Umbruch oder Aufbruch in Tunesien?

Auch wenn diese Ereignisse nur mittelbar Tunesien betrafen, zeigt dies wie fragil die gesellschaftliche Situation im Lande drei Jahre nach der Revolution und des afrikanischen Frühlings ist. So wurden 2013 zwei bekannte oppositionelle Politiker mit derselben Waffe ermordet und erst wenige Tage vor unserer Einreise fielen Polizisten und Soldaten terroristischen Anschlägen an der algerischen und libyschen Grenze zum Opfer. Da wundert man sich nicht, wenn noch immer bewaffnete Polizisten mit Maschinengewehren an Straßenkreuzungen stehen und Plätze, Ministerien und Botschaften in der Hauptstadt durch Stacheldrahtbarrieren und Militär gesichert sind, um wenigstens eine gewisse Sicherheit zu gewährleisten. Dennoch bewegten wir uns sehr frei und ohne Angst im Lande.

Religiöse Toleranz durch die neue Verfassung?

Zwar war die tunesische Bevölkerung froh, dass endlich nach drei Jahren im Januar 2014 eine neue Verfassung mit 200 von 216 abgegebenen Stimmen verabschiedet werden konnte, die beispielhaft für die arabischen Länder werden könnte, aber es war mehr Erleichterung als Freude bei den Gesprächspartnern zu spüren. Denn die verfassunggebende Versammlung hatte sich nach endlosem Streit nur auf Druck der wirtschaftlichen Lage des Landes und den Forderungen des Internationalen Währungsfonds zu einem Kompromiss zusammengerauft, der die Deutungshoheit über die Verfassung noch offen lässt. Kennzeichnend dafür ist der Artikel 6, der zwar Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert, gleichzeitig aber dem Staat die Rolle als "Hüter der Religion" zuweist. Praktisch zeigt sich das schon in der Kleinigkeit, dass Kirchen im Lande keine Glocken haben dürfen und äußerlich an ihren Bauten auf Kreuze verzichten müssen (Ausnahme ist die Kathedrale in Tunis). Obwohl Tunesien trotz islamischer Staatsreligion religiös sehr tolerant erscheint, ist Gleichberechtigung der Religionen noch nicht spürbar, was wohl auch daran liegt, dass 99 % der Tunesier Muslime sind und nur 1 % Juden und Christen. Ein Zeichen für religiöse Toleranz im Lande sollen nach Auskunft unseres Begleiters Marcel die drei Kugeln auf den Minaretten der Moscheen darstellen, die für die drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam stehen. Ob dies eine willkürliche Deutung für uns Deutsche war, kann ich nicht beurteilen.

Ein Riss geht durch das Land

Offensichtlich aber besteht zwischen säkularen und islamistisch-konservativen Kreisen im Lande ein tiefer Graben, der durch gegenseitiges Misstrauen spürbar wird und wenig Dialog-Bereitschaft sehen lässt, wie wir es auch spontan im Kleinen über dem Problemfall "Kopftuchtragen von Frauen" im Diskussionskreis erlebten. Während Islamisten ihren weltlich eingestellten Zeitgenossen "Verwestlichung" und eine Abkehr vom eigenen kulturell-religiösem Erbe vorwerfen, kritisieren die Säkularisten eine verengte und ideologische Optik ihrer Gegner. Der Hauptgrund für diese Kluft dürfte dabei in zwei völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Projekten liegen, denen wiederum diametral entgegengesetzte Weltbilder zugrunde liegen. Auch die Bevölkerung ist durch unterschiedliche Einwanderung von Völkern in der Geschichte bunt gemischt (von Berbern bis Franzosen). Während die Ennahda-Partei unablässig die "arabisch-islamische Identität" der tunesischen Kultur betont, sehen die Säkularisten Tunesien als mittelmeerisches Land mit einer jahrtausendealten, vielschichtigen Identität und beharren zudem auf dem zivilen Charakter des tunesischen Staates. Diese Gruppierung hat sich in der Bewegung (Zusammenschluss von vielen kleinen Parteien) Nidaa Tounes zusammengeschlossen, um bei der Ende des Jahres abzuhaltenden Wahl die Mehrheit zu erringen.

Pragmatismus und Hoffnung

In unseren Gesprächen (Professoren, Studenten, Lehrern, Schülern, Künstlern und Kommunalpolitikern) wurde mir deutlich, dass die meisten sehr pragmatisch denken, leben und handeln und sich nicht mehr nach ideologischen Gesichtspunkten ausrichten. Problematisch sind immer noch die Korruption, die Vetternwirtschaft, die Umweltprobleme und die schwierige wirtschaftliche Lage. So beträgt die Arbeitslosigkeit 18 %, aber allein 38 % der Arbeitslosen sind Akademiker, die im Land keine Anstellung finden trotz guter Ausbildung. So sahen wir vor dem französischen Konsulat in Tunis Schlangen von Menschen, die ein Visum für Frankreich beantragen wollten. Dennoch war bei den Studenten und Schülern, mit denen ich sprach, ein großer Optimismus und Aufbruch zu spüren, der Hoffnung für das Land verheißt. Vielleicht trifft eben nicht nur für Tunesier zu, was der Bürgermeister Sami Ben Taher von Houmt Souk uns sagte: "Das Problem und die Lösung ist der Mensch". An diesem Problem zu arbeiten, ist die bleibende Aufgabe für uns alle!

Der Autor: Dr. Christoph Körner