Wo bleibt der politische Widerstand?

Robert Koall, Chefdramaturg des Staatsschauspiels Dresden beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den gesellschaftspolitischen Spezifika der Stadt Dresden und hat mit uns über sein Denken und Handeln gesprochen. Ein Interview von Lucia Preiss, erschienen im Newsletter 2/2016 der Landeszentrale.

Sie kamen 2009 nach Dresden, ursprünglich aus Köln mit Zwischenstationen in Berlin, Hamburg, Zürich und Hannover - wie haben Sie die Stadt erlebt, als Sie herkamen, was war Ihr erster Eindruck?

Ich kannte Dresden bereits ganz gut, war also mit der Stadt vertraut und habe aber aus der Ferne, ganz ehrlich gesagt, Dresden künstlerisch nicht so sehr wahrgenommen, weil es in der Theaterlandschaft keine Riesenrolle gespielt hat. Man hat es vor allem wahrgenommen durch die Naziaufmärsche am 13. Februar. Ich  habe es damals aus der Ferne nicht verstanden, ich habe auch hier lange gebraucht, um es zu verstehen, warum das ausgerechnet hier so passiert ist. Mein Eindruck von Dresden war tatsächlich von Anfang an einer von einer Stadt, die ein bisschen in demokratischer Schieflage ist.

Demokratische Schieflage – was meinen Sie damit konkret?

Naja, man hat sich schon gefragt: Warum geht das, dass in einer Stadt plötzlich 6.000 bis 8.000 offen rechtsradikale, neofaschistische Menschen am 13. Februar marschieren und wie ist das möglich, dass sich dagegen kein Protest regt? Warum steht da keiner auf der Straße der sagt: „So nicht!“ Oder warum gibt es kein breites politisches Bündnis, das sagt: „Wir verhindern das!“ oder „Wir lassen die irgendwo in den Außenbezirken laufen.“ Wir reden da ja noch nicht über die besorgten Bürger, die sogenannten, sondern wir reden über Neonazis, die aus ganz Europa hierhergekommen sind.

Sie haben in Interviews schon häufiger gesagt, dass Dresden eine politische Haltung fehlt. Aus dem liberalen Köln kommend tun sich da schon ziemlich starke Kontraste auf, oder?

Naja, Köln ist ja schon gerne  ein bisschen besoffen von seiner Liberalität. Wen man sich dann aber die Wahlbeteiligung bei der letzten Bürgermeisterwahl anschaut, oder auch Pro-NRW und diese ganzen Verbindungen, dann belügt sich Köln da offenbar auch oft genug.

Ich bin hier in Dresden oft auf das Phänomen gestoßen, dass fehlender politscher Protest, fehlende politische Haltung damit begründet wurde, dass man argumentierte: „Die bewegen sich doch auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung -  man kann das doch nicht verbieten, wir leben in einer Demokratie, es gibt ein Recht auf freie Meinungsäußerung, also warum soll man sich dagegen äußern? “ Und das hat mich eben verblüfft, weil ich mir immer gedacht habe, dass daraus doch ganz logisch folgt, dass wir dieses Recht auch haben – also warum dazu schweigen? Also warum nicht genauso das Recht wahrnehmen? Warum nicht genauso sagen: „Ich möchte meinen Protest äußern.“

Ich finde, dass die Stadt eine extreme Entwicklungen durchgemacht hat, seitdem Pegida sich zu Wort gemeldet hat. Es gab eine Zeit – den abebbenden Winter 2015 - in der ich das auch atmosphärisch als extrem stark empfunden habe. Diese große Anzahl von Menschen, die sich da Montag für Montag versammelt hat, das hat unsere Arbeit wirklich geprägt. 

Die Semperoper hat irgendwann angefangen, sich auf die Montage einzustellen, weil Musiker und Tänzer, die als „fremdländisch“ zu erkennen waren gesagt haben, sie gehen über den Theaterplatz nicht zur Probe oder zur Vorstellung, weil sie Angst haben. Das können Sie nicht mehr ignorieren und dann legt sich das atmosphärisch natürlich über Ihren Alltag. Ich habe es aber nicht nur am Arbeitsplatz empfunden, sondern auch sonst in der Stadt. Eine Zeit lang empfand ich es so, dass bei jeder sozialen Interaktion gecheckt wird: Pro? Contra? Das war die Gretchenfrage. Wenn Sie im Februar mit einem Taxifahrer gefahren sind und der hat gesagt „Morgen ist ja auch wieder Montag“ dann war erstmal 15 Sekunden Schweigen im Taxi, weil man überlegt hat „Was meint er jetzt?, fordert er mich jetzt heraus? Was antworte ich jetzt?“

Das zermürbt ziemlich. Das war zeitweise sogar der größte Erfolg finde ich – nicht die Anzahl der Teilnehmer, die auf der Demo waren. Sondern der Erfolg war, dass sie in das Stadtklima reingekommen sind. Wie so ein giftiger Dampf, wie so ein Mehltau, der sich drüberlegt und die Atmosphäre vergiftet. So dass alles nur noch in Schuldzuschreibungen verhandelt wurde und ein Dialog nicht mehr möglich war.

Auch hier im Theater, lange noch bevor wir Graf Öderland gemacht haben. Wir hatten zwei Mitarbeiterversammlungen, was wir selten machen. Wir haben unsere Haltung erläutert und dass wir es auch als unseren Auftrag sehen, uns politisch zu positionieren. Das war nötig geworden, weil es viele kritische Stimmen im Haus gab, die gefragt haben „Ist das richtig, was wir hier machen, dürfen wir das?“ Wir sagten dann, dass wir es als unsere Bürgerpflicht erachten, als demokratische Stellungnahme. Da sind sich nicht alle einig gewesen. Es ist schwierig, wenn die Risse nicht nur durch die Stadt sondern auch unmittelbar durch die Kollegien, Freundeskreise und Familien laufen, dann vergiftet das ein Klima.

Ich habe das Gefühl, dass das weniger geworden ist, weil sich alle beruhigt haben und kaum ein Mensch mehr zu Pegida geht. Man hat allerdings so eine Ahnung, dass sie leider trotzdem einiges bewegt und in Bewegung gesetzt haben. Es hat sich deswegen in der Stadt beruhigt, weil das Movens von Pegida sich ja mittlerweile parlamentarisiert hat – als AfD. Viele Leute sagen: „“Wir müssen da nicht mehr hin, denn wir haben ja jetzt Menschen in der politischen Riege, die unsere Stimme vertreten.“ Und die andere Seite, die Seite des ausgebliebenen politischen Protests, engagiert sich ja mittlerweile vielfach in der Flüchtlingshilfe. Deswegen hat es sich so ein bisschen beruhigt – aber nicht im Sinne von „gebessert“, sondern beruhigt im Sinne von „es tut gleichmäßig weh“.  Man hat sich einfach dran gewöhnt - pervers, aber man hat sich einfach daran gewöhnt.

Und mir wird das immer erst wieder klar, wie grotesk die Situation ist, wenn ich das Leuten von außerhalb erzähle und die dann sagen „Es kann doch nicht sein, dass du in deiner eigenen Stadt mitten im innerstädtischen Bereich jede Woche eine no-go-area für dich in Kauf nimmst und sagst „Na gut, dann steige ich halt montags nicht da in die Bahn, dann gehe ich halt zur Altmarktgalerie“ - das stimmt, das ist grotesk, dass man das in der eigenen Stadt hat, völlig grotesk, aber es ist ein Stück Normalität geworden.

Sie haben mehrfach über Clausnitz und Bautzen gesprochen, können Sie nochmal erläutern, was das für Sie verändert hat?  Ist das für Sie was anderes?

Nein, das ist für mich nichts anderes. Das war ja von Vornherein mein Thema: Das wird nicht dabei bleiben, da wird verbal eine Grundierung aufgetragen, auf der sich mehr entwickeln kann - es wird nicht dabei bleiben. Es gibt in der Terrorismusforschung den Tätertyp des „Einsamen Wolfs“, also dem, der empfänglich ist für verdeckte Anweisungen. Es wird also nicht offen zur Gewalt aufgefordert, aber immer wieder wird gesagt: „Es müsste mal einzelne geben, es müsste mal einer kommen, der...“ Immer so eine verdeckte Aufforderung, eine verdeckte Handlungsanweisung  - das habe ich sehr früh bei Pegida so empfunden, dass sehr früh von der Bühne herab Freibriefe gegeben worden sind: „Man muss demokratisch bleiben, aber es ist nur verständlich, wenn...“

Wenn Frau Festerling dann am 9. November sagt, dass sie die deutsche Kriegsschuld für beendet erklärt, dann ist das  einfach grotesk. Und dann gucken Sie auf die Facebookseite wo der Hass völlig unverhohlen durchgegeben wird. Das sind verbale Bedrohungsstrukturen. Wer so redet, veröffentlicht, vom Podium herabspricht, der nimmt zumindest billigend in Kauf, dass Steine geworfen werden oder dass in Brand gesteckt wird.

Glauben Sie, dass es wirklich helfen würde, sich hinzustellen und zu sagen „ihr seid Antidemokraten“? Denn die Menschen glauben das ja wirklich.

Ich glaube, die die jetzt noch im harten Kern von Pegida sind, sind verloren. Wenn Sie auf die zugehen, dann merken Sie, dass es denen nicht um Argumente geht - weder wollen sie welche hören, noch wollen sie welche einbringen, sie wollen einfach nur ihre Meinung bestätigt wissen und Dampf ablassen. Es geht um das gesamte Stadtklima - warum nimmt man es so hin, warum wird es so durchgewunken? Ich verstehe es nicht, warum das hier so abläuft...

Andererseits ist Dresden ist ja nun wirklich eine Kulturstadt. Es hat mich verblüfft, wie wichtig die Kulturinstitutionen hier sind und wie gut sie ins bürgerliche Leben eingebunden sind. Das ist ja das Groteske an Dresden: Es könnte eine so tolle Stadt sein - es ist eine so tolle Stadt - wenn sie ein bisschen den Tellerrand absenken würde.

Alles andere hat die Stadt wie keine andere: ein wahnsinniges Kulturleben, sie liegt mitten in der Natur, sie ist wissenschaftlich ganz weit vorne, es könnte alles super sein, wenn Dresden ein bisschen aus seiner Provinzialität rauskäme, die Türen aufreißen würde. Hier ist immer noch ein bisschen dicke Luft im Kessel. Schade, dass nach der ersten Finanzkrise die ICE-Anbindung nach Berlin gestrichen wurde, die eigentlich geplant war. Das würde viel helfen, Dresden zu öffnen. Oder auch Projekte wie die Bewerbung um die Kulturhauptstadt Europas, denn dadurch wird man ja gezwungen, die Türen aufzureißen und die Welt zu sich einzuladen. Alles was Dresden mit der Welt verbindet hilft: die Verkehrsmittel, der Fußball, die Kultur – auch die Wissenschaft.

Wie sehen Sie als Dramaturg ihre Rolle als politischer Akteur in der Stadt- wie haben Sie da versucht zu wirken?

Wir betrachten unsere Arbeit auch unabhängig von Dresden schon als immer auch politische Arbeit - nicht Kunst um der Kunst willen. Sondern wir möchten gerne bestimmte Dinge mit befördern. Ein Spielplan kommt zu Stande, indem man sagt „Was sind die Themen der Stadt und was sind die Stücke, mit denen wir diese Themen einfangen können?“

Beim ersten Spielplan wollten wir etwas machen, das sich mit dem Faschismus auseinandersetzt und etwas, das vom Aufbruch in die Welt handelt. Beim Faschismus war das „Italienische Nacht“, das sich mit den Vorbedingungen des Faschismus auseinandersetzt, dann „Des Teufels General“ und dann „Sein oder Nicht Sein“ wo dann die Nazis ausgelacht wurden. Das andere war dann, dass wir „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ oder „Peer Gynt“ im Spielplan hatten und weitere, die davon erzählt haben, dass der Mensch sich in der Welt bildet. Das sind alles keine politischen Stücke im Sinne der brechtschen Parabel, wo man sich dann politisch geläutert nach Hause begibt, sondern es sollten Denkanstöße sein.

Was interessant ist an Dresden: Wenn du in deinem Stück von kleinen privaten Sorgen erzählst, dann floppt das Stück. Die Leute wollen was über die Welt erfahren. Das ist, was ich meine mit der gesellschaftlichen Schere in Dresden: einerseits dieses große Interesse an diskursiver Auseinandersetzung in der Kunst und andererseits diese Stille. Manchmal komme ich mir vor, als würden wir künstlerische Ablassbriefe ausgeben: „Ich war letztens im Theater und habe mir ein sehr politisches Stück angesehen, jetzt muss ich nicht zur Wahl gehen oder montags diesen Leuten entgegentreten“. Das ist, glaube ich, so eine Dresdner Spezialität - das Politische im Stillen zu tun und sich nicht deutlich zu positionieren.

Sie gehen jetzt nach Düsseldorf. Wie hat Dresden Sie geprägt?

Dresden hat mich dann doch sehr stark geprägt. Ich habe angefangen, bestimmte Ostblicke besser zu verstehen. Ich habe vorher unterschätzt, welche Rolle biographische Brüche spielen - ich hatte erwartet 25 Jahre nach dem Fall der Mauer nicht mehr so viele offene Wunden vorzufinden, das hat mich erstaunt.

Wenn ich andererseits im Westen bin, kommt in mir so ein kleiner Neigungs-Ossi auf. Neulich war ich in Heidelberg auf einem Podium und sollte erklären, warum in Sachsen denn nur Nazis leben und was das für ein komischer Zoo ist. Da bekomme ich inzwischen Lust zu sagen: „Ach, und in Baden-Württemberg hat ja keiner AfD gewählt. Die Oberbürgermeisterin von Köln wurde fast von einem Nazi getötet und das war in NRW.“ Man kommt in so eine komische Verteidigungshaltung rein und das wäre mir vorher nicht passiert.

Meine Tochter ist hier geboren und meine Großeltern haben hier gelebt. Ich habe schon das Gefühl, dass ich mich mit Dresden mehr verbindet als mit anderen Arbeitsstationen. Ich nehme als Auftrag mit, ein bisschen Vermittlungsarbeit zu leisten zwischen Ost und West, denn die Gräben sind wirklich noch riesig, da wirklich viel auf Unkenntnis und Missverständnissen beruht. Damit das aufhört, dass die Ex-DDR und speziell Sachsen immer am Nasenring durch die Manege geführt werden und damit von gesamtdeutschen Problemen abgelenkt wird.

Das andere ist, dass ich gesehen habe, wie viel für ein Stadttheater als Akteur in der Gesellschaft möglich ist und das finde ich toll - ich hoffe, dass das in Düsseldorf ähnlich anwendbar wird.