„Ich bin ein großer Fan von Religionsfreiheit!“

Dr. Harald Lamprecht ist viel unterwegs in seiner Arbeit als Beauftragter für Weltanschauungs- und Sektenfragen der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens. Er komme gerade aus einer Veranstaltung, erzählt er am Telefon. Am nächsten Tag gehe es weiter nach Hamburg, wo er sich mit seinen Kollegen aus den anderen Bundesländern treffe. Gemeinsam verfassen sie ein Handbuch zu unterschiedlichen Weltanschauungen.

Der Theologe ist seit Anfang 2000 in seinem Amt. Im Gespräch erzählt er, dass er den Begriff Sekte für uneindeutig und veraltet hält. Er bezeichne sich daher lieber als Weltanschauungsbeauftragter.

Im Rahmen des Fachtags Religionsfreiheit und Kindeswohl der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung am 27. Oktober spricht er über das Thema „öffentliches Handeln im Sektendilemma“. Fachleute und Betroffene diskutieren darüber hinaus, wie sich religiös begründeter Machtmissbrauch erkennen, Kinder und Jugendliche schützen und Betroffene unterstützen lassen. Weitere Informationen und Anmeldung über den Veranstaltungslink.

Herr Dr. Lamprecht, was ist Ihre Aufgabe als Weltanschauungsbeauftragter der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens?

Meine Aufgabe ist es, aus kirchlicher Sicht das Feld der Religionen im Blick zu behalten – vor allem mit einem Fokus auf konflikträchtige Gruppen.

Die wären?

Das ist ein breites Spektrum verschiedener Gruppen: Im Bereich des christlichen Fundamentalismus gibt es radikale Gemeinden, die problematisch sind – aber auch innerhalb von Guru-Bewegungen oder das große Thema der Verschwörungserzählungen.

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

Meine Arbeit lässt sich in drei Bereiche einteilen. Der Erste ist die Forschung. Ich versuche dran zu bleiben und schaue, was sich auf dem Markt der Weltanschauungen tut. Wo radikalisiert sich eine Gruppe? Wo gibt es Gruppen, die sich wieder gemäßigt haben? Das kommt auch vor.

Und der Zweite ist die Vermittlung. Das was ich herausfinde, gebe ich weiter. Dafür bin ich oft unterwegs und halte Vorträge. Außerdem – und das ist der dritte Bereich – berate ich in persönlichen Konfliktfragen und gebe Auskunft zu verschiedenen Gruppen an Kirchenstellen.

Auf dem Fachtag geht es um Religionsfreiheit. Wie verträgt sich Ihre Arbeit mit Religionsfreiheit?

Ich bin ein großer Fan von Religionsfreiheit! Es ist ein Menschenrecht, dass man gemäß der Überzeugungen, die man in sich trägt, leben kann. Dazu gehört natürlich auch die Freiheit, keine Religion zu haben. Dabei gibt es von Natur aus Spannungsfelder: zum Beispiel in der Frage, wie viel einer mir fremden Religionsausübung muss ich ertragen?

Wir haben in der Gesellschaft eine Tendenz, das Religiöse ins Private zu verbannen. Zu sagen: „Glaub doch was du willst, aber mach das in deinem Zimmer und bitte nicht öffentlich.“ Das verkennt aber den Charakter von Religionsfreiheit. Dazu gehört auch, sich gemeinsam mit anderen, auch öffentlich, zu seinen Überzeugungen zu bekennen und sie zu praktizieren.

Religionsfreiheit hat den Charakter eines Super-Grundrechts, weil so viele andere bürgerliche Freiheiten Voraussetzungen dafür sind, dass sich die Religionsfreiheit halten kann, zum Beispiel die Rede- und Versammlungsfreiheit.

Und wo sind die Grenzen der Religionsfreiheit?

Es gibt Formen von Religion, bei denen man fragen muss, inwiefern die für eine gesunde menschliche Entwicklung förderlich sind.

Zum Beispiel?

Bleiben wir in meinem eigenen Stall, dem Christentum. Da gibt es Ausprägungen von Fundamentalismus, die ein sehr engstirniges Gottesbild haben und Kinder unter Druck setzen. Ganz krass ist das zum Beispiel, wenn Prügelstrafe zur religiösen Lehre erhoben wird. Das kollidiert ganz klar mit unserer Rechtsordnung.

Ich habe mich zuletzt intensiver mit Ivo Sasek und der Organischen Christus-Generation beschäftigt. Die haben auch Anhänger in Sachsen. Zu deren Lehre gehört, dass man seine Kinder schlägt. Das ist keine Freiwilligkeit. Dort heißt es, der kindliche Wille müsse gebrochen werden. Ansonsten würde das Kind über die Stränge schlagen. Das ist total gruselig.

Sind Weltanschauungs- oder religiöse Gemeinschaften besonders anfällig für Kindeswohlgefährdung?

Nein, das würde ich in keiner Weise sagen. Ein religiöses Bekenntnis führt nicht per se dazu, dass Menschen ihre Erziehungseignung verlieren. Es ist so wie bei allen gesellschaftlichen Gruppen: Die breite Masse ist in Ordnung. Es gibt aber die Extreme und die müssen wir uns angucken und versuchen, in den Griff zu kriegen.

Wie sieht das Spannungsfeld zwischen Kindeswohl und Religionsfreiheit in der Praxis aus?

Ich habe erst kürzlich mit Kollegen diskutiert, ob wir es befürworten, wenn eine Gemeinschaft aus dem pfingstlich-charismatischen Bereich Träger der freien Jugendhilfe werden möchte. Da muss man genau hinschauen. Hilfsangebote sollten allen zur Verfügung stehen, unabhängig von religiösen Vorgaben. Wer die Hilfe braucht, der soll sie kriegen. Das darf nicht missionarisch verzweckt werden.

Was kann man tun um Kinder und Jugendliche vor sexuellem Missbrauch oder Machtmissbrauch zu schützen?

Grundsätzlich ist es sehr gut und wichtig, dass in der Gesellschaft die Aufmerksamkeit auf das Problem des sexuellen Missbrauchs stark gewachsen ist.

Es gibt vielfach ein starkes Bemühen an den strukturellen Ursachen zu feilen. Intransparente Strukturen mit Machgefälle sind immer gefährlich für sowas. Deshalb ist es wichtig, darauf zu achten, wo diese Strukturen sind, wie man sie vermeidet und eine Atmosphäre schafft, in der sich Menschen frei und ohne Angst bewegen können. Dafür braucht es auch eine Sensibilität für solche Vorfälle, sodass diese schnell aufgedeckt werden.

Wo sehen Sie Lücken im Kinder- und Jugendschutz?

Das herauszufinden, ist unter anderem Ziel des Fachtags. Wir wollen eruieren, wie Sachsen aufgestellt ist und wo es Lücken in der Betreuung gibt. Es kommen auch ein paar Menschen aus anderen Bundesländern, die uns berichten, wie es anderswo läuft. Das ist auch interessant. Der Tag ist ein Anfang und ich bin gespannt auf die Kontakte, die dort entstehen, und was in langer Sicht daraus wird.

Wo finde ich Hilfe?

Wer innerhalb einer religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaft Machtmissbrauch, psychischen Druck oder Gewalt erlebt oder sich um das Wohl eines Kindes sorgt, kann sich an verschiedene Beratungsstellen wenden.

Beratung zu religiösen und weltanschaulichen Konflikten: Die Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens informiert und berät auch bei persönlichen und familiären Konflikten im Zusammenhang mit religiösen oder weltanschaulichen Gruppen.

Bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch: Das bundesweite Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch berät Betroffene, Angehörige und Menschen, die sich um ein Kind sorgen, kostenlos und anonym unter 0800 22 55 530. Weitere Informationen und regionale Beratungsstellen: www.hilfe-portal-missbrauch.de.

Für Kinder und Jugendliche: Die „Nummer gegen Kummer“ bietet unter 116 111 kostenlose und anonyme Beratung bei Sorgen, Konflikten und Gewalterfahrungen. Weitere Informationen: www.nummergegenkummer.de.

Bei Verdacht auf Radikalisierung: Die Koordinierungs- und Beratungsstelle Radikalisierungsprävention (KORA) unterstützt Menschen in Sachsen, die sich um eine mögliche extremistische Radikalisierung sorgen. Sie bietet Erstberatung und vermittelt bei Bedarf weiterführende Hilfe, etwa für Angehörige oder beim Ausstieg aus extremistischen Strukturen.