Mehr Amöbe als Datenkrake

Wochenlang geisterte der Begriff "Corona-App" durch die deutsche Medienlandschaft. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger erhofften sich mit der schnellen Veröffentlichung einer Warn-App für die Nachverfolgung von Infektionsketten Lockerungen der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen.

Seit dem 16. Juni 2020 steht die App nun zum Download auf dem Smartphone bereit. "Die gemachten Versprechungen waren unrealistisch. So eine App programmiert man nicht über das Wochenende", erklärt Henning Tillmann. Der Diplom-Informatiker und Vorstandsmitglied im D64, Zentrum für Digitalen Fortschritt, diskutierte am 11. Juni gemeinsam mit Nikolai Horn, Philosoph und Koordinator des Projekts "Data Governance", über technische und ethische Grundsatzfragen im Zusammenhang mit der Corona-App. Im Rahmen der Debattenreihe "Aus der Krise lernen? Offene Gesellschaft in der (Post-)Corona-Phase" drehte sich an zwei Abenden alles um Chancen und Risiken der App. An Stelle von Tillmann diskutierte am 12. Juni der Informatiker Stefan Köppsel, Professor für Datenschutz und Datensicherheit an der Technischen Universität Dresden.

Während der Veranstaltung mit dem Titel "Schöne neue Datenwelt?" zeigten sich die drei Experten sichtlich bemüht, aufzuklären und kritischen Fragen unaufgeregt auf den Grund zu gehen – denn das Thema Datenschutz polarisiert. Der Einfluss einer zunehmend digitalisierten Welt auf unsere Sicherheitswahrnehmung sei eine Grundsatzfrage, die mehr und mehr an Relevanz gewinnt, betonte Horn. Mit der Bezeichnung "Datenkrake" für die App kann er trotzdem nur wenig anfangen: "Schauen Sie in Ihren App-Store. Da haben Sie ganz andere Apps. Im Vergleich dazu ist die Corona-App mehr ein Einzeller, eine Amöbe."

Skepsis mit unterschiedlichen Maßstäben

Bürgerinnen und Bürger brachten sich besonders mit technischen Fragen in die Diskussion ein. Tillmann und Köppsel verwiesen darauf, dass die Datenübertragung der Corona-App – im Gegensatz zur Nutzung von Facebook oder Google – auf Bluetooth-Technik basiert. Die Speicherung von GPS-Koordinaten ist für die automatische Erkennung einer infizierten Person in unmittelbarer Nähe nicht notwendig. Aufgrund einer kryptografischen und sich dauerhaft erneuernden Verschlüsselung der Daten sei die Speicherung oder der Raub von personenbezogenen Informationen nahezu ausgeschlossen, versicherten die Informatiker.

Dass die Skepsis gegenüber der Corona-App dennoch größer ist als beim täglichen Surfen im Netz, liegt am Auftraggeber. Da die Entwicklung von der Bundesregierung initiiert wurde, herrscht hohes Misstrauen. Das sei richtig und paradox zugleich, sagte Philosoph Horn. Er bedauere, dass die Debatte um Datenschutz oft erst anfange, wenn es um staatliche Vorhaben geht. Im Fall der Corona-App habe diese zumindest einen vorbildhaften Prozess bei der App-Entwicklung angestoßen, lobten die Experten. Die Programmierung der App erfolgte quelloffen, für jeden einsehbar und in enger Kooperation mit der Datenschutzaufsicht. "Das könnte eine Blaupause für die künftige Entwicklung von staatlichen Apps sein", hofft Horn.

Freiwillige Nutzung an erster Stelle

Köpsell hingegen sprach an manchen Stellen von Verbesserungsbedarf: Die dezentrale Datenspeicherung der App schließe nicht aus, dass Rückführungen auf bestimmte Orte gemacht werden können, wo sich mehrere infizierte Menschen aufgehalten haben. Das berge eine Gefahr der Stigmatisierung von beispielsweise Wohnvierteln. Zudem verfügten viele Gesundheitsämter nicht über eine digitale Infrastruktur, um die Daten schnell genug auswerten zu können. Im Chat äußerten Teilnehmende außerdem Bedenken, wie mit Menschen verfahren werden soll, die kein Smartphone besitzen und weshalb bei der App-Entwicklung kein gesamteuropäischer Ansatz verfolgt wurde.

In einem Punkt waren sich Experten und debattierende Gäste an beiden Abenden einig: Inwiefern ich in meinem digitalen Handeln mit der Nutzung der App Verantwortung für andere übernehme, muss eine freiwillige Entscheidung bleiben. Die Antwort auf die Frage, ob die Corona-App tatsächlich einen signifikanten Anteil an einer erfolgreichen Bekämpfung der Pandemie haben wird, lautete wie so oft in diesen Wochen: Das wird sich erst mit der Zeit zeigen.

Bis zum 17. Juli veranstaltet die SLpB Online-Bürgerdebatten, in der die Menschen im Freistaat aufgerufen sind, mit Fachleuten über die Folgen der Coronakrise zu diskutieren. Weitere Informationen finden Sie unter www.slpb.de/veranstaltungen/aus-der-krise-lernens