Ich, du, wir, ihr und die da

Kann ein politischer Diskurs ohne Emotionen, orientiert an der reinen oder auch praktischen Vernunft, stattfinden? Und gibt es eine allgemeingültige Wahrheit, die aus dem Diskurs entsteht und dann fortan gilt? 

Antje Hermenau (Fraktionsvorsitzende der GRÜNEN im Sächsischen Landtag, Mitglied des Bundestages 1994-2004) antwortet Wolfgang Neškovic.

Herr Neskovic wirft einige Fragen auf, die auch mich früher einmal beschäftigt haben, und auf die ich gerne meine persönliche Antwort geben möchte. Kann ein politischer Diskurs ohne Emotionen, orientiert an der reinen oder auch praktischen Vernunft, stattfinden? Und gibt es eine allgemeingültige Wahrheit, die aus dem Diskurs entsteht und dann fortan gilt? 

Das scheint mir sehr theoretisch zu sein. Wer die Persönlichkeit des Diskutierenden, seine persönlichen Erfahrungen und Meinungen, seine Lebensumstände und seine Prägungen ignorieren will, um einen „reinen“ Diskutanten zu erhalten, vergeht sich am Individuum. Selbst Marx vertrat die These, dass das Sein das Bewusstsein bestimme. Folgt man ihm in dieser Frage, ist es abwegig, von Diskutierenden zu verlangen, ihre Persönlichkeit an der Garderobe abzugeben, bevor sie den Debattierklub betreten dürfen. Hinzu kommt, der Mensch kann vielfältig zur Erkenntnis und Einsicht gelangen: durch Wissenserwerb, durch Glauben oder durch Gemeinschaftserleben. Ihn dieser Vielfalt zu berauben und auf sein Gehirn zu reduzieren, halte ich für absurd. Übrigens werden auch die Emotionen vom Gehirn gesteuert, ja, ich wage die These, dass alle Gedanken Emotionen unausgesprochen beinhalten. 

Es war die Auffassung von Fichte, Hegel und Schilling, die „absolutes Wissen“ postulierten, indem sie der subjektiven Erkenntnis eine absolute Geltung zusprechen wollten. Diese Denkschule ist bereits im vorletzten Jahrhundert an den Lebensrealitäten gescheitert und muss auch nicht wieder hervor gekramt werden. Die Sehnsucht nach allgemeingültigen, unverrückbaren Wahrheiten, auch unter dem Deckmantel der reinen Vernunft, ist mir zutiefst suspekt. Sie bedeutet in der Konsequenz gesellschaftlichen Stillstand, zumindest wenn man nicht an das Paradies auf Erden glaubt. 

Im letzten Jahrhundert wurde auf verhängnisvolle Weise mehrmals in der deutschen Geschichte klar, wie schlimm es sich auf eine Gesellschaft auswirkt, wenn sie die tragfähigen Beziehungen von ich, du, wir, ihr zum „die da“ verliert. Jeder Dialog braucht diese Zuordnungen, weil der Mensch nun einmal keine Monade ist, sondern ein Herdentier. Vielleicht rührt daher die allgemeine Einsicht, dass wir in Deutschland unsere Streitkultur noch verbessern können.

Ob man die Ideale der Aufklärung oder Kants Kritizismus zu Rate zieht: der Reichweite der individuellen menschlichen Erkenntnis sind Grenzen gesetzt. Ob man nun Gott für die einzige aus moralischer Gesinnung handelnden Intelligenz hält oder lebenswirklich verstanden hat: Irren ist außerordentlich menschlich, individuell wie kollektiv.

Kant bezweifelt Aussagen über die Wirklichkeit, die keinerlei praktischer Erfahrung bedürften, stark. Diese transzendentale Dialektik bildet eine Kernaussage in seiner Kritik der reinen Vernunft. Im besten Sinne metaphysisch gesprochen: das Sein ist allen gegeben, was sie daraus machen, ist eine individuelle Entscheidung.    

In der Antike war die Dialektik bei Sokrates, Platon und Aristoteles eine Methode, um Wissen kritisch zu hinterfragen oder zu manifestieren – als den aktuellen Erkenntnisstand der jeweiligen Zeit. Sokrates war ein Meister darin, eine aufgestellte These zu überprüfen, zu verwerfen und alle wieder ratlos abziehen zu lassen, weil er auch keine neue aufstellte – ein philosophischer Mephisto sozusagen. Darauf haben dann später die Stoiker aufgebaut, die von den römischen Kaisern intellektuell ähnlich angeekelt wie Herr Neskovic von den Lobbyisten und Parlamentskollegen, zu der Schlussfolgerung kamen, sich gänzlich aus der Politik heraus zu halten. Das mag zur Kaiserzeit eine erklärbare Wendung gewesen sein. Wir leben in einer Republik, einer so wörtlich öffentlichen Angelegenheit.

Fünf einfache Vorschläge:

1. Selbst den Diskurs in seiner Umgebung austragen und nicht mehr delegieren. Ich-Botschaften sind echte Informationen und damit zugleich Argumente. 

2. Im Netz: nicht anonym diskutieren, sondern individuell erkennbar. Das macht aus übellauniger Streitlust eine echte Diskursmöglichkeit ohne ideologische „Totschlag“-Argumente.

3. Freimütige Bekenntnisse ersetzen ein Argument ebenso wenig wie wüste Beschimpfungen oder die Unterstellung vermeintlicher Motive. 

4. Gute Beispiele machen Schule.

5. Der Mensch hat in einem Rechtsstaat immer die Freiheit der Entscheidung – auch über sein Diskursverhalten.

Antje Hermenau, Fraktionsvorsitzende der GRÜNEN im Sächsischen Landtag, Mitglied des Bundestages 1994-2004. Foto: www.antje-hermenau.de