"Es lastet viel Arbeit auf wenigen Schultern"

Im Januar veröffentlichte die SLpB ihre Studie "Engagement in Sachsen - Wofür sich Menschen einsetzen und welchen Rahmen es braucht". Seitdem lädt sie regelmäßig ein zu Online-Diskussionen rund um das Thema Ehrenamt. Der für zivilgesellschaftliches Engagement verantwortliche Referent, Friedemann Brause, im Gespräch über Minderheiten, Geld und Motivation.

Herr Brause, wie steht es denn um das ehrenamtliche Engagement in Sachsen? 

Wir haben in Sachsen eine sehr aktive und lebendige Szene von mehr als 30.000 Vereinen in Sachsen und darüber hinaus natürlich noch etliche Einrichtungen und Initiativen, die nicht in Vereinen organisiert sind. Da reden wir von Stiftungen, von Kirchgemeinden, von der Freiwilligen Feuerwehr und vieles mehr. Eine Beobachtung unserer Studie "Engagement in Sachsen - Wofür sich Menschen einsetzen und welchen Rahmen es braucht" war auch, dass sich die Quoten des Engagements zwischen Ost und West sehr stark annähern. Etwa ein Drittel der Leute engagiert sich regelmäßig freiwillig. Das ist beinahe Bundesdurchschnitt und hat sich in den letzten 20 Jahren auch konstant angenähert. 

Gibt es Unterschiede zwischen den Bundesländern oder fügt sich Sachsen komplett und geschmeidig ein in den Durchschnitt? 

Es gibt einen gewissen Ost-West-Unterschied, der natürlich auch durch die einstige Teilung herrührt. In allen ostdeutschen Bundesländern existiert außerdem eine relativ junge Vereinslandschaft, weil sich viele Vereine erst nach 1990 gegründet haben. Da Sachsen außerdem weniger stark ländlich geprägt ist als beispielsweise Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg, haben wir hier eine eher kleinstädtisch-städtische Szene, zusätzlich zum ländlichen Raum. Ansonsten engagieren sich in Sachsen sehr viele Menschen in den traditionellen Bereichen: Kultur, Freizeit, Bildung und natürlich Sport. 

Vorgestellt haben Sie die Studie zu Beginn dieses Jahres. Sie wurde lange erarbeitet. Weswegen kümmert sich die SLpB um das Thema Ehrenamt? 

Politische Bildung heißt, dass wir diejenigen stärken wollen, die unsere Gesellschaft tragen. Das sind zivilgesellschaftliche Akteure und freiwillig Engagierte. Vereine und Initiativen sind oft der erste Ort, wo Menschen sich außerhalb des privaten Raums mit anderen für eine gemeinsame Sache, für andere Menschen einsetzen. Das macht die Demokratie im Kleinen aus, dass ich mitbestimmen kann, dass ich nicht nur für mich selbst handle, sondern auch für die Gesellschaft. Das ist ganz klar der Auftrag SLpB: diese Akteure, diese Engagierten zu stärken. Um das tun zu können, müssen wir zuerst einmal eine Bestandsaufnahme machen. Das ist geschehen mit der Studie. Sie ist eine Momentaufnahme, die festhält, wie es um das zivilgesellschaftliche Engagement steht. Wir wollten außerdem einen Ausblick liefern, vor welchen Herausforderungen das Engagement steht und wie sich die Engagementpolitik in Sachsen in den kommenden Jahren verändern wird, welche Aufgaben sie angehen muss.

Was leiten Sie aus der Erhebung des Ist-Zustandes nun ab für die weitere Arbeit der SLpB? 

Eine unserer Beobachtungen ist, dass es viele Menschen gibt, die in mehreren Bereichen, in mehreren Vereinen, in mehreren Initiativen gleichzeitig aktiv sind. Es lastet also viel Arbeit auf wenigen Schultern. Diese Menschen wollen wir unterstützen. Begleitend zur Studie haben wir Diskussionsrunden organisiert zu ganz unterschiedlichen Themen, die sich einerseits aus Inhalten der Studie ableiteten und andererseits Bezug nahmen zur aktuellen Situation, der Corona-Pandemie. Gleich zu Beginn haben wir uns die Frage gestellt, welche Auswirkungen die Pandemie auf das freiwillige Engagement hat. Menschen können nicht mehr einfach so zusammenkommen und es fehlt an Perspektive, was sich wiederum auswirkt auf die generelle Motivation, sich zu engagieren. Immer wieder ist auch das Thema Geld relevant. Hier ging es uns ganz praktisch darum, wie Engagierte an neue Finanzierungen herankommen können, wie Fundraising funktioniert, wo es Gelder außerhalb staatlicher Förderungen gibt, wie die Zusammenarbeit mit Stiftungen aussehen kann. 

Zwei Ergebnisse der Studie waren: Jugend engagiert sich anders und viele Vereine verhalten sich unpolitisch...

Junge Menschen agieren schon politischer, nur sind sie wiederum wenig aktiv in klassische Vereine eingebunden, höchstens als Mitglied, weniger als mitentscheidende Akteure, insbesondere in Führungspositionen. Dort handeln und entscheiden ältere, etablierte Führungskräfte und die Jugend nimmt vielleicht teil, entscheidet aber relativ wenig mit. Engagierte Jugendliche finden wir eher in Initiativen, bei themenbezogenen Aktionen. Da sind sie politisch. Vereine, haben wir beobachtet, pflegen eine gewisse politische Enthaltsamkeit. Wobei wir nicht weiter auf die Ursachen eingehen, sondern erst einmal nur feststellen, dass innerhalb der Vereine relativ wenig über politische Grabenkämpfe, gesellschaftliche Spaltungen oder unterschiedliche politische Ansichten diskutiert wird. Leute gehen in ihren Vereinen eher einer gemeinsamen Sache nach und wollen keine politischen Diskussionen führen. Wir haben dann trotzdem die Frage gestellt, wie es um die politische Mitbestimmung der Zivilgesellschaft bestellt ist und wie zivilgesellschaftliche Akteure auch in politische Entscheidungsfindungen eingebunden werden können.

Wie können sie eingebunden werden, was hat die Diskussion ergeben?

Hier geht es zuallererst um gutes Zuhören und unbürokratisches Handeln. Wenn gute Kontakte auf Augenhöhe mit politisch Verantwortlichen, zum Beispiel in der Kommune, bestehen, lassen sich schnelle Lösungen finden, die den Bedarf der Freiwilligen treffen. Auch wenn es um die Entwicklung eines gesellschaftlichen Leitbilds für eine Stadt oder um die Ehrenamtsförderung im Land geht, sollten Engagierte von Anfang bis Ende mitreden können. Freiwilliges Engagement heißt eben auch eine selbstbewusste Zivilgesellschaft. Da braucht es für Organisationen manchmal mehr “Beinfreiheit”, um sich in kontroversen Diskussionen auch politisch positionieren zu können.

In der öffentlichen Debatte wird zivilgesellschaftliches Engagement gern als ein Mittel gegen Rechtsextremismus behandelt. Andererseits stellt sich immer wieder heraus, dass manche Vereinsstrukturen die Verbreitung rechtsextremistischen Gedankenguts begünstigen. Wie passt das zusammen?

Wir erleben in Sachsen eine erhebliche politische Spaltung. Eine Beobachtung in der Studie ist, dass sich in Teilen tatsächlich der stillschweigende Konsens auflöst, dass zivilgesellschaftliches Engagement automatisch für mehr Demokratie und gesellschaftliches Miteinander stattfindet. Es gibt Akteure, die sich freiwillig engagieren, damit aber eher die gesellschaftliche Polarisierung vorantreiben. Zwar geht es meiner Meinung nach bei gesellschaftlichem Engagement darum, aus gemeinsamem Handeln zu lernen, zu lernen, sich demokratisch zu beteiligen, miteinander zu diskutieren und auch Widersprüche auszuhalten. Aber zivilgesellschaftliches Engagement wird nicht ohne ein gemeinschaftliches, demokratisches Wertekonstrukt funktionieren.

Wird es bei Diskussionsveranstaltungen bleiben oder planen Sie noch andere Formate im Zusammenhang mit der Studie?

In Zukunft wollen wir uns mit spezielleren Zielgruppen beschäftigen, zum Beispiel Menschen mit Migrationsgeschichte. Ungefähr 80 Prozent der befragten Vereine haben angegeben, dass ihre Mitglieder eine ähnliche kulturelle Herkunft haben. Gleich und gleich gesellt sich gern. Es findet noch relativ wenig Durchmischung und kulturelle Vielfalt statt. Darüber wollen wir diskutieren und wir wollen über das Engagement von Menschen mit Behinderungen sprechen. 

Wie ist die Resonanz auf diese Angebote? Erreichen wir tatsächlich damit dann auch die, die wir erreichen möchten? 

Bisher waren es allesamt Online-Veranstaltungen, an denen im Schnitt jeweils 50 Interessierte teilgenommen und sehr aktiv diskutiert haben, weil sie vor allem selbst aus dem engagierten Bereich kamen, entweder als Mitglieder, aber auch als Führungskräfte. Mitglieder von Verbänden und Interessenvertretungen haben sich informiert und mitdiskutiert. Es gab ein großes Interesse daran, darüber nachzudenken, was Zivilgesellschaft und Ehrenamt auch sein kann in einer aktiven demokratischen Gesellschaft.

Die Studie ist veröffentlicht, die Betroffenen haben diskutiert - was ist das Ziel?

Zum einen war das Ziel, die Menschen erst einmal zusammenzubringen. Wir als Landeszentrale haben Räume zur Diskussion geöffnet. Jetzt wollen wir die Debatte begleiten, die rund um das freiwillige Engagement in Sachsen stattfindet. Da ist einiges in Bewegung: Seit neuestem gibt es eine Ehrenamtsagentur, wir haben neue Förderprogramme, zum Beispiel des Sozialministeriums oder des Ministeriums der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung und wir haben natürlich auch auf Bundesebene eine neue Stiftung, die Deutsche Stiftung für Ehrenamt und Engagement. Es ist vieles in Bewegung und auch im Koalitionsvertrag ist festgeschrieben, dass die Politik die Beteiligung der Zivilgesellschaft fördern wird. Wir wollen die zivilgesellschaftlichen Akteure mit politisch Verantwortlichen ins Gespräch bringen, sei es auf kommunaler Ebene oder auf Landesebene. 

Welche neuen Fragestellungen haben sich bereits jetzt ergeben?

Wir sehen einen großen Unterschied: Zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich dezidiert beispielsweise für mehr Weltoffenheit einsetzen, für mehr Toleranz eintreten, die Demokratie-Projekte organisieren auf der einen Seite. Auf der anderen Seite klassische Vereine, die sich selbst nicht unbedingt einen irgendwie gearteten politisch-gesellschaftlichen Auftrag geben würden. Diese verschiedenen Wege miteinander in Verbindung zu bringen, halte ich für spannend - welche Rolle soll denn die sächsische Zivilgesellschaft in der politischen Meinungsfindung spielen? Das ist eine eine große Frage. Ebenso die Frage, inwiefern die Politik auch auf der kommunalen und der Landesebene die Zivilgesellschaft einbindet, wenn es um politische Debatten geht, wenn es um die Erarbeitung von Konzepten geht, wenn es um die Frage geht, ob man sie als Expertinnen und Experten wahrnimmt. Wir würden gern einen Beitrag dazu liefern, Ehrenamt als bürgerschaftliches, als zivilgesellschaftliches Engagement zu begreifen, das für eine selbstbewusste Bürgerschaft steht. 

Am 2. Juni veranstaltet die SLpB eine Online-Tagung zum Thema Engagement. 

Die Tagung trägt den Titel "Engagement mit Zukunft - wofür sich Menschen in Sachsen einsetzen und welchen Rahmen es braucht". Dort wollen wir uns mit genau diesen neuen Rahmenbedingungen, Programmen und Akteuren in Sachsen und darüber hinaus beschäftigen. Bei Podiumsdiskussionen und Panel-Vorträgen stellen wir die Ergebnisse unserer Studie noch einmal vor und diskutieren mit Verantwortlichen aus der Landespolitik, aus der Kommunalpolitik und aus dem freiwilligen Engagement, wohin der Kompass zeigt für die sächsische Engagementpolitik. Dazwischen gibt es Diskussionsrunden zu ganz verschiedenen Themen, unter anderem auch die Frage der Finanzierung, Engagement im ländlichen Raum und Alternativen. Darüber hinaus wollen wir die Ergebnisse der Studie in den Landkreisen weiter diskutieren. Die Corona-Pandemie hat das bisher verhindert, weil wir diese Runden gerne in Präsenz durchführen möchten. Wenn alles gut geht und die Lage es zulässt, sind wir voraussichtlich ab Herbst direkt vor Ort und diskutieren die Ergebnisse der Studie ganz konkret bezogen auf den jeweiligen Landkreis.

An wen richtet sich die Tagung? An Fachpublikum?

Wir haben sowohl die Engagierten im Blick, weil es darum geht, was die Vereine und Organisationen selber tun können. Und wir richten uns ganz klar auch an wissenschaftliche Akteure, an Stiftungen, an weitere Bildungseinrichtungen und Vertreterinnen und Vertreter der Landespolitik und aus den Kommunen. Das sind ganz wesentliche Akteure, wenn es um die Förderung von Engagement geht.

Am Mittwoch, dem 2. Juni 2021, ab 15 Uhr, lädt die SLpB ein zum digitalen Fachtag "Engagement mit Zukunft! Wofür sich Menschen in Sachsen einsetzen und welchen Rahmen es braucht"