Tabea Hörnlein über politisches Theater für Jugendliche

Überlegungen zum politischen Theater für Jugendliche von Tabea Hörnlein, Leiterin tjg. theaterakademie am tjg. theater junge generation Dresden in unserer Reihe Kunst politisch betrachtet. Der Beitrag ist im Newsletter 1/2014 der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung erschienen.

"Wenn ich also als eigenständiger, für seine Taten verantwortlicher Mensch gesehen werden könnte, wäre ich echt dankbar." (Rick in "Cherryman jagt Mr. White")

 

Licht. Bühne.

Ein Abend in der Studiobühne des tjg. theater junge generation. Auf dem Spielplan steht "Cherryman jagt Mr. White" nach dem Roman von Jakob Arjouni. Die letzten Worte des Schauspielers sind zu hören:

"Um Ihre Familie, Ihre Freunde vor Mördern zu schützen, würden Sie da nicht auch alles machen? Sogar selber zum Mörder werden? Ist das so außergewöhnlich? Natürlich bin ich schuldig. Aber ehrlich gesagt: Die Welt kann schon ein bisschen froh sein, dass nicht einer wie Robert, der die Bombe auftragsgemäß deponiert hätte, schuldig geworden ist. Oder Sie finden: Vor Gott sind alle Toten gleich. Dann habe ich Pech gehabt." (Rick in "Cherryman jagt Mr. White")

 

Die Inszenierung lässt den Zuschauenden allein zurück. Mit den frischen Eindrücken eines mehrfachen Mordes und der Frage nach der eigenen Haltung dazu. Um diese zu finden, ist es hilfreich, sich noch einmal durch die letzten 90 Minuten zu denken.

Rick, 18 und arbeitslos, ist das Lieblingsopfer einer Clique von Neonazis im erfundenen brandenburgischen Storlitz. Für seine Ängste und Aggressionen hat er ein Ventil gefunden: Er zeichnet Comics, deren Held, Cherryman, sich blutig an seinen Feinden rächt. Ansonsten träumt Rick von einer Lehrstelle. Die bietet ihm ausgerechnet Pascal, ein smarter Typ vom rechten "Heimatschutz", an. Rick lässt sich auf einen - vermeintlich harmlosen - Deal ein und spioniert einen jüdischen Kindergarten aus. Als er jedoch einen Anschlag auf diesen verüben soll, beginnt er sich zu wehren und gerät in die tödlichen Verstrickungen, mit denen die Inszenierung endet. Innerhalb der letzten zehn Minuten ändert sich das Machtverhältnis der Figuren, Rick wehrt sich und ermordet vier der fünf Mitglieder des "Heimatschutzes". Hatte Rick das Recht, vier Neonazis zu töten?

Meist ist es lange ruhig

Meistens dauert es lange, bis die jugendlichen ZuschauerInnen beginnen zu klatschen. Meistens ist es lange ruhig, bevor dann sehr schnell sehr viel geredet wird. Und gedacht. Und diskutiert. Diese Inszenierung sucht den Dialog mit seinem Publikum, auch im Nachgespräch mit dem gesamten Inszenierungsteam und einem politischen Bildner. Aber vielmehr noch fordert sie den Zuschauenden bereits beim Sehen immer wieder heraus, eine Haltung zu beziehen und in den Dialog mit sich selbst zu treten: Folge ich Ricks Gedanken oder teile ich die Überlegungen des Heimatschutzes? Wer gehört wirklich zum rechten Kreis und wer nicht? Was bedeutet "rechts sein"? Bei konkreten Szenen hört man im Zuschauerraum auch immer wieder leise tuschelnde Bemerkungen unter den Jugendlichen, die sich beim Nebenmann über ihre Sicht versichern oder Fragen stellen, denn Theatersehen ist immer Dialog zwischen Bühne, Zuschauerraum und den Zuschauenden selbst, die gerade einen Raum teilen. Jugendliche haben das Bedürfnis Gedachtes, Befragenswertes augenblicklich zu verbalisieren. Dies sollte als Chance begriffen werden.

Szenenwechsel. Kinder- und Jugendtheater.

Die Notwendigkeit, auch politische Stoffe im Kinder- und Jugendtheater zu verhandeln, ist unbestritten. Kinder und Jugendliche leben in der gleichen Welt wie wir Erwachsene. Sie hören von Ereignissen wie den NSU-Morden oder der Umnutzung des Slogans "Wir sind das Volk!". Doch immer wieder fehlen ihnen die Kontexte, der Zugang zu Information. Sind Themen z.B. im Lehrplan noch nicht verankert oder "dran", fühlen sich Erwachsene, LehrerInnen und Eltern, ebenso überfordert mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung.

Kinder- und Jugendtheater kann ein Ort sein, der diese Kontexte anbietet, und dem Wunsch der Kinder und Jugendlichen nach gleichberechtigter Auseinandersetzung nachgeht. Die Frage danach, wer - welche Figuren - im Theater, also einer öffentlichen Plattform, seine Stimme erheben darf und wer nicht, stellt sich im Kinder- und Jugendtheater mit besonderer Stringenz, da ein Theaterbesuch oft im schulischen Kontext erfolgt und damit immer im Bildungszusammenhang wahrgenommen wird - auch und gerade von den SchülerInnen. Die Erwartungshaltung - überspitzt formuliert - ist klar: Hier wird mir etwas gelehrt. Hier höre und sehe ich in Form einer erfundenen Geschichte, was richtig und falsch ist. Ist dann die Inszenierung, die angeschaut wird, nicht so einfach in dieses Muster zu packen, kollidieren die Erwartungen mit dem tatsächlich Erlebten, was ein äußerst produktiver Zustand ist, denn durch Irritation entstehen Fragen.

Grundprinzip (Deutungs-)Offenheit

Gerade das Jugendtheater verändert sich immer weiter in diese Richtung: (Deutungs-) Offenheit ist nicht mehr nur Stilmittel einzelner Inszenierungen, sondern Grundprinzip von neu entstehenden Texten und Stückentwicklungen. Multiperspektivität wird als künstlerische Reibungsfläche und Chance der inhaltlichen Herausforderung gleichermaßen empfunden.

Wenn es sich um das Thema Rechtsextremismus handelt, ist es für TheatermacherInnen eine besondere Herausforderung, diese verschiedenen Perspektiven nicht wertend zu inszenieren. Auch die inhaltlich fragwürdigen Figuren müssen nahezu ungefiltert auf der Bühne zum Tragen kommen, damit ein Dialog mit dem Zuschauenden angeregt werden kann, der nicht von Indoktrination gekennzeichnet ist, sondern vom Vertrauen in die Denkfähigkeit der jugendlichen ZuschauerInnen. So einfach dies klingen mag, so neu ist die Tendenz.

Mit "Cherryman jagt Mr. White" lag dem tjg ein Roman vor, der von dieser Kontroversität geprägt ist und einen gleichberechtigten Dialog mit den Zuschauenden ermöglicht. Der Text bietet Figuren an, die alle brüchig sind und nicht nach einem Deutungsmuster "gut" oder "böse" zuzuordnen sind. In der Inszenierung stellt sich schließlich ein dichtes Nebeneinander von Gewaltphantasien gegen die Naziclique, Gedankengängen eines Mitte-Rechts Vertreters und rechtsradikalen Gewaltausbrüchen her, das den Zuschauenden schlaglichtartig in sehr verschiedene Gedankenwelten einführt und in seiner inszenatorischen Puristik immer wieder innehalten lässt: "Hat er das gerade wirklich gesagt? Meint er das ernst? Kann ich diesen Gedanken mitgehen, die Tat von Rick rechtfertigen?"

Selbst eine Antwort auf die Grundfrage der Inszenierung "Kann Gewalt nur mit Gegengewalt beantwortet werden?" verhandeln die TheatermacherInnen bei jeder Vorstellung neu mit ihrem Publikum, angetrieben von der Tatsache, dass es keine einfachen Deutungsmuster gibt und einer komplex gewordenen Gesellschaft mit einfachen Antworten nicht beizukommen ist. Auch im Theater nicht.

Im Fall von "Cherryman jagt Mr. White" schließt sich an jeden Vorstellungsbesuch ein Nachgespräch an, das dem Austausch- und Informationsbedürfnis der Jugendlichen auf besondere Weise nachkommt, denn neben den TheatermacherInnen ist auch ein politischer Bildner anwesend, der flankierend weitere inhaltliche Fragen klärt, aktuelle Fallbeispiele entgegensetzt und rechtsextreme Einstellungen kategorisiert. Aber hilft diese Konstruktion beim Denken und Urteilen?

Szenenwechsel. Zuschauen. Denken. Urteilen.

Kürzlich hielt Frank Richter den Eröffnungsvortrag zum Festival "Demokratie im Dialog - partizipative Modelle im Theater in der Schule" am tjg. theater junge generation, in dem er über das allmähliche Verfertigen eines politischen Urteils in der Diskussion, im Dialog sprach.

Theater sehen ist, wie bereits beschrieben wurde, ein Dialog. Die Vorstellung des passiven Zuschauens ist längst überholt. Der/die Zuschauer/in setzt sich zum Gezeigten und Gehörten in Beziehung. Zu mancher Szene entwickelt der/die Zuschauer/in nicht unmittelbar eine rationale Einschätzung, sondern reagiert beklemmt, befreit, schmunzelnd, irritiert oder mit einem im Halse stecken gebliebenen Lachen. Aber auch das sind Bestandteile eines multiperspektivisch geführten Dialogs, der intuitive Haltungen und emotionale Reaktionen nicht ausschließt.

Kann man also Richters Gedanken weiterführen und davon ausgehen, dass sich beim Vorstellungsbesuch im Theater ein politisches Urteil beim Sehen verfertigt? Sicher kommt es auf die Art des Dialogs, in diesem Falle, auf die Art der Inszenierung an. Ermöglicht sie dem Zuschauenden, mehrere Perspektiven einzunehmen? Nimmt sie die verschiedenen Positionen ernst oder werden einige durch die Art des In-Szene-Setzens konterkariert? Und welche Form des direkten Austausches gibt es im Anschluss an den Vorstellungsbesuch?

"Cherryman jagt Mr. White" ist mit seinen wechselseitig zu betrachtenden Figuren, der Inszenierung des Zeigens anstatt des Interpretierens und dem Nachgesprächsangebot, das politische Bildung integriert, ein Schritt auf einem begonnenen Weg, diese Frage zu beantworten.

Black.

Das Nachgespräch kann beginnen.

Dr. Paul Kaiser, TU Dresden. Foto: Andreas Kämper

Tabea Hörnlein leitet seit der Spielzeit 2011/12 die tjg. theaterakademie des tjg. theater junge generation Dresden. Ihre theaterpädagogischen Projekte, bewegen sich an der Schnittstelle von kultureller und politischer Bildung. Seit Dezember 2012 gehört sie dem Vorstand der ASSITEJ Deutschland - Internationale Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche - an.

tjg. theater junge generation

Das tjg. theater junge generation ist mit seinen drei Sparten - tjg. schauspiel, tjg. puppentheater und tjg. theaterakademie - und mit über 600 Vorstellungen im Jahr eines der größten Kinder- und Jugendtheater der Bundesrepublik.

Die tjg. theaterakademie wurde 2008 gegründet und ist Forschungslabor für Theaterpädagogen, Experimentierwerkstatt für theaterbegeisterte Kinder und Jugendliche sowie Weiterbildungsstätte für LehrerInnen und ErzieherInnen.