„Die Lage ist beschissen, aber das ist der Dünger für unsere Zukunft.“

Die Bedrohung durch Russland ist für die baltischen Länder nah, das prägt dort vieles. Christoph Eichhorn war früher Botschaft in Estland. Im Europa-Haus Leipzig erzählt er, wie die Länder auf Russland blicken, wie sie mit Bedrohungen umgehen – und was sie von Deutschland erwarten.

 

„Freiheit ist unbezahlbar“, so lautet der Titel des Vortragsabends von Christoph Eichhorn. Ein markiger Satz, sagt er, in dem eigentlich schon alles stecke, worum es in diesen Zeiten gehe. Man hätte auch einen anderen nehmen können, das Zitat eines estnischen Politikers, das Eichhorn auch gefällt. „The situation ist shitty, but this is the fertilizer of our future.“ Auf Deutsch: „Die Lage ist beschissen, aber das ist der Dünger für unsere Zukunft.“ Gesagt hat das einst der Staatsmann Lennart Meri, früher Präsident von Estland. Ein kluger, hellsichtiger Mann, der vieles schon früh erkannt habe, findet der frühere Diplomat.

Christoph Eichhorn war bis 2019 deutscher Botschafter in Estland, er hat das Land und seine baltischen Nachbarn Lettland und Litauen intensiv erlebt. Davon erzählt er am 26. Februar im Europa-Haus Leipzig. Es geht um die Perspektiven dieser Länder, vor allem mit Blick auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine in direkter Grenznähe. Es geht um Gefahren, Prognosen und Auswege für die Zukunft. Und darum, wie die baltischen Länder auf Russland und Deutschland schauen. Der zweistündige Vortragsabend ist eine Kooperation der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und des Vereins Europa-Haus Leipzig. Etwa 20 Menschen sitzen im Publikum, einige vertraut mit den Ländern, es wird gespannt zugehört.

Christoph Eichhorn bekommt noch immer Klischees über die baltischen Staaten mit. Dabei könnte man sich in Deutschland einiges abschauen, sagt er, zum Beispiel bei der Digitalisierung. Estland liegt dabei weit vorn in Europa, etwa 20 Jahre vor Deutschland in der Entwicklung, schätzt er. Man hat dort früh angefangen, sich auf die Zukunft einzustellen.  Die drei Staaten seien verschieden, mit eigenen Sprachen und Traditionen. Doch es gebe auch ein enges Miteinander und Band zwischen ihnen. Dazu gehört das Selbstverständnis: Man fühlt sich als starke Mitglieder von Europa. „Diese Länder sind topmodern und topeuropäisch“, sagt Eichhorn.

Seit 1991 sind die baltischen Länder frei und unabhängig. Wenn man sie als postsowjetische Länder begreife, werde man dort schief angeschaut, sagt Eichhorn. Das Selbstverständnis ist anders, man fühle sich viel stärker Skandinaviern zugehörig. Auch bei einem Besuch der damaligen CDU-Kanzlerin Angela Merkel, während seiner Botschafterzeit in Tallin, habe er das einfließen lassen. „Sie hat gefragt, was man wissen sollte. Ich habe erklärt, dass man hier von New Nordic Countries spricht. Damit identifiziert man sich am stärksten“, erzählt er. Merkel habe das auch bei Gesprächen so gesagt, die Esten am Tisch hätten es strahlend zur Kenntnis genommen.

Das Miteinander von Tallinn, Riga, Vilnius und Berlin ist eng. Mit dem Beitritt zur Europäischen Union und zur NATO 2004, mit der Einführung des Euro und dem freiem Schengenraum, aber auch bei der sicherheitspolitischen Partnerschaft in aktuellen Konfliktlagen steigen die Erwartungen an die deutsche Politik. Gerade angesichts des russischen Angriffskrieges in der Ukraine wird in den baltischen Staaten die Verteidigung von Freiheit, Demokratie und Sicherheit Europas betont. Dabei spielt Deutschland eine wichtige Rolle. Seit 2025 hängt eine Plakette am Rathaus von Vilnius, Eichhorn zeigt ein Foto davon. Ein Zitat des aktuellen CDU-Kanzlers Friedrich Merz ist darauf zu lesen: „Die Sicherheit Litauens ist unsere Sicherheit. Der Schutz von Vilnius ist der Schutz von Berlin.“ Gesagt hatte Merz das einige Monate vorher bei einem Besuch von Bundeswehrtruppen, die in Litauen stationiert sind. „Dieser Satz in einem baltischen Land hat eine große Wirkung, der geht in alle Ohren. Und damit es auch der Letzte versteht, gießt man es auch noch in eine Plakette und schraubt die ans Rathaus“, sagt Eichhorn. Denn: „Dieser Satz bedeutet Verantwortung.“

Die Krieg Russlands ist in den baltischen Ländern viel unmittelbarer bemerkbar. Er habe oft mitbekommen, wie russische Maschinen über die Ostsee, zwischen Russland und dem Kaliningrader Gebiet hin und her fliegen. Man spüre die nahe Bedrohung. Aber Angst sei keine Emotion, die in den baltischen Ländern im Vordergrund stehe, nicht bei der Mehrheit der Bevölkerung, so nimmt es Eichhorn wahr. „Wenn Menschen dort gefragt werden: Haben Sie Angst? Das können viele nicht mehr hören. Dann hört man: Projiziert nicht eure Angst auf uns.“ Man habe „größte Sorge und größte Wachsamkeit“ und schon früh die Notwendigkeit erkannt, sich vorzubereiten, falls es eines Tages russische Angriffe in baltischen Ländern geben sollte. „Angst will man sich nicht leisten.“

Christoph Eichhorn erwähnt noch einmal den früheren estnischen Präsidenten Lennart Meri. Der war 1994 in Hamburg zu Besuch, bei einem festlichen Empfang hielt Merie eine Rede und warnte schon damals vor russischen Großmachtfantasien. Etliche Leute hätten abgewunken, der Kalte Krieg sei doch vorbei. Und es gab damals einen Mann im Publikum, der während der Rede wütend den Raum verließ. Es war der damalige stellvertretende Oberbürgermeister von Sankt Petersburg, den zu jener Zeit kaum jemand kannte. Sein Name: Wladimir Putin. Im Nachhinein müsse man sagen, dass Meri eine damals nahezu prophetische Rede gehalten habe, sagt Eichhorn.

Für die Gegenwart und Zukunft gelte, auch in Bezug auf russische Bedrohungen: Wachsam sein und sich vorbereiten, in den baltischen Ländern habe man das erkannt. Christoph Eichhorn warnt davor, sich zu sehr auf die USA als Sicherheitspartner zu verlassen. Die willkürliche und aggressive Agenda von Donald Trump zeige, dass die USA kein verlässlicher Sicherheitspartner mehr sei. Dauerhafte Empörung angesichts der ständigen Eskalationen von Trump seien nicht hilfreich, besser sei es zu handeln.

Einige Leitsätze hat Christoph Eichhorn am Schluss zusammengefasst. Was nun zu tun sei: „Unseren Nachbarn zuhören! Ihre Erfahrungen ernstnehmen!“ Außerdem wichtig: ein „engster Schulterschluss in Europa“ und der Ausbau von Verteidigung, der Umbau zu einer starken Bundeswehr. Und man brauche einen langen Atem, denn noch wisse niemand genau, was in den nächsten Jahren, Jahrzehnten noch passieren wird. „Jetzt drei Jahre Trump aussitzen, das wird nicht passieren“, sagt Eichhorn. Gerade gebe es einen tiefgreifenden, globalen Epochenbruch. Sein Fazit, ein Leitsatz für ihn bei allem: Man müsse: „Freiheit schätzen und verteidigen“.