Die Sachsen packen das

Dr. Bernhard Freiherr von Loeffelholz - ehemals Direktor der Dresdner Bank, Geschäftsführender Vorstand des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft und bis 2009 Präsident des Sächsischen Kultursenats - war mit 79 Jahren ältester Teilnehmer auf der "Tagung Sachsen 2030 - Quo vadis? Wir machen uns Sorgen" am 25. Januar 2013 in Dresden. Die Fragen stellte Michael Bartsch.

Herr von Loeffelholz, was überwiegt beim Ausblick auf das Jahr 2030, Zuversicht oder Skepsis?

Die Zuversicht ist sehr viel stärker. Ich habe in verschiedenen Teilen Deutschlands gelebt und verschiedene Mentalitäten kennengelernt. Aber ich lebe nicht zufällig in Sachsen und konnte hier in den vergangenen 20 Jahren noch viel bewirken, weil mich die Atmosphäre, die Menschen und die ihnen vorausgehende Geschichte sehr anziehen. Das Selbstverständnis der Sachsen stimmt mich zuversichtlich.

Aber die zu erwartenden Rahmenbedingungen sprechen eine andere Sprache.

Zahlen und so weit reichende Prognosen sind mit erheblichen Imponderabilien belastet. Darauf gebe ich nicht so viel. Vor einigen Jahren hat man hier noch Schulen geschlossen. Jetzt halten wir Ausschau, wo wir noch Lehrer herbekommen. Für mich ist Sachsen eine Landschaft, in der die Kultur und der Erfindergeist so stark zu spüren sind, dass es bestimmt noch mehr unternehmerische Menschen hierher ziehen wird. Die Verbindung von Kultur und Wirtschaft hat es hier immer gegeben. Auch mit den Wissenschaftsinstituten haben wir große Chancen. Die Prognosen setzen zu sehr auf Zahlen, zu wenig auf Mentalität und Menschen.

Der "subjektive Faktor", wie es früher hieß, ist also der entscheidende?

Ja, das ist die Kultur: Wofür man sich einsetzt, die Art und Weise, wie man miteinander umgeht und wie man die Dinge angeht, ist entscheidend. Aus langjähriger Tätigkeit in verschiedenen Fördereinrichtungen für Kunst und Kultur habe ich die Erfahrung gewonnen, dass es auf drei Dinge ankommt: Das erste und wichtigste ist die Begeisterung. Die Sachsen tragen diese nicht vor sich her, aber sie ist "drin". Das zweite ist die Kompetenz - der Sinn für Qualität sowie für die Umsetzung der Begeisterung in Realität. In Sachsen gibt es viele Erfinder, deren Leistungen derzeit größtenteils außer Landes wirtschaftlich genutzt werden. Das dritte ist das Geld. Sachsen muss sich bemühen, dass dieses Investoren künftig in größerem Umfang einsetzen, um die Erfindungen hier in Sachsen wirtschaftlich zu nutzen, neue Arbeitsplätze zu schaffen und Erfindungskräfte weiter anzuspornen.

Und doch trat auf dieser Veranstaltung eine Art Gefühlsstau zutage. Manche nutzten die Gelegenheit zu fundamentaler Kritik, die sie sonst so kaum öffentlich aussprechen. Auch Sie, Herr von Loeffelholz, haben schon Fragen nach dem gnadenlosen Wettbewerb gestellt.

Das muss sich ändern. Ich glaube ohnehin, dass sich die gegenwärtige Ausrichtung des Denkens und Wirtschaftens auf kurzfristige Gewinnmaximierung nicht mehr lange durchhalten lässt. Den notwendigen weltweiten Übergang zu einer ökosozialen Marktwirtschaft wird vielleicht erst eine neue Generation bewirken. Ich bin sehr für Marktwirtschaft, aber sie muss einen zumutbaren Ausgleich zwischen Arm und Reich finden und für alle da sein. Es ist ein Irrtum zu glauben, der Mensch strebe nur nach maximalem Gewinn. Was macht er damit? Was nutzt ihm noch so hoher Konsum, wenn er an seinem Arbeitsplatz unglücklich ist, wenn er unter immer stärkerem Druck Vorgaben erfüllen muss, keine eigenen Ideen entwickeln kann, für sein Tun keine menschliche Anerkennung findet?

Es geht um Sinn?

Es geht um Sinn und ursprüngliche Lebensqualität. Darüber sollten sich Menschen wieder klarer werden. Aber auch da bleibe ich Optimist.