„Demokratie ist wie ein lebender Organismus“

Am 17. November liest der Schauspieler Roman Knižka Texte Überlebender rechter Gewalt in der Gedenkstätte Bautzen. „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen“ heißt das Programm, musikalisch begleitet vom Berliner Quintett Opus 45. Zur Reflexion über die eigene Einstellung und das eigene Handeln will Knižka sein Publikum an diesem Abend anregen, sagt er im Interview.

 

Herr Knižka, gemeinsam mit dem Berliner Quintett Opus 45 geben Sie anlässlich des Volkstrauertages am 17. November eine szenische Lesung in der Gedenkstätte Bautzen. Was genau erwartet die Besucher?

Es erwartet sie ein Sohn der Stadt, der lange schon nicht mehr in Bautzen lebt und sich trotzdem Gedanken macht. Jemand, der mit anderen Künstlern angereist ist und aus seiner Sicht Dinge aufdeckt und Schlüsse zieht, Parallelen zieht und beim Zuhörer Erkenntnisse schüren will.

 

 „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen“ ist der Titel der Veranstaltung, ein Zitat des Auschwitz-Überlebenden Primo Levi. Sie rezitieren Texte in Abwechslung mit klassischer Musik. Wessen Texte lesen Sie dort?

In unserem Programm geht es um die Opfer nationalsozialistischer Gewalt nach 1945. Wir haben Texte und Kompositionen von Opfern des Nationalsozialismus und der rechten Szene in Deutschland ausgesucht, verfasst von Menschen die den rechten Terror hautnah erlebt haben. Für uns ergibt diese Zusammenstellung einen roten Faden bis in die heutige Zeit. Wir nehmen ganze Dekaden rechter Gewalt seit Gründung beider deutscher Republiken unter die Lupe. Seit dem zweiten Weltkrieg ist der rechte Terror bei uns immer wieder zu finden. Das will ich zeigen, vor allem auch in Bezug auch auf meine Heimatstadt.

 

Was hat Bautzen damit zu tun?

Ich war sehr, sehr überrascht über meine Heimatstadt, als es hier vor einigen Jahren auf einmal den Aufstand von Wutbürgern gab, die Angst hatten, dass Asylsuchende in diese Stadt kommen und die etwas dagegen hatten, dass ein leerstehendes Hotel zu einem Heim umgebaut wird. Das hat mich empört. Gerade in Sachsen, in der Lausitz, leben so verschwindend wenig Asylsuchende. Die Angst ist am größten vor etwas Unbekanntem. Ich lebe seit langem in Berlin und ich merke, was es braucht um nebeneinander zu leben. Gerade in unserer globalen Welt müssen wir uns arrangieren. Ich finde es regelrecht dumm, wenn man sich hinstellt und sagt: „Ich möchte unsere Welt nicht teilen“. Den Perspektivenwechsel müssen wir können. Das verlangt eine Demokratie ab. Alles andere ist extrem konservativ oder sogar faschistoid. Demokratie ist wie ein lebender Organismus, der am Leben gehalten werden muss. Da muss jeder dabei sein und auch im Kopf mitarbeiten.

 

Sie kennen Bautzen als Heranwachsender, als junger Mann, später als Gast. Würden Sie sagen, dieses Denken war schon immer da?

Es hat auch damit zu tun, dass viele sich hier am Rand fühlen. Geografisch gesehen ist das ja auch so. Den Rand gibt es im Saarland aber auch. Nur dort fühlen sie sich nicht an den Rand gedrückt. Hier im Osten ist das aber der Fall. Das hat mit Erziehung und mit Bildung zu tun und mit dem Bedürfnis, Möglichkeiten wahrzunehmen und sie zu nutzen. Wenn ist mich zurücksehne in meine alte DDR und feststelle: Moment mal, seit 30 Jahren hat sich in meinem Leben nichts wirklich verbessert, das kotzt mich an, dann bin ich genervt von der Situation, aber vor allem eben von meiner persönlichen Situation. Und an der kann ich etwas ändern. Ich habe zum Beispiel meine Beine in die Hand genommen und versucht, meine eigene Perspektive zu schaffen. Ich habe etwas gewagt. Ich habe etwas riskiert. Ich habe Angst gehabt und trotzdem auch aus diesen Erlebnissen geschöpft.

 

Sie sind 1989 aus der DDR geflohen – warum?

Ich hatte einen Studienplatz an der Schauspielschule in Leipzig bekommen. In dem Moment begann bei mir ein Nachdenken: Wenn ich diesen wahnsinnig lange ersehnten Studienplatz wahrnehme und im Herbst 89 das Studium beginne, wenn ich das schaffe und viel Glück habe, dann werde ich vielleicht eines Tages in Berlin an einem großen Theater spielen können. Vielleicht werde ich für die Defa drehen. Mehr fiel mir nicht ein. Das war mir zu wenig Perspektive. Ich wusste, in der DDR kann ich einfach nicht befreit leben, nicht künstlerisch und nicht als Mensch.

 

Sie kennen die Erfahrung als Flüchtender, der alles zurücklässt. Gemeinsam mit zwei Freunden sind Sie als 18-Jähriger über die Grüne Grenze gegangen. Wie war das?

Wir haben uns akribisch vorbereitet, auch weil wir wussten, das würde ein paar Tage und Nächte dauern. Wir haben Landkarten einstudiert. Die waren nicht besonders präzise. Das heißt, wir haben uns nur in etwa danach richten können. Das bedeutete, dass eine Waldschneise doch nicht vorhanden war oder eine  riesengroße Dornenhecke nicht verzeichnet. Wir wussten auch nicht, kommt jetzt die Grenze oder erst in drei Kilometern? Das Gelände war unwegsam und wir wussten auch nicht, ist das jetzt die Grenze in den Westen oder noch zwischen den Bruderländern. Hilfsmittel mussten wir zu Hause lassen, falls wir nämlich gefasst worden wären, dann sollte es keine Indizien geben. Wir hätten uns ausgegeben als junge Historiker auf der Suche nach einer Burg, die doch in dieser Gegend auf einem Berg sein muss. Deswegen keine Luftballons, Schnur, Taschenmesser oder Lupe, geschweige denn Dokumente. Wir hatten tatsächlich nur unseren DDR Ausweis in diesem kleinen blauen Klarsicht Umschlag.

 

Wie lange waren Sie so unterwegs?

Nach vier Tagen und Nächten hat uns eine österreichische Patrouille geschnappt und ich hab gedacht, oh Gott, die schubsen uns ist wieder rüber in den Ostblock. Dann hat man uns das erste Mal gesagt, dass wir deutsche Bürger sind, Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Monate später habe ich der Ständigen Vertretung der DDR geschrieben und um Aberkennung meiner DDR Staatsbürgerschaft gebeten. Die Antwort war vielsagend: Sie waren, sind und bleiben DDR-Bürger. Sie können gern wieder in die DDR zurückreisen, um ihre Leute zu besuchen. Dann fiel zum Glück die Mauer.

 

Lebten Sie zu der Zeit schon in Berlin?

Wir waren noch in Baden-Württemberg. Wir dachten damals, das ist ein reiches Bundesland, da finden wir schnell Arbeit. Ich habe in der Gummi Fabrik gearbeitet und in einem Tennisclub Teller gewaschen. Vielleicht vom Tellerwäscher zum Millionär, war mein Gedanke. Plötzlich standen die Wasserwerfer in Dresden am Hauptbahnhof und in Leipzig fanden Montagsdemos statt. Wir dachten, das ist unser bisheriges Land. Was da gerade passiert ist ja Wahnsinn.

 

Sie sind mit ihrer Flucht ein hohes persönliches Risiko eingegangen, insofern ist es beinahe metaphorisch, ausgerechnet in den Gedenkstätten Bautzen aufzutreten.

Das Verrückte ist ja außerdem, dass vielleicht 200 Meter schräg gegenüber mein Kindergarten war. Es gibt Fotos auf denen ich mit Bommelmütze auf dem Klettergerüst stehend stolz winke und hinter mir ist dieses Gefängnis. Das ist echt absurd, dass ich Jahrzehnte später erst erfahren habe, was dort eigentlich abging.

 

Hat das Einfluss auf Ihr Programm am 17. November?

In den letzten Monaten oder Jahren bin ich immer wieder an verschiedenen Gedenkstätten aufgetreten. Wenn ich da bin, macht das natürlich auch was mit mir. Ich spüre da Energien oder Befürchtungen und Ängste, sozusagen die Geschichte. Aber wir dürfen uns dem nicht verwehren. Wir müssen wissen, dass es das mal gab. Es ist ja passiert und es ist von Menschen gemacht worden. Das gibt es heute immer wieder. Es gibt immer mehr Tendenzen. Es gibt einen Parteiführer in Deutschland der ganz weit rechts ist und sagt er ist die neue Mitte. Er ist extrem gefährlich. Wenn die eine oder andere Partei sagt, naja wir probieren es mal mit denen, wie schlimm kann dieser erste kleine Schritt sein – ich will nur daran erinnern – Hitler ist ohne Putsch an die Macht gekommen. Er wurde gewählt. Sukzessive ist das gewachsen und er hat auf seinem Niveau alle Menschen bewegt und überzeugt bis der Rest oder ein großer Teil des Rests gesagt: Okay ich mache mal sicherheitshalber mit.

 

Was ist dann Ihre Hoffnung. Was verbinden Sie mit dem Auftritt?

Ich würde mir  wünschen, dass das Publikum Schlüsse zieht und sich selbst hinterfragt. Das bedeutet nicht dass jeder politisch mit einem Plakat bewaffnet auf die Straße gehen soll. Jeder in seinem Leben kann es hier und da und dort etwas bewirken, zum Beispiel auch bei der Erziehung der eigenen Kinder. Ich möchte den Fokus auch mal wieder auf diese kleine Stadt Bautzen lenken, wenn ich die Möglichkeit dazu habe. Ich will meinem Publikum sagen: Schließt eure Augen und hört euch an, was ich zu sagen habe oder was ich zitiere. Hört zu und genießt die Musik. Vielleicht tut die Musik auch mal weh im Kontext zu den Texten. Aber macht es bitte zu einem Erlebnis. Vielleicht löst es etwas in ihnen aus. Es wird auf jeden Fall ein Wechselbad werden.

 

Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und der Gedenkstätte Bautzen.

 

Das Interview führte Christina Wittich
Es wurde zuerst in der Sächsischen Zeitung veröffentlicht.