetenzzentrum“ bezeichnet. Was neben der Intonation durch alle Tonarten gemeint ist, verrät der Satz: „Für die Zeichen der Zeit besitzt keiner alleinige Deutungshoheit.“

Zwischen Konzerten mit Dvorák siebenter Sinfonie (Vorzeichen ein „b“) und Beethovens „Eroica“ (Vorzeichen drei „b“) lag am 5. September das zentrale Gespräch zum Vorzeichen-Thema. Kein Podiumsgespräch im engeren Sinn, denn die etwa 80 Gäste im Foyer des Gewandhauses saßen wechselnden Gruppen von referierenden und diskutierenden „Vorzeichenkompetenten“ gegenüber. Ann Katrin Zimmermann und der Direktor der Landeszentrale Roland Löffler als Mitveranstalter moderierten abwechselnd.

Der Umgebung angemessen demonstrierte eingangs ein Posaunenquartett, wie sehr es in der Musik auf das richtige Lesen und die Interpretation von Vorzeichen ankommt. Nach bewusstem Weglassen aller Vorzeichen war die wohlklingende Fuge kaum noch zu erkennen. Im Stil einer solchen Lecture Performance ging es auch in das Gespräch hinein. Prof. Jan-Oliver Decker aus Passau hat Literaturwissenschaft studiert und befasst sich aktuell mit Semiotik, Medien und Didaktik. 

„Was ist eigentlich ein Zeichen?“, lautete die ihm eingangs gestellte Frage. Allgemein eine Kommunikationsform, aber Decker engte schnell auf das „Vorzeichen“ ein. Schnell war er beim modischen Trendwort „Frame“, also beim Deutungsrahmen, der dem Abstecken eines Erwartungshorizonts verwandt ist. Ein Casting oder der gesamte Werbeapparat funktionierten ähnlich. Die Deutung eines Vorzeichens sei natürlich ex post einfacher als aus der Gegenwart heraus. Aber schon das Stattfinden eines solchen Demokratieforums sei ein gutes Vorzeichen, platzierte der Professor ein ehrliches Kompliment.

Wie sich Trends entwickeln und Erwartungen geweckt werden, beobachtet Markt- und Meinungsforscherin Silke Borgstedt. Seit 2009 arbeitet sie beim Milieu- und Mentalitätsforschungsinstitut SINUS in Berlin und Heidelberg und leitet es seit 2021 als Geschäftsführerin. Neben Psychologie und Erziehungswissenschaften hat sie auch Musikwissenschaft studiert und fühlte sich also im Gewandhaus ganz zuhause. Die Trendforschung nennt sie eine „Kunst der Zeitreihen“, die genau auf alle Veränderungen schauen müsse. Neben Zahlen hebt sie besonders die qualitativen Erhebungen hervor. Besonders aufschlussreich seien die Widersprüche zwischen persönlichem Wohlergehen und kollektiver Depression. Ein Phänomen, das alle in den Bundesländern erhobenen Monitore gleichfalls bestätigen – und das einen Tag später auch das Wahlverhalten der Sachsen-Anhalter erklären hilft.

Zentral: Der Umgang mit dem Anderen, dem Fremden

Eine Vorlage für den in Chemnitz lehrenden Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie Bertolt Meyer. Manche kennen ihn als Moderator der Wissenschaftssendung „Agree to Disagree“ auf arte. 2024 kürte ihn der Hochschullehrerverband zum Hochschullehrer des Jahres. Moderatorin Zimmermann fragte ihn nach dem Titel seines ersten Buches „Anders“, nach dem Umschlagen empfundener Fremdartigkeit in Hass und Gewalt gegen andere. 

Meyer gab als Psychologe daraufhin noch einmal einen Grundkurs zum Verständnis menschlicher Verhaltensmuster. Unser Hirn sortiere die Wahrnehmung anderer spontan in die Schubladen ähnlich-unähnlich ein. „Ähnlichkeit mit anderen tut gut und löst Belohnungsreaktionen aus.“ Also suche ich mir lieber gleichartige Menschen. Die immer präsente Frage nach der eigenen Identität wird folglich gern mit der Zugehörigkeit zu vertrauten Gruppen beantwortet. Leicht führt das zur Abwertung von Gruppen, zu denen ich nicht gehöre. Solche Stereotype seien normal, nicht von vornherein als negativ zu bewerten und könnten auch als „Datenkomprimierungsmechanismus des Gehirns“ angesehen werden, der Effizienz erhöhe und Energie spare.

Problematisch werden solche Grundmuster aber, wenn schon der erste Eindruck zur Abwertung des und der anderen führt und ungerechte Behandlung daraus folgt. Professorenkollege Decker stimmte zu und verwies auf permanente Kategorisierungen und Schubladenbildungen. Es gelte, die angeblich entscheidenden ersten Sekunden einer Begegnung zu überprüfen, statt daraufhin Narrative wie etwa die Hautfarbe festzulegen. Silke Borgstedt wagte nur den Einwand, dass Gruppenbildung auch eine positive Seite habe, weil Vielfalt so erst erkennbar werde. Woraufhin Bertolt Meyer den Horizont auf politisch relevante Gesellschaftsphänomene erweiterte. Individuelle Bedrohungsgefühle durch Andersartigkeit wüchsen sich schnell zu einem kollektiven „Wir sind bedroht“ aus. Dann spielten objektive Maßstäbe keine Rolle mehr. „Anderen wird Gutes getan, nur uns nicht“ ist in der Tat der häufigste Satz, den man als Journalist im Wahlkampf von Sachsen-Anhaltern zu hören bekam. Meyer erklärte mit diesem „Wutklumpen im Bauch“ auch den Vertrauensverlust in Parteien und Regierungen.

Sind junge Menschen für Bedrohungen und ihre Vorzeichen sensibler?

Ein Wechsel im Stehpodium, das nie die Atmosphäre von Frontalunterricht aufkommen ließ, brachte dann eine Akzentverschiebung weg vom Akademischen zum Empirischen. Die junge Studentin der Politikwissenschaft Julia Steinhöfel brachte über das Mediennutzungsverhalten ihrer Generation Anpassungsnotwendigkeiten in der Demokratieerziehung und der politischen Bildung ins Spiel. Nach ihren Erfahrungen mit Schülern herrscht bei ihnen Skepsis gegenüber etablierten Medien vor, auch wenn sie nicht sofort das Schimpfwort „Lügenpresse“ gebrauchen. Geschätzt die Hälfte ihrer Informationen beziehen sie über Social Media. Dem stehe eine wenig ausgeprägte Fähigkeit zur Quellenkritik gegenüber. Quizspiele mit Schulklassen offenbarten große Schwierigkeiten, Fakes und originale Wahrheiten zu unterscheiden. Daraus solle aber bitte keine pauschale Abwertung von Social Media folgen, plädierte die Studentin. „Beide Seiten sollten voneinander lernen!“

Nachdenklich stimmten die Antworten von Julia Steinhöfel auf die Moderatorenfrage, ob jüngere Menschen wie sie sensibler für Vorzeichen alarmierender Entwicklungen seien, auf die das Veranstaltungsmotto anspielt. Auf die Zunahme von Waldbränden beispielsweise treffe das gewiss zu, meinte sie. An Stelle einer eindeutigen Antwort verwies die junge Politikwissenschaftlerin auf das signifikant wachsende Bedürfnis nach psychischer Unterstützung in ihrer Generation. Mindestens ein Drittel fühle sich erschöpft, gestresst und von Selbstzweifeln geplagt.

Dass man aber auch in einer unheilen Welt zumindest in seinem überschaubaren Bereich positiv wirken kann, schilderte der in Leipzig lebende Bildende Künstler David Schnell. Er ging auf die eingangs von der Sozialforscherin Silke Borgstedt erwähnten „Weak Signals“ ein, also auf schwache Vorzeichen, die aber relevante Entwicklungen andeuten. Schnell ist Vorstandsvorsitzender des Vereins „Land in Sicht“, der in ländlichen Regionen Sachsens kulturelle und soziale Arbeit unterstützt. Seine Gestaltung eines Friedensfensters in der Leipziger Thomaskirche, Glasmalerei überhaupt setze solche Signale. „Über sensibles Material Sensibilitäten wachrufen“, postulierte der Künstler.

Social Media und Rechtspopulismus sind Verwandte

Die abschließende Fragerunde für die Gäste stimulierte vor allem Prof. Meyer zu einer analytischen Kurzvorlesung über Funktionsweisen des Rechtspopulismus, ausgelöst von einer Frage nach der Rolle von Umfragen, speziell nach der „Sonntagsfrage“ zur voraussichtlichen Parteienpräferenz bei Wahlen. Sein Kollege Decker ging zunächst die Medien an, die daraus gern Geschichten vom Systemwandel konstruierten und damit komplexe Zusammenhänge reduzieren. Meyer stellte die These auf, dass der Aufstieg der so genannten Sozialen Medien nur in Verbindung mit dem Rechtspopulismus denkbar war. Dessen Inhalte passten perfekt zu Social Media. Nirgendwo sei die AfD so präsent wie auf der Plattform X von Elon Musk, und das sei dessen Ziel als Besitzer. „Social Media hat den Status einer gesellschaftlichen Infrastruktur, wird aber von privaten Zielen bestimmt!“ Es sei deshalb „absurd, dass es in Europa noch keine Regulierung gibt“.

Die medialen Angebote der Rechtsextremisten seien „emotional, affektiv und befriedigten psychologische Grundbedürfnisse“, analysierte der Chemnitzer Professor weiter. Etwa die Erzählung, dass immer die anderen schuld sind, wenn es Dir schlecht geht, kam Meyer auf seine Eingangsthesen zurück. Sie selbst böten dagegen das Statusversprechen „Mit uns kommst Du nach oben“. Solcher Konformismus aber biete nur eine eindimensionale Vorstellung vom guten Leben. Es mangele an einem attraktiven emotionalen Gegenangebot, eine starke und berührende Zukunftserzählung von einer vielfältigen solidarischen Gesellschaft.

Einen Tag vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wurde Bertolt Meyer daraufhin nach der Veranstaltung von Besuchern umlagert. Zum Schluss hatte sich zuvor Julia Steinhöfel für die Unterstützung von allem ausgesprochen, „was keine KI ist“. Die Musikerinnen Sophia Göken und Paula Rößner demonstrierten daraufhin mit Gesang und Stagepiano analogen, rein humanoiden Jazz in tiefer Nachdenklichkeit.