Welt im Wandel - und wir mittendrin - Auftakt der Reihe „Weltpolitik ungefiltert“ in Chemnitz

Die Idee zu „Weltpolitik ungefiltert“ kam uns, weil wir das Gefühl haben hinter den internationalen Entwicklungen und Schlagzeilen kaum noch hinterherzukommen, dass keine Zeit bleibt die Ereignisse in angemessenem Maße zu diskutieren und einzuordnen. Das bewusst informelle Setting ist dabei Teil des Konzepts: wir wollen politische Bildung ein wenig mehr in den Alltag holen und Raum für Austausch auf Augenhöhe schaffen.
Ivo Vacik (Referent Europa/Internationales, SLpB) und Fabian Soding (Referent Social Media und Internetredaktion, SLpB)
Zwischen Ordnung und Unsicherheit: Leben in einer „Zwischenzeit“

Bereits in der Einstiegsdiskussion mit Dr. Linn Selle (Leiterin Europa-Zentrum, DGAP) und Prof. Dr. Kai Oppermann (Professur Internationale Politik, TU Chemnitz) wird deutlich, dass die gegenwärtige Lage weniger als klarer Bruch, sondern vielmehr als Übergangsphase verstanden werden muss. Die bestehende internationale Ordnung verliert sichtbar an Stabilität, während sich eine neue Ordnung noch nicht herausgebildet hat. Diese „Zwischenzeit“ ist geprägt von Unsicherheit, Konkurrenz und zunehmenden Konflikten zwischen globalen Akteuren.
„Das Alte zerbröselt offensichtlich vor unseren Augen, aber das Neue hat sich noch nicht herauskristallisiert“, beschreibt es Kai Oppermann.
Diese Einordnung findet sich auch in den anschließenden Gesprächen an den Tischen wieder. Viele Teilnehmende beschreiben die aktuelle Weltlage als unübersichtlich und potenziell eskalationsanfällig - als ein „Pulverfass“, dessen Dynamiken schwer einzuschätzen sind.
Auch wenn eine unmittelbare Bedrohung für Deutschland nicht als wahrscheinlich gilt, erscheint sie nicht länger ausgeschlossen. Globale Entwicklungen werden damit zunehmend als direkt relevant für die eigene Lebensrealität wahrgenommen.
Europas Rolle: zwischen Anspruch, Druck und neuen Handlungsspielräumen

Zentraler Ausgangspunkt der Einstiegsdiskussion ist das Spannungsverhältnis, in dem sich Europa derzeit befindet. Die Europäische Union ist historisch als regelbasierte, kooperative Ordnung angelegt - nicht als klassischer geopolitischer Machtakteur. In einer Welt zunehmender Großmachtrivalität stößt dieses Modell jedoch an seine Grenzen.
„Die Europäische Union ist nicht gebaut für diese Großmächtewelt“, betont Linn Selle.
An mehreren Tischen wird dieser Befund um eine wichtige Perspektive ergänzt. Teilnehmende betonen, dass die veränderte Weltlage auch neue Handlungsspielräume eröffnet. Aktuelle Krisen könnten Entwicklungen beschleunigen, die in Europa lange hinausgezögert wurden - etwa im Bereich der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit, der digitalen Souveränität oder der wirtschaftlichen Eigenständigkeit.
So entsteht ein differenziertes Bild: Europa steht nicht nur unter Anpassungsdruck, sondern zugleich vor der strategischen Chance, die eigene Handlungsfähigkeit neu zu definieren.
Globale Ordnung im Wandel - und die unklare Rolle der USA

Ein weiterer Schwerpunkt der Einstiegsdiskussion liegt auf der Frage nach der zukünftigen internationalen Ordnung. Deutlich wird, dass die bisherige, stark von den USA geprägte Ordnung zunehmend an Verbindlichkeit verliert, ohne dass sich bereits eine stabile neue Konstellation herausgebildet hat.
„Wir gehen aus einer Zeit heraus, in der die USA der Fixstern waren“ formuliert es Dr. Linn Selle in diesem Kontext.
Diese Unsicherheit wird in den Tischgesprächen konkretisiert. Dort steht insbesondere die Rolle der Vereinigten Staaten im Mittelpunkt: Können und wollen die USA weiterhin als globaler Hegemon auftreten? Welche Folgen hätte ein Rückzug für Europa? Auch mögliche Verschiebungen in den internationalen Beziehungen werden thematisiert.
Es wird sichtbar, wie sehr die unklare Rolle der USA zur gegenwärtigen Orientierungslosigkeit beiträgt - und zugleich den Druck auf Europa erhöht, eigenständige Antworten zu entwickeln.
Sicherheit neu denken: zwischen militärischer Bedrohung und gesellschaftlicher Resilienz

Aus Sicht der beiden Experten hat sich der Sicherheitsbegriff deutlich erweitert. Neben klassischen militärischen Bedrohungen rücken hybride Formen der Einflussnahme in den Vordergrund - darunter Cyberangriffe, Desinformation und gezielte Versuche der Destabilisierung.
„Wir werden täglich angegriffen – hybrid“, unterstreicht Dr. Linn Selle.
Die Gesprächsrunden greifen diese Perspektive auf und erweitern sie um eine gesellschaftliche Dimension. Sicherheit wird hier nicht allein als militärische Aufgabe verstanden, sondern als gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Fragen von Zusammenhalt, politischer Bildung und individueller Vorsorge gewinnen an Bedeutung.
Gesellschaftliche Perspektiven: Wehrpflicht, Beteiligung und unterschiedliche Erfahrungshorizonte

In den Tischgesprächen rücken Fragen der gesellschaftlichen Einbindung besonders stark in den Fokus. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht wird differenziert diskutiert: Ihre grundsätzliche Notwendigkeit wird vielfach anerkannt - auch von jungen Teilnehmenden. Gleichzeitig artikulieren viele den Wunsch nach stärkerer Beteiligung. Fragen der Umsetzung, der Kommunikation und der Fairness werden kritisch hinterfragt. Das zeigt, dass sicherheitspolitische Maßnahmen langfristig nur dann tragfähig sind, wenn sie transparent gestaltet und gesellschaftlich vermittelt werden.
Darüber hinaus zeigen die Gespräche, wie unterschiedlich internationale Politik wahrgenommen wird. Insbesondere ostdeutsche Erfahrungshorizonte prägen die Diskussion - etwa durch Transformationserfahrungen oder ein Gefühl relativen Abstiegs.
Offene Fragen und grundlegende Spannungen

Über den gesamten Abend hinweg wird deutlich, dass viele zentrale Fragen derzeit offenbleiben. Dazu gehört die Zukunft globaler Kooperationsstrukturen ebenso wie die Rolle einzelner Staaten in einer sich neuformierenden Weltordnung.
Zugleich treten innerhalb Europas grundlegende Spannungen zutage. Die Diskussion um wirtschaftliche Abhängigkeiten und mögliche protektionistische Maßnahmen verweist auf Zielkonflikte zwischen offenen Märkten und sicherheitspolitischer Eigenständigkeit.
Orientierung in einer Welt im Wandel
Der Auftaktabend von „Weltpolitik ungefiltert“ zeigt, wie tiefgreifend die Veränderungen der internationalen Ordnung sind und wie unmittelbar sie gesellschaftliche Debatten auch in Sachsen prägen. Gerade diese Verbindung wollen wir für die am 6. Mai 2026 fortzuführende Reihe beibehalten. Weltpolitik ist nicht mehr fern - sie ist Teil unseres Alltags.
Die Reihe „Weltpolitik ungefiltert“ ist eine Kooperation der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), der Technischen Universität Chemnitz und dem U Brambory: Czech Craft Beer Bar & Creative Space in Chemnitz.
