Geschichte spüren. Marcus Barwitzki über Mut zu partizipativer Kunst

„Kunst beweist ihre Qualität in ihrer gesellschaftlichen und zeitlichen Relevanz!“ ist Marcus Barwitzki überzeugt. Er beteiligt Laien in partizipativen Kunstprojekten und verwickelt sie in tiefe Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Themen. Ein Beitrag von Marcus Barwitzki in der Reihe Kunst politisch betrachtet. Erschienen im Newsletter 4/2014 der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.

Künstler waren zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte Mittler und Botschafter zwischen den Menschen. Die Kunst kann Menschen im Innersten – in ihrer Seele berühren, kann Brücken in Vergangenheit und Zukunft schlagen und Unbekanntes begreifbar machen.

Freiheit von Verantwortung?

Nach der Indoktrinierung der Kunst in den deutschen Diktaturen und der danach gewonnenen absoluten Freiheit in der Postmoderne ist gesellschaftliche Verantwortung und Engagement für bildende Künstler hier keineswegs mehr Normalität. Dabei beweist  die Kunst ihre wahre Qualität in ihrer zeitlichen und gesellschaftlichen Relevanz! 

Mit Partizipation können sich auch klassische, eher autodynamische Bereiche der bildenden Kunst, wie die Bildhauerei oder Malerei, dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach Interaktivität als ein Zeichen der Gegenwart stellen. Die aktive Teilhabe des Betrachters am professionellen Schaffensprozess des Künstlers bietet spannende Möglichkeiten. Die Menschen lernen den Künstler und dessen außergewöhnliche Arbeitswelt kennen. Sie können sich kreativ ausprobieren, Erfahrungen gewinnen und ihr Selbstbewusstsein stärken. Durch die praktische, künstlerische Verarbeitung werden auch schwerer vermittelbare Themen begreifbarer und leichter verständlich. Das mögliche künstlerische Niveau partizipativer Kunst ist dabei nicht zu unterschätzen. Denn frei nach Joseph Beuys, steckt in jedem Menschen ein Künstler, es gilt nur dessen Potentiale hervor zu holen. 

Großplastik „Gesichter des KZ Wöbbelin“

Dicht an dicht drängen sich zahllose, ausgehungerte Menschen im Lager... Die Großplastik „Gesichter des KZ Wöbbelin“ zeigt dieses bewegende Szenario. 45 gebogene rostige Eisenstangen, von denen jede einen ziegelförmigen, überdimensionalen Kopf aus Backstein trägt, bilden ein undurchdringliches Geflecht – eine unzählbare Masse wie die der eingesperrten Menschen im Konzentrationslager Wöbbelin.

Neue Wege für Gedenkstätten

Mit dem Verschwinden der Zeitzeugen müssen in der Arbeit von Gedenkstätten neue Wege gefunden werden, Geschichte auch weiterhin berührend und nachhaltig zu vermitteln. Gerade die Kunst, kann hier Wertvolles leisten. Die Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin gehen mit dem Kunstprojekt „Gesichter des KZ Wöbbelin“ diesen Weg.

Der Autor (links) bei einem Workshop in der Mahn- und Gedenkstätte Wöbbelin

Durch die gemeinsame künstlerische Arbeit vieler Menschen entsteht im Zentrum des mecklenburgischen Dorfes Wöbbelin eine neue Großplastik, die im Herbst 2015, als sichtbares Zeichen zeitgemäßer Erinnerungsarbeit und einladender Wegweiser in das Museum der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin, feierlich eingeweiht werden soll. Die Großplastik „Gesichter des KZ Wöbbelin“ wird ausschließlich partizipativ, d.h. durch die Mitarbeit vieler Menschen erarbeitet. Mit dem Mittel der bildenden Kunst soll das Interesse an der Geschichte und dem Erinnerungsort geweckt und besonders junge Menschen zur Mitarbeit angeregt werden.

Kunst ist nicht elitär

Seit 2011 trafen sich in Wöbbelin über 150 Menschen, im Alter von 10-85 Jahren, aus 21 Nationen, aus elf Bundesländern und dem Landkreis Ludwigslust-Parchim zur Mitarbeit an der Großplastik. Von Schülern der Allgemeinen Förderschule Ludwigslust bis zur slowakischen Mathematikstudentin, ob Angestellte, Handwerker, Politiker oder Senioren, alle Teilnehmer begeisterte die gemeinsame künstlerische Arbeit. Als Zeichen der Erinnerung gestalteten die Teilnehmer von Workshops, nach Fotografien von Häftlingen des Konzentrationslagers, plastische Bildnisse, die Teil der Großplastik werden. Von den ersten Materialuntersuchungen bis zur finalen Aufstellung der Großplastik ist jeder der Arbeitsschritte so konzipiert, dass er von vielen Menschen gemeinsam realisiert werden kann. So entstand neben der Großplastik noch ein 1:2 Modell für die Wanderausstellung „Gesichter des KZ Wöbbelin“, die bereits in vielen Orten Norddeutschlands, wie in Schwerin, im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern zu sehen war.

Mehr als Geschichtsunterricht

Bereits vor Aufstellung des Kunstwerks beweist die große Resonanz den Erfolg des Kunstprojekts. Die Freude der Workshop-Teilnehmer an der künstlerischen Arbeit, gepaart mit der ernsthaften Auseinandersetzung mit der Geschichte des Konzentrationslagers Wöbbelin zeigt sich in der hohen künstlerischen Qualität der Arbeiten. Wer hier mitgemacht hat, für den ist das Leid der Häftlinge mehr als verblichene Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Geschichtsunterricht. Wer einem Häftling sein Gesicht plastisch wiedergegeben wollte, musste immer wieder hinsehen, versuchen sein Leid emotional nach zu empfinden und hat so die Geschichte spüren können.

Dr. Paul Kaiser, TU Dresden. Foto: Andreas Kämper
Marcus Barwitzki

Marcus Barwitzki: aufgewachsen in Zittau | Studium Grafik-Design in Schwerin | Arbeitsaufenthalt in Polen und Tschechien | Ausstellungen u.a.: Berlin, Frankfurt am Main, Halle, Leipzig, Leverkusen, Prag, Schwerin, Wiesbaden | Europäischer Kunstpreis der Europa Union 2012

45 Backstein-Köpfe erzählen eigene Geschichten. Plastik "Gesichter des KZ Wöbbelin"