Gelebte demokratische Debattenkultur
Der Vortrag solle „Hintergründe und Motive“ der Anastasia-Bewegung vorstellen, hatte die Landeszentrale für den 19. März angekündigt. Anschließend könnten im Themen-Café „Eindrücke geteilt und Fragen gestellt werden“. Weder Friedemann Brause von der Landeszentrale noch die Gastgeber im Palitzschhof, dem Bürgerhaus im Dresdner Plattenbaustadtteil Prohlis, hatten wohl geahnt, dass sich der Informationsabend zu einer demokratischen Bildungsstunde im Umgang mit kontroversen Auffassungen entwickeln würde. Eine Bemerkung zu einem antisemitischen Zitat der Anastasia-Bewegung noch im ersten Teil konnte als Auslöser gelten. Nach der Pause entwickelte sich daraus eine sehr konträre, aber faire Auseinandersetzung um Etiketten, Rechts-Links-Einstufungen und die Freiheit auch zur Äußerung extremer Auffassungen. Begünstigt wurde diese nie verletzend geführte Debatte durch den relativ kleinen Saal und die ebenso überschaubare Zahl von nur 15 Interessenten.

Einige von ihnen hatte offenbar ein ehrliches Informationsbedürfnis über die nur wenig bekannte Strömung unkonventioneller Siedler in den Palitzschhof gelockt. Friedemann Brause bezeichnete sie in seiner Begrüßung als „kleine, aber wachsende Bewegung“. An der Rückkehr zu Wurzeln und dem Einklang mit der Natur orientiert, passe sie gut in die Zeit. Aber ihre Verortung im Dreieck zwischen Ökologie, Esoterik und rechten Bewegungen errege auch den Verdacht des Verfassungsschutzes.
Ausgangspunkt in völkisch-russischen Fantasy-Büchern
Diese ersten Informationen zu vertiefen oblag der promovierten Soziologin Manuela Beyer vom Dresdner Hannah-Arendt-Institut. Anastasia ist die Leitfigur einer Romanreihe des russischen Autors Wladimir Megre. Ihr Name ist vom griechischen anastasis abgeleitet, sie ist also die Auferstandene. Die Übersetzung des russischen Titels der Buchreihe lautet „Die klingenden Zedern Russlands“. Tatsächlich lebt Anastasia abgeschottet die alte Kultur der „Wedrussen“. Der Ich-Erzähler der fiktiven Berichte begegnet der schönen, blonden, jungen, leichtbekleideten Frau in der kalten Taiga, wo sie auf einer Waldlichtung lebt. Sie erscheint allwissend, besitzt übernatürliche Fähigkeiten, die ihr mehr als nur zu überleben helfen. Sie kann mit Tieren sprechen und findet auf wundersame Weise immer etwas zu essen. Megres Bücher erschienen zwischen 1996 und 2010 auf Russisch, deutsche Übersetzungen folgten ab 1999. Illustrationen zeigen die märchenhafte Idylle einer heilen Welt.
Harmlos oder politisch brisant? Diese Frage hatte Manuela Beyer ihrem Vortrag vorangestellt. Nachgeahmt wurden die fiktive Leitfigur und ihre Lebensführung zuerst in Russland. Verbunden mit der Hoffnung, auch deren überirdische Fähigkeiten zu erlangen. Denn die Anastasia-Geschichten kann man nicht einfach in der Rubrik Fantasy ablegen. Viel Spirituelles hat Autor Megre eingestreut, Lebensweisheiten bis hin zu Parawissenschaft etwa in der Landwirtschaft.

Familienlandsitze als „Raum der Liebe“
Als Kernzelle einer ökologisch-spirituellen Lebensart gelten so genannte Familienlandsitze. Eine heterosexuelle Kernfamilie bewirtschaftet in einem solchen Idyll jeweils einen Hektar Land. Das verspreche „die Lösung für alle Probleme der Welt“, meinte mit leicht ironischem Unterton die Referentin. Familien, Einzelne und Vereine fänden in solchen Sitzen ökologische Permakultur, alternative Gesundheitsideen, Volkslieder, Volkstänze, vegane Ernährung, freie Pädagogik, altes Handwerk und alte Gebäude. Mehrere hundert solcher Landsitze soll es in Russland bereits geben. Für Deutschland nannte Manuela Beyer eine Zahl von 17.
| Unabhängig von den Ausführungen der Referentin lassen sich die Bestrebungen der Bewegung konkret in der Region verorten. In Ober-Neundorf am Stadtrand von Görlitz wird seit zehn Jahren ein Schloss saniert. Über die dortigen Strukturen informierte bereits im Dezember 2025 das soziokulturelle Zentrum Rabryka im Rahmen einer dokumentarischen Theaterreise. Die ideologische Ausrichtung vor Ort wird durch eine Plakatinschrift am Grundstück deutlich, die den Schutz des „natürlichen Lebens dieses Kulturkreises“ durch „Eingeborene“ einfordert. |
Diese Naturverbundenheit erscheine auf den ersten Blick attraktiv, räumt die Referentin ein. Verbunden mit einem gesteigerten Selbstwertgefühl. Ich kann Einfluss nehmen, ich kann die Welt retten! Die unpolitische Selbstdarstellung jenseits der Raster von Links oder Rechts schildere ein romantisches Landleben. „Stell dir das Leben in einer Dorfgemeinschaft mal etwas anders vor …“, zitierte sie. Auch eine „bunte Mischung an Inhalten“ sei sehr anschlussfähig, darunter verschiedene Rollenbilder für Männer und Frauen. Gezeichnet werde „das archaische Bild einer guten alten Welt, deren angebliche Harmonie Sehnsüchte anspricht“. Noch kürzer: Der Landsitz als Raum der Liebe.
Blut und Boden und ein manifester Antisemitismus
Wo also liegt das Problem? Manuela Beyer zog wissenschaftliche und journalistische Recherchen heran und hatte Kontakt mit Szenekennern. Die Verknüpfung mit Ökologie und Gärtnern begünstige die Verbreitung von Blut- und Boden-Ideologien. „Nur wir können exklusiv auf diesem Boden gedeihen, alles andere ist ´verschmutzt`“. Bei Anastasia gebe es nicht nur gedankliche Überschneidungen mit rechtsextremer und völkischer Gesinnung, sondern auch praktische Szenekontakte wie etwa mit Reichsbürgern.
Rassismus, Demokratiefeindlichkeit und besonders Antisemitismus finden sich bereits in den Megre-Büchern. Die Forscherin zitierte aus einem Kapitel, das bis ins Jahr der Kiewer Rus 1113 zurückgreift. Demnach seien die Juden seit ihrem Auszug aus ägyptischer Sklaverei in vielen Ländern verhasst. Das jüdische Volk selbst habe Schuld gegenüber den Menschen, würde überall Menschen betrügen und auf deren Kosten reich werden, zettelte überall Verschwörungen gegen die Macht an. Für ihren Massenmord im Holocaust seien Juden selbst verantwortlich.

Dr. Manuela Beyer fällte dennoch kein vernichtendes Urteil über Anastasia. In ihrer Heterogenität sei die Bewegung von extrem bis gemäßigt einzuschätzen. Eindeutig könne man mangelnde Abgrenzung von rechtsreaktionären Ideen und eine Abwehr von kritischer Auseinandersetzung mit politischen Inhalten beobachten. Sie würde selber gar nicht von einer Bewegung sprechen, eher von einer Grauzone, zumal die kleinen Gemeinschaften zu einer Abschottung vor der bösen Welt neigten.
Was ist so schlimm daran, rechts zu sein?
Nach der Pause verlagerte sich der Schwerpunkt der Veranstaltung weg von der rein inhaltlichen Einordnung der Anastasia-Bewegung hin zu einer grundlegenden Debatte über demokratische Diskurskultur. Während Vertreter des Kulturbüros Sachsen sowie weitere Anwesende ergänzende Fakten zu lokalen Verknüpfungen der Bewegung und deren ideologischen Schnittmengen zur Anthroposophie beisteuerten, öffneten Sören Rogoll und Henriette Stapf den Raum für die gemeinsame Diskussion.
Der Diskussionsverlauf nahm eine entscheidende Wendung durch die Feststellung eines Teilnehmers, dass die Verbreitung rechten Denkens legitim sei und nicht pauschal mit Rechtsextremismus gleichgesetzt werden dürfe. In der Folge entwickelte sich eine Debatte über die empfundene Einengung des Meinungsspektrums durch Medien und Staat. Der betreffende Teilnehmer vertrat die Ansicht, dass weite Teile der Bevölkerung eine einseitige gesellschaftliche Ausrichtung wahrnähmen. Zudem wurde die Behauptung aufgestellt, das Bundesverfassungsgericht schütze auch scharfe Formen der Meinungsäußerung umfassend – eine Position, die auch vor dem Hintergrund antisemitischer Textpassagen der Anastasia-Literatur im Raum stehen blieb.

Gelebte demokratische Debattenkultur
Ein Teilnehmer nahm hierbei eine vermittelnde Rolle ein und schlug eine Kompromissformel vor: Beiträge, die keinen Straftatbestand erfüllen, seien zunächst als Teil der gesellschaftlichen Vielfalt zu akzeptieren. Er mahnte zur Sachlichkeit und riet dazu, nicht in einen „Alarmismus“ zu verfallen, selbst wenn Inhalte inhaltlich als abstoßend empfunden würden.
Dieser Ansatz prägte den weiteren Verlauf im Palitzschhof. Statt ei-ner rein konfrontativen Auseinandersetzung über Etikettierungen wurde der Abend zu einer praktischen Übung in demokratischer Debattenkultur. Trotz der teils scharfen inhaltlichen Gegensätze blieb der Austausch diszipliniert. Letztlich diente die Veranstaltung nicht nur der Aufklärung über die Anastasia-Bewegung, sondern thematisierte die schwierige Herausforderung, den Diskurs auch dort auszuhalten, wo Positionen unversöhnlich gegenüberstehen und ein gegenseitiges Überzeugen kaum noch möglich scheint.
