Geld, Strukturen und Anerkennungskultur

Beim Coronafolgen-Webinar zu Pflege und Gesundheit dominierten ethische und mitmenschliche Fragen.

An die schrecklichen Bilder aus dem italienischen Bergamo erinnerten sowohl die Ankündigungstexte als auch die Moderatoren des Webtalks. Überforderte Ärzte mussten in Italien entscheiden, wem sie zuerst helfen und wen sie seinem Schicksal überlassen. Sind wir nicht mit deutscher Vorsicht und Gründlichkeit vergleichsweise glimpflich durch das erste Vierteljahr der Pandemie gekommen? Dennoch hat auch der medizinische und pflegerische Einsatz in Deutschland seine mit Balkonkonzerten und schönen Worten gelobten Helden. Aber offenbarte nicht gerade ihre Arbeit am Limit auch die strukturellen Schwächen unseres Gesundheitssystems?

„Viel Beifall und dann nichts?“ waren deshalb die beiden Bürgerdebatten am 22. und 25. Juni überschrieben. In der ersten Runde saß mit Eik Bodendieck nicht nur der Präsident der sächsischen Landesärztekammer vor der Kamera, sondern auch ein praktizierender Allgemeinmediziner aus Wurzen. Er berichtete zunächst, wie er die Praxis „ins Blaue hinein“ umorganisiert habe, wie sich engere Bestellzeiten und längere Öffnungszeiten ergaben, wie er teils auf Hausbesuche auswich. Die Entsprechung auf Seiten der Kassen schilderte Christine Enenkel als Leiterin der Landesvertretung DAK Gesundheit. „Gut gelungen“ sei die Umstellung auf telefonische oder Online-Beratung und Information. Ein „Solidarpakt mit den MitarbeiterInnen“ habe trotz Home Office zu hundertprozentiger Erreichbarkeit geführt.

Vorzüge dezentraler Selbstverwaltung

Im Umgang mit dem Virus hatte Deutschland etwas mehr Zeit als Italien, vor allem aber zeigten sich die Vorzüge dezentraler Selbstverwaltung, lobten beide Talk-Partner übereinstimmend. Gute technische Ausstattung und ein „Krankenhausnetz, auf das man sich verlassen kann“, kämen hinzu. Christine Enenkel bremste ein wenig, als sie auf die Überraschung durch die Pandemie etwa bei fehlender Schutzkleidung hinwies. Und Erik Bodendieck brachte einen interessanten Aspekt ins Spiel, als er auf die „positiven Kehrseiten unserer gesellschaftlichen Vereinzelung“ im Gegensatz zur kontaktfreudigen südeuropäischen Geselligkeit hinwies. „Wir können uns das kein zweites Mal leisten“, verteidigte auch die DAK-Landeschefin die Abschottungsmaßnahmen beispielsweise in Pflegeheimen. Nach zuvor eingegangenen Publikumsfragen verneinten beide nennenswerte Missbrauchsfälle durch telefonische Krankmeldungen. Mit neuen Mischformen von präsenter und digitaler Fernbehandlung können sich inzwischen offenbar mehr Bürger anfreunden.

Im zweiten Teil der ersten Runde dominierte bereits die Pflege als das beherrschende Thema des zweiten Abends. Aber über eine Beschreibung der durch die Corona-Belastungen offenkundiger gewordenen kritikwürdigen Zustände hinaus waren nur wenige Lösungsansätze zu hören. Mit durchschnittlich 3.500 Euro brutto ist die Bezahlung einer Pflegefachkraft zwar besser als in Falschnachrichten behauptet, aber nicht zufriedenstellend. Durch die Brüche nach 1990 habe außerdem der Ruf des Berufs gelitten. Kommentare am zweiten Abend wiesen auf das auch in der Pflege zu beobachtende Stadt-Land-Gefälle hin. Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der Barmer Ersatzkasse, konstatierte Kehrseiten deutschen Gerechtigkeitssinns, wenn er auf das Dickicht an Vorschriften und Dokumentationspflichten verwies. Michael Richter, als Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes eher ein Praktiker, erinnerte hingegen an gerade in der Krise genutzte Spielräume und an solidarisches Verhalten.

Hedonismus oder Gemeinsinn

Kontroverse Antworten gab es auf die Frage, ob mehr steuerfinanzierte Zuschüsse das Pflegesystem stabilisieren würden oder ob nicht eher strukturelle, integrierende Veränderungen in einem stark sektorierten Gesundheitssystem wirksamere Lösungen versprechen. Die von Zuschauern gewünschte Deckelung der Zuzahlungsbeiträge fand hingegen Befürworter. Die Kernfrage nach ökonomistischer Gewinnorientierung auch im Gesundheitssystem, nach „Hedonismus oder Gemeinsinn“ (Ferdinand Magerl) blieb hingegen offen. Umso eindeutiger fiel das Fazit Michael Richters aus. Der „Egoismus der Jungen“ in der Krise, das Ausspielen junger Leistungsträger gegen ältere Gesundheitsrisikoträger sei „zum Kotzen“ und grenze an Menschenverachtung.

Bis zum 17. Juli veranstaltet die SLpB Online-Bürgerdebatten, in der die Menschen im Freistaat aufgerufen sind, mit Fachleuten über die Folgen der Coronakrise zu diskutieren. Weitere Informationen finden Sie unter www.slpb.de/veranstaltungen/aus-der-krise-lernen