reTHINK Medienbildung – Zwischen Bildung, Macht und Markt

Am 29. September 2026 fand an der Hochschule Mittweida der Fachtag der Koordinierungsstelle Medienbildung Sachsen (KSM) statt. Unter dem Titel „reTHINK Medienbildung – Zwischen Bildung, Macht und Markt“ lud die KSM gemeinsam mit dem Netzwerk Medienpädagogik Sachsen e. V., der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, der Sächsischen Landesmedienanstalt und dem LFD – Fachstelle für Medien und Bildung e. V. dazu ein, die Wechselwirkungen zwischen Bildung, Macht und Markt kritisch zu beleuchten.

 

Im Mittelpunkt standen Fragen, die angesichts des wachsenden Einflusses großer Tech-Unternehmen immer dringlicher werden: Wie prägen sie unsere digitale Lebenswelt und Bildungslandschaft? Welche Möglichkeiten haben Nutzerinnen und Nutzer, sich selbstbestimmt im Netz zu bewegen? Und wie können Medienbildung und politische Bildung Medienkompetenz und kritisches Denken nachhaltig stärken? Der Fachtag brachte Fachkräfte aus beiden Bildungsbereichen sowie weitere Interessierte zusammen, um unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen.

Dass die Herausforderungen der digitalen Welt nicht an den Grenzen einzelner Bildungsbereiche haltmachen, wurde bereits zu Beginn deutlich. In ihrer Einführung betonte Sabine Kirst von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, wie wichtig es ist, Medienbildung und politische Bildung zusammenzudenken. Auch die einführende Podiumsdiskussion unter der Leitung von Jördis Dörner machte deutlich, dass sich die Machtverhältnisse zwischen den Nutzenden und den Betreibern digitaler Plattformen nur aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven angemessen betrachten lassen.

Ein zentraler Punkt der Diskussion: Wenn sich negative Entwicklungen im Netz verstärken – etwa Polarisierung oder problematische Nutzungsmuster –, wird die Verantwortung dafür häufig den einzelnen Nutzenden zugeschrieben. Dabei verfügen diese gegenüber den Plattformbetreibern nur über begrenzte Einflussmöglichkeiten. Besonders bei jungen Menschen werden mögliche Folgen einer intensiven Nutzung sozialer Medien sichtbar. Der ehemalige Medienscout Said Zouaidia brachte dafür den Begriff „Brain Rot“ ins Gespräch, der in der Jugendsprache die empfundene geistige Überforderung oder Abstumpfung beschreibt.

Die Diskussionsteilnehmenden waren sich einig, dass bestehende Regeln zur Begrenzung der Plattformmacht konsequenter durchgesetzt werden müssen. Dabei steht insbesondere die Politik in der Verantwortung, die Anwendung europäischer Regelungen wie des Digital Services Act (DSA) sicherzustellen. Medienbildung allein kann strukturelle Probleme nicht lösen. Sie kann Menschen jedoch dazu befähigen, digitale Angebote kritisch zu hinterfragen, eigene Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und sich aktiv einzubringen.

Kristina Richter vom Medienkulturzentrum Dresden hob hervor, dass Medienbildung Menschen stärken müsse, selbst aktiv zu werden und bestehende Machtstrukturen zu hinterfragen. Dafür benötigen auch die Fachkräfte fundiertes Wissen über die digitale Welt und ihre rechtlichen Grundlagen. Der Jurist und Datenschützer Dr. Philipp Siedenburg verwies in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung der europäischen Digitalregulierung.

Zur Sprache kam außerdem die Frage, was ein kritisch-konstruktiver Umgang mit digitalen Plattformen für die politische Medienbildung bedeutet. Wer die Funktionsmechanismen der digitalen Welt vermitteln will, sollte bestehende Machtverhältnisse nicht aus einer vermeintlich neutralen oder unkritischen Position heraus behandeln. Politische Medienbildung muss Machtstrukturen sichtbar machen und ihre Auswirkungen zur Diskussion stellen. Michael Wörner-Schappert von jugendschutz.net brachte dazu pointiert die Idee ins Spiel, Tech-Konzerne an der Finanzierung von Medienbildung zu beteiligen – gewissermaßen als eine Art „Ablasshandel“ für die von ihnen mitverursachten Schäden.

Mit Blick auf die Zukunft plädierten die Diskussionsteilnehmenden dafür, nicht allein auf Abwehr und Begrenzung zu setzen. Es gelte vielmehr, die eigenen Fähigkeiten und Gestaltungsmöglichkeiten stärker in den Blick zu nehmen. Medienbildung sei eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe, die Mut und Zutrauen erfordere. Die Verbindung von politischer Bildung und Medienbildung eröffnet dabei neue Perspektiven: Sie hilft, digitale Phänomene nicht nur als individuelle Herausforderungen, sondern auch als Ausdruck gesellschaftlicher Machtungleichgewichte zu verstehen.

Auch zwischen den Programmpunkten lud der Fachtag zum Nachdenken und zum Austausch ein. Ein umfunktionierter Kaugummiautomat wurde als „reTHINK-o-mat“ zum Impulsgeber für neue Ideen zur politischen Medienbildung. Die Gedanken der Teilnehmenden fanden anschließend in einem pavillonartigen Ideenraum Platz – und sorgten mitunter auch für ein Schmunzeln.

Am Nachmittag konnten die Teilnehmenden aus zehn Workshops wählen. Das Angebot reichte von einer Auseinandersetzung mit den Mechanismen des digitalen Kapitalismus über die Vorstellung einer wissenschaftlichen Studie zur Rezeption antifeministischer Inhalte auf TikTok bis hin zu Praxisprojekten rund um aktuelle Entwicklungen im Bereich Künstliche Intelligenz. So verband der Fachtag theoretische Reflexion mit konkreten Ansätzen aus der Bildungsarbeit.

Der von der KSM organisierte Fachtag hat sich längst zu einem festen Treffpunkt für Akteurinnen und Akteure der Medienbildung und politischen Bildung in Sachsen entwickelt. Auch in diesem Jahr bot er Raum für fachlichen Austausch, neue Kontakte und innovative Methoden. Die zentrale Erkenntnis: Eine kritische politische Medienbildung muss die Zusammenhänge von Bildung, Macht und Markt sichtbar machen – und Menschen dazu befähigen, die digitale Gesellschaft nicht nur zu verstehen, sondern sie auch aktiv mitzugestalten.

Weiterführende Informationen und Materialien zum Fachtag, Zusammenfassungen der Workshops, Interviews mit den Workshopgebenden sowie die Podiumsdiskussion zum Nachhören finden Sie auf der TaskCards-Pinnwand.