Einwanderung als Ausweg aus der demografischen Falle (Teil 2)

Die erste Zukunftsdiskussion der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung wählte am 25. Januar 2013 in Hellerau noch ein fragendes Motto: "Sachsen 2030 - Quo vadis? Wir machen uns Sorgen." Zehn Monate später enthält der Titel der Fortsetzungstagung im Hygienemuseum schon eine provokant-ironische Feststellung: "Schneller, Höher, Älter." Eine Anspielung auf das olympische Motto "Citius, altius, fortius". Fortsetzung des Tagungsberichtes vom Michael Bartsch    zurück zu Teil 1    weiter zu Teil 3

Weniger Menschen, weniger Probleme? Prof. Dr. Karl-Ulrich Mayer, Präsident der Leibniz Gemeinschaft
Michel-Eric Dufeil von der Europäische Kommission zu den Prioritäten in der neuen Förderperiode
Lesestoff in der Mittagspause
Die Kartoffelsuppe gehört gewiss zur sächsischen Zukunft

Gewagt Prognosen

Der erfahrende Soziologe Prof. Karl-Ulrich Mayer bestätigte, dass der derzeitige leichte Geburtenrückgang wahrscheinlich anhalten werde. Dennoch seien solche Prognosen stark fehlerbehaftet. Mayer wies auf einschlägige Irrtümer hin, die die Einwanderung oder die gestiegene Lebenserwartung in der Bundesrepublik unterschätzt hatten. Und schon vor dem Pillen- oder Wendeknick sind historische Schwankungen der Geburtenzahlen belegt.

Gewisser als die Bevölkerungsprognosen erscheint die Voraussage einer weiteren Verlängerung der aktiven Lebensphase und der kognitiven Leistungsfähigkeit der Sachsen und der Deutschen. Verhält sich eine im Durchschnitt älter werdende Bevölkerung auch konservativer, fragte Prof. Mayer rhetorisch? Das Wahlverhalten erwähnte er nicht ausdrücklich, hielt der eigenen Vermutung aber entgegen, dass sich Senioren allein schon durch ihre Kinder und Enkel altruistischer verhalten.

Mayer rechnet aber nicht nur mit schrumpfender Landbevölkerung, sondern auch mit schrumpfenden Kleinstädten, und zwar in Ost und West. Das hat nicht nur auf dem "flachen Land" negative Folgen. Für die begehrten Großstädte heißt eine Kehrseite der Zuwanderung Gentrifizierung, also Ablösung von gewachsenen Milieus in ganzen Stadtteilen durch "Neureiche", wie der Volksmund sagt. Ein Handicap Ost wird wahrscheinlich das unausgewogene Geschlechterverhältnis bleiben, also der Männerüberschuss vor allem in den ländlichen Räumen. Dieses Verhältnis sei heute schon schlechter als am Polarkreis, warf Mayer ein. Es beeinträchtigt zusätzlich die Voraussetzungen, unter denen wieder mehr Kinder geboren werden könnten. Kinderfreudige Eltern möchte übrigens Prof. Patzelt mit einem zusätzlichen Stimmrecht für ihre unmündigen Kinder belohnen und privilegieren.

Wo steht Sachsen in Europa?

Mit Michel-Eric Dufeil beeindruckte ein weiterer Nicht-Sachse mit dem Blick aus dem oft so fernen Brüssel auf den Freistaat. Dufeil ist in der Europäischen Kommission und deren Generaldirektion Regionalpolitik und Stadtentwicklung für Deutschland und die Niederland zuständig. Nur wenige dürften gewusst haben, dass Sachsen aus dem Regionalentwicklungsprogramm EFRE nach Andalusien lange Zeit den zweithöchsten Anteil in Europa bezog. 3,1 Milliarden Euro flossen in den vergangenen sieben Jahren ins Land.

Mit Strukturfonds allein aber sei der "große Tanker" Demografie nicht zu steuern und zu stoppen, räumte der Kommissionsexperte ein. Und der Konvergenzprozess, die Angleichung an die bestentwickelten deutschen und europäischen Regionen, verlangsamt sich nach Beobachtung Dufeils sogar. Nach wie vor sei die Frage offen, was von früherer Industriekultur zurückkehren kann.

Weniger Geld für Sachsen

Klar ist, dass in der 2014 beginnenden neuen EU-Förderperiode Sachsen nominell weniger Fördermittel erhalten wird. Einer der Gründe dafür ist an sich ein erfreulicher, nämlich der immerhin fortschreitende Aufholprozess. Fast schon erwartungsgemäß war der Brüsseler Gast bemüht, darin kein Handicap zu sehen und ein wenig Trost zu spenden. "Mit wenigen Mitteln effizienter sein", lautete sein Motto und seine Empfehlung. Thematische Konzentration auf weniger Förderziele. Diese sollten dann aber auch insbesondere von den lokalen Behörden präziser beschrieben werden.

Was will man im Land bewegen? Bei Themen wie Forschung und Innovation könne Sachsen durchaus mithalten. Dufeil nannte beispielhaft weitere Schlagworte wie Unterstützung von Klein- und Mittelständlern, Senkung von Emissionen, Energieeffizienz, Hochwasserschutz oder nachhaltige Stadtentwicklung. Das letzte Wort in der Abschlussdiskussion der Tagung gehörte auch ihm. "Es geht Europa nicht schlecht", hielt er Pessimisten entgegen. Wir sollten stolz sein und weniger jammern.

Hoffnung und begründeter Optimismus

Ist solcher Optimismus auch in Sachsen angebracht? Werden freundliche Erwartungen auch durch Fakten gestützt? Außer Professor Patzelt wagten sich die Referenten in ihren Schlüssen aus der Zustandsbeschreibung und bei Extrapolationen wenig weit vor. Und wenn, dann mischte sich wie bei Christian Schramm unter die Prognosen auch eine Portion von Luthers "Apfelbäumchen"-Hoffnungsprinzip. "Wir werden kleiner, klüger, kooperativer", postuliert der Oberbürgermeister den 2030-Trend. Die Kommunikation zwischen Verwaltung und Bürgern könnte dann auf elektronischem Wege funktionieren - vom derzeit noch hinkenden Breitbandausbau in den ländlichen Räumen sprach Schramm nicht. Dessen ungeachtet würden aber die Verkehrsverbindungen eine gute Erreichbarkeit der Entwicklungszentren erlauben. Bezeichnenderweise schien der Städtetagspräsident dabei nur an die Straßen zu denken. Zugleich regte er aber eine staatliche Kompensation erhöhter Mobilitätskosten in den entlegenen Gebieten an.

Wer wollen wir sein?

Dass Industrie auch in diesen Räumen zu finden sein werde und Rückgrat der Entwicklung auch dort bleibe, ist wohl eher eine Frage des Glaubens. Zweifellos gilt es aber weiterhin, "das Image des Landes hochzuhalten", um Abwanderung zu stoppen. Das heißt, eben jenes noch am Tage vor dem Weltuntergang zu pflanzende Apfelbäumchen zu gießen. Wie subjektive, mentale Faktoren überhaupt bei dieser Tagung häufig als zukunftsbestimmend genannt wurden. "Die Entwicklung zwingt uns zu veränderter Wahrnehmung des Selbstverständlichen", philosophierte Christian Schramm.

Auch Prof. Mayer sprach von einem erforderlichen Imagewandel, zumal ländliche Räume in Ostdeutschland stärker betroffen sein würden als in Westdeutschland. Mit der Erprobung dezentraler Infrastrukturen könnte der Osten wiederum modellhaft zu einem Experimentierfeld werden. Erschwinglicher Wohnraum könne sogar einen Vorteil für schwach entwickelte Regionen bedeuten.