Ein Wunsch: Sicher sein mit Kippa oder Kopftuch

Im öffentlichen Leben findet der persönliche Glauben meist nur selten statt. Vertreter aus jüdischen und muslimischen Gemeinden in Sachsen berichten bei einem Gesprächsabend in Dresden von ihren Erfahrungen. Sie erzählen von gelungenen Kontakten, auch zwischen verschiedenen Religionen. Aber auch von Anfeindungen und Ängsten.

 

Ihren Glauben, den jüdischen und den muslimischen, praktizieren beide Männer. Sie haben in Sachsen Räume und Gemeinschaften dafür, können ihre Religionen leben und praktizieren. Aber es bleiben Einschränkungen. Auf dem Weg zum heutigen Gesprächsabend habe er seine Kippa nicht auf dem Kopf getragen, sagt Rabbiner Michael Jedwabny, das mache er so gut wie nie im öffentlichen Raum. Eine Vorsichtsmaßnahme, zu oft habe er schlechte Erfahrungen gemacht. „Wenn ich es getan habe, gab es Ausrufe, Blicke“, sagt er. Erst im Veranstaltungsraum der Dresdner Dreikönigskirche habe er die Kippa wieder aufgesetzt, hier fühle er sich sicher damit. Neben ihm sitzt Tayyar Kocak und nickt, auch er kennt so etwas. In seiner Gemeinde gebe es Frauen, die Kopftuch tragen und Ähnliches erleben. „Sie berichten von Blicken und Anfeindungen“, erzählt Kocak. Es habe auch Fälle von körperlichen Übergriffen gegeben. „Deshalb schwingt ein latentes Unwohlgefühl immer mit.“

Michael Jedwabny, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Chemnitz, und Tayyar Kocak, Vorsitzender des Vereins Forum Dialog e. V. Mitteldeutschland und engagiert in einer muslimischen Gemeinde in Leipzig, sind am 29. April nach Dresden gekommen, um von ihren Erfahrungen zu erzählen. „Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit“ ist das Thema, im Vordergrund sollen jüdische und muslimische Perspektiven stehen. Das Forum ist auch als Safe Space gedacht, um sich in einer geschützten Atmosphäre auszutauschen. Der Abend ist eine Kooperation der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung, des Vereins Forum Dialog e. V. Mitteldeutschland und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden e. V. Und ein Beitrag zu „Tacheles“, dem Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen 2026. Zusammen mit Sebastian Meyer-Stork moderiert Verena Böll, Referentin für interkulturelle und interreligiöse Bildung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Sie hat die Ausstellung „Sichtbare Vielfalt. Religionen in Sachsen“ kuratiert, die Menschen verschiedener Religionsgemeinschaften vorstellt – aktuell ist sie in der Dreikönigskirche zu sehen.

Vordergründig spielen Religionen in Sachsen nur eine kleine Rolle. Weniger als 20 Prozent der Menschen gehören der katholischen oder evangelischen Kirche an. Natürlich gibt es auch andere Religionsgemeinschaften, kleine, nach außen sind sie oft wenig sichtbar, denn Glauben wird meist im Privaten praktiziert. Diese Erfahrung kennen Michael Jedwabny und Tayyar Kocak, zumindest teilweise, denn beide sind zugleich in der Öffentlichkeit engagiert, als sichtbare Vertreter ihrer Religionen. Tayyar Kocak stammt aus einer Einwandererfamilie, ist im Ruhrgebiet aufgewachsen und lebt inzwischen in Leipzig, ist dort in einer muslimischen Gemeinde sunnitischer Prägung aktiv. Die zunächst eher zurückgezogen agiert habe. „Es sind viele Menschen dabei, die Fluchterfahrung haben. In der Türkei wurden sie unter dem Erdogan-Regime verfolgt“, erzählt er. Man habe nach diesen Erfahrungen zunächst „Beruhigungsarbeit“ in diesen Kreisen leisten müssen. Dann sei man vorsichtig nach außen getreten. Inzwischen gebe es viele Verbindungen, von interreligiösen Dialogen bis zu Nachbarschaftskontakten, etwa zur Kirche in ihrem Leipziger Kiez. „Das funktioniert gut“, sagt er. Gibt es Probleme, wenn er seine Sprache im öffentlichen Raum spricht? Das habe er bisher nicht erlebt, sagt Kocak.

Michael Jedwabny ist seit 2025 Rabbiner in der Chemnitzer Gemeinde. Er hat schon an vielen Orten auf der Welt gelebt, etwa in Russland und Israel. Mehrsprachigkeit ist eine Selbstverständlichkeit für ihn. In Sachsen habe er noch keine schlechten Erfahrungen gemacht, wenn er Hebräisch spreche, zumindest das sei kein Problem. Antisemitische Bedrohungen gegen jüdische Gemeinden seien dagegen fast Alltag. Er erlebe tolle jüdische Feste, positive Stimmung in Chemnitz, das sei die eine Seite, erzählt der Rabbiner. Doch Sicherheitsmaßnahmen gehören inzwischen dazu. Synagogen werden dauerhaft bewacht, nicht erst seit den islamistischen Terroranschlägen in Israel im Oktober 2023. Und antisemitischen Vorfällen, die auch in Deutschland zugenommen haben. Er sei oft in Kontakt mit der Polizei. „Erst kürzlich wurde mir mitgeteilt, dass es wieder Drohungen gegen die Gemeinde gab. Das macht mir Schmerzen“, sagt Jedwabny. „Ich möchte mich nicht umzäunen. Ich möchte kein Ghetto aus einer jüdischen Gemeinde machen, aber solche Vorfälle sind traurige Realität.“

Es geht auch um den Umgang von muslimischen und jüdischen Gläubigen miteinander. In Deutschland gibt es auch Anfeindungen zwischen diesen Gruppen. Wie erleben sie das? Er pflege freundschaftliche Kontakte zu jüdischen Gemeinden und ihren Vertretern, sagt Tayyar Kocak, es gebe Vertrauen. „Man darf nicht den Fehler machen, politische Entwicklungen im Ausland auf das Alltagsgeschehen hier zu übertragen. Das macht die Arbeit nicht einfacher.“
 

Auch er mache gute Erfahrungen mit interreligiösen Kontakten und Veranstaltungen, sagt Michael Jedwabny. „Wenn wir zu solchen Events eingeladen sind, gibt es keine Feindschaft.“ Dass jüdische Menschen auf der Straße immer in Sicherheit seien, daran habe er allerdings Zweifel. Antisemitismus sei auch in einigen muslimischen Gruppen präsent. Besonders Demonstrationen, auf denen Solidarität mit der Terrororganisation Hamas gezeigt werde, würden ihm und anderen jüdischen Menschen Angst machen. Tayyar Kocak kennt diese Lage, er habe diese Probleme in Sachsen bisher jedoch als nicht so präsent erlebt: „Ich weiß aus anderen Regionen in Deutschland, dass es da große Probleme gibt. Hier wurden wir davon bisher eher verschont.“ Michael Jedwabny wiederum kennt scharfe Debatten und Kritik an der Politik Israels. „Wir sehen Israel als Basis, als Nation und werden zwangsläufig als Repräsentanten wahrgenommen“, sagt er. „Das heißt aber nicht, dass wir die Politik Israels nicht kritisieren können.“ 

Ein Mann im Publikum will wissen, ob es Unterschiede zwischen Großstädten und ländlichen Regionen gibt. Wo sind Vorbehalte gegen religiöse Gemeinschaften stärker ausgeprägt? Weniger in Städten, glaubt Tayyar Kocak, weil dort mehr Migranten leben, man mehr Berührungspunkte mit anderen religiösen Gruppen habe. „Ich denke, es hängt viel damit zusammen, ob man andere Menschen im Alltag erfährt, im Sportverein, in der Schule. Wenn das nicht passiert, können Ressentiments entstehen.“
 

Welche Wünsche haben sie für die Sichtbarkeit ihrer religiösen Gemeinschaften, will Moderatorin Verena Böll zum Schluss wissen. Sein Wunsch sei, dass sich jeder Mensch, ob mit Kippa oder mit Kopftuch, sicher im öffentlichen Raum bewegen könne, sagt Michael Jedwabny, „das ist eine Frage seiner Seele, seiner Identität“. Dem schließt sich Tayyar Kocak an. „Ich würde mir wünschen, dass Menschen Mut und Neugier behalten, die Kombination aus beidem ist wichtig.“ Und er hoffe, dass Menschen nicht nur auf ihre Religiosität beschränkt würden. „Das ist ja nur ein Teil ihres Wesens“, sagt er. „Man sollte sich auch in erster Linie als Menschen begegnen.“