Spießer am Badestrand erschrecken

Es ist erstaunlich, wie viel Interesse und wie viel Beachtung dem Thema „Punk in der DDR“ entgegengebracht wird. Mittlerweile ist über dieses Thema schon ausgiebig berichtet, geschrieben, gefilmt und gesprochen worden. Zahlreiche Bücher, Aufsätze, Diplomarbeiten sind erschienen, es gibt Dokumentarfilme und Geschichten die in Spielfilmen umgesetzt worden sind. Von der BStU gibt es sogar Unterrichtsmaterial zum Thema. Punkrock in der DDR ist für die Schulen historisch und didaktisch aufgearbeitet worden. Ein persönlicher, ganz undidaktischer Blick auf das Thema vom Bernd Stracke. Erschienen im Newsletter 2/2015 der Landeszentrale.

Wenn ich heute über das Thema Punkrock schreibe und erneut darüber nachdenke, muss ich mir immer wieder verdeutlichen, wie kurz eigentlich die Zeit war, über die ich tatsächlich berichten kann. Anfang der achtziger Jahre schwappte das Thema Punk, über West-Fernsehen West-Radio in den ahnungslosen Osten. In Leipzig erfuhren wir natürlich auch über Messebesucher und über Verwandtenbesuch so Einiges, immer wieder kleine Facetten und neue Versatzstücke. Puzzlestück für Puzzlestück bauten wir in der DDR unser eigenes Bild der Sub- und Jugendkultur rund um Punk. Was die offiziellen Presseorgane der DDR dazugeschrieben haben, es gab Beiträge in der Jungen Welt und dem Neuen Leben hat uns nur wenig interessiert.

Ein neues Lebensgefühl

Wir konnten uns nicht nur von den offiziellen, gleichgeschalteten DDR Jugendorganisationen emanzipieren, sondern auch von den Jugendkulturen die vor uns in der Opposition waren und die Anfang der Achtziger auch schon wieder einen Mainstream darstellten. Lange Haare, Hippiestyle, Blues, Kirche und Schwerter zu Pflugscharen waren überall gegenwärtig und stellten Anfang der achtziger nur noch in der Provinz der DDR eine Provokation dar. Da kam uns der Punkrock gelegen, neu, frech, provokant, kreativ und wesentlich aggressiver als die Hippiekultur bisher.

Aber was jetzt entstand war neu, war nicht vom großen Bruder abgeschaut, wir mussten uns Tag für Tag neu entdecken und weiterentwickeln. Jeden Tag etwas Neues, das förderten unsere Kreativität und unsere Phantasie. Von daher war es tatsächlich eine kleine, eigene Kultur. Auch wenn die ersten Ansätze angeregt waren von der Punkbewegung in England und Westdeutschland, entwickelten wir in der DDR unter dem Vorzeichen der SED und ihren konformen Jugendorganisationen einen ganz eigenen Charakter.

Anregung und Unterstützung

In den DDR Städten, in denen die Punkbewegung eine selbstständische Entwicklung nahm, trafen die Protagonisten schnell auf Interesse anderer Menschen in ihrem Umfeld. Da waren vor allem die evangelischen Kirchen, in deren Gemeinden es vielen Punks möglich war sich zu treffen und Musik zu machen. Von Anfang an waren auch viele Künstler an dieser jungen Bewegung interessiert, da waren Maler, Schriftsteller und Dichter. So kam es, dass sich die New Wave- und Punkszene in vielen Städten mit der Kunstszene überkreuzte und sich gegenseitig anregte und unterstützte. So konnten Punkrockkonzerte nicht nur in den geschützten Räumen der Kirche stattfinden, sondern auch bei Ausstellungseröffnungen oder festlichen Veranstaltungen in den Kunsthochschulen zum Beispiel in Dresden, Leipzig und Berlin.

Nachdem sich die ersten Jugendlichen gefunden hatten, die sich zum Umfeld Punk zugehörig fühlten, auch wenn sie teilweise sehr unterschiedliche Auffassungen davon hatten, formierten sich sehr schnell Cliquen und in deren Umfeld die ersten Bands. Welche der Bands nun die ersten waren, vermag ich nicht zu sagen. 1983/84 kursierten Bandnamen wie Schleimkeim aus Erfurt, Planlos und Namenlos aus Berlin, Wutanfall und später L`Attentat aus Leipzig, Paranoia aus Dresden um nur einige zu nennen. Es gab weitaus mehr Bands, in Halle, in Magdeburg und auch in Potsdam. In einigen Punkrockbands wie Rosa-Extra oder Zwitschermaschine waren die Musiker selber in der Kunstszene unterwegs, sie waren selber Künstler oder organisierten Ausstellungen.

Chefsache

Diese neue Entwicklung in der Jugendkultur blieb den Staatsorganen natürlich nicht verborgen. Stasi- Chef Erich Mielke hat sich persönlich den neuen Jugendkulturen angenommen, sie als Gefahr für den Sozialismus erkannt, als westlich gesteuerte, als dekadente Entwicklung wahrgenommen, die es zu unterbinden und zu verbieten galt.

Anfang der achtziger Jahre war nicht daran zu denken, dass Punk-Bands eine offizielle Anerkennung in der DDR bekommen. Bands die in der DDR offiziell auftreten wollten, mussten den Anforderungen der sozialistischen Kulturpolitik entsprechen. Um dies kontrollieren und einschätzen zu können, gab es die sogenannten „Einstufungen“. Diese Einstufungen konnte man bekommen, indem man offiziell vor einer SED-Kulturkommission vorspielte. Diese entschied dann nach politischen und musikalischen Kriterien, ob die Band innerhalb der DDR offiziell auftreten durfte oder nicht. Zu Beginn waren die meisten der neu entstehenden Bands überhaupt nicht an einer solchen Einstufung interessiert, denn Versuche vor der Kommission zu bestehen, scheiterten in der Regel und führten zum vollständigen Verbot. Erst in den späten Achtzigern erkannte die SED-Regierung, dass sie dieser Entwicklung, der massenhaften Entstehung neuer Bands, nur Herr werden konnte, wenn sie einen Teil zuließ und so den politischen Druck abbaute.

Es ging um Emanzipation

Zu Beginn der Punkbewegung in der DDR war diese keinesfalls so politisch, wie sie heute über die Medien und in der Aufarbeitung wahrgenommen wird. Natürlich waren die meisten Freunde von mir, wie auch ich, bestrebt uns von der grauen Masse abzuheben, uns von Eltern und staatlicher Politik zu emanzipieren, aber auch der grauen Gesellschaft einen Spiegel entgegenzuhalten und zu provozieren.

Dies war verbunden mit sehr viel Freude und Spaß, jedenfalls am Anfang dieser Entwicklung. Wir hatten sehr viel Freude daran uns im Proberaum zu treffen, Bier aus dem Spätverkauf zu holen, die neueste Musik auszutauschen, unsere Jacken zu bemalen, Badges und Nieten selber herzustellen. Manche Zimmer von Freunden glichen kleinen Manufakturen. Genauso kreativ wurden Kabel für die Musikinstrumente zusammengelötet, für Gitarre und Bass in Eigenbau Verzerrer hergestellt und aus Röhrenradios wurden Verstärker. Wir trafen uns auch mit befreundeten Cliquen aus Thüringen oder Berlin, einfach nur um miteinander Fußball zu spielen oder Spießer am Badestrand zu erschrecken.

Politisiert durch Unterdrückung und Überwachung

Natürlich waren wir nicht unpolitisch, viele von uns hielten sich damals und manche bis heute für Anarchisten und Pazifisten. Wir haben wahrgenommen, welche Entwicklungen Anfang der Achtziger in Polen stattfanden und wir hatten Freunde in Tschechien und Ungarn. Wir suchten auch die Kontakte ins westliche Europa und nach Amerika. Aber es stand nicht auf unserer Agenda organisiert und strukturiert gegen die DDR bzw. SED Diktatur vorzugehen. Dass viele von uns später ausgesprochen radikale Gegner dieses Systems geworden sind, liegt vor allem an der Art und Weise wie die SED, ihre Stasi und Polizei gegen uns vorgegangen sind. Die meisten von uns wurden politisiert durch die offene Unterdrückung, Überwachung, die Zersetzungsmaßnahmen der Staatssicherheit und damit einhergehend die Zerstörung des gesellschaftlichen und persönlichen Umfeldes des Einzelnen.

Die alten Herrn verloren den Überblick

Gerade in den Bands der 1. Generation, spiegelte sich diese Entwicklung wieder. Musiker wurden festgenommen wegen „Herabwürdigung der sozialistischen Ordnung“ wegen „Zusammenrottung“ oder wegen sogenannter „Nachrichtenübermittlung in das nichtsozialistische Ausland“. Erst jetzt wurden die Texte unsererseits politisch, kompromisslos und klar. Wir wurden zu den politischen Gegnern, als die uns die SED Funktionären schon vorher beschrieben. Viele Mitstreiter wurden ins Gefängnis gesteckt, andere zur Armee einberufen, einige wurden nach Ausreiseanträgen in den Westen entlassen und manche sind aus Angst aus der Szene ausgestiegen. Auf diese Art und Weise wurde der Punk in der DDR Mitte der Achtziger als Phänomen fast vollständig zersetzt.

Aber die Entwicklung ging weiter, mittlerweile gab es neben Heavy Metals, Punks, New Romantics, die ersten Skinheads, in den Leipziger Einkaufspassagen wurde Breakdance getanzt und Skateboarder riskierten ihre Gesundheit auf den Marktplätzen. Die Jugendkulturen wurden immer vielfältiger und selbstbewusster und die alten Herrn in der SED-Regierung verloren langsam den Überblick. Dies führte in der zweiten Hälfte der Achtziger zu einem Strategiewechsel und es wurde wesentlich mehr zugelassen als zu Beginn.

Wir wussten was uns stört

Wenn ich selbst über die Zeit schreibe, schreibe ich als zweiter Sänger der Band Wutanfall, vor allem aber als Sänger der Band L‘Attentat in Leipzig. Ich beschreibe meine Jugend vom 19. bis zum 22. Lebensjahr. Ein Zeitfenster von drei Jahren in denen ich mich selbst extrem verändert habe, ich aber auch die Entwicklung in meinem Umfeld in einer rasenden Entwicklung wahrgenommen habe.

Es war nicht dran zu denken, dass diese kurze Zeit der Unangepasstheit und jugendliche Rebellion 30 Jahre später noch einmal solche Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Auch wenn viele von uns in ihrer persönlichen Entwicklung durch die SED-Diktatur gestört wurden, auch wenn viele von uns im Gefängnis waren oder abgeschoben worden sind, so begreifen wir uns doch auch im Nachgang nicht als Opfer. Wir haben auch damals schon die Ungerechtigkeit und Bevormundung in der DDR wahrgenommen, wir haben die Lügen nicht nur erkannt, sondern in unseren Texten thematisiert. Wir waren anfangs nicht viele und wir waren in unseren Charakteren schon gar nicht homogen. Die wenigsten von uns waren intellektuell oder hatten politische Ambitionen, aber wir wussten, was uns stört und wovon wir die Schnauze voll hatten. Wir haben es geschafft, zumindest in großen Teilen der Szene uns unsere kleine Freiheit zu bewahren.

Bernd Stracke

Dr. Paul Kaiser, TU Dresden. Foto: Andreas Kämper
(Foto: Tobias Strahl)

• 1963 geboren in Leipzig

• Sänger in den Bands WUTANFALL, H.A.U. und L´Attentat

• 1986 nach politischer Haft Übersiedlung in den Westen

• Abitur und Studium Geschichte und Kunstgeschichte

• 1993 Rückkehr nach Sachsen

• Auseinandersetzung mit rechtsextremen Subkulturen und Strukturen in Ostsachsen

• 1998 Projektleiter Jugendsozialarbeit im Begegnungszentrum im Dreieck e.V. Großhennersdorf

• 2000 Mitbegründer der Initiative AUGEN AUF Zivilcourage zeigen im Landkreis Löbau-Zittau

• seit 2002 Civitas Netzwerkstelle Löbau–Zittau

• 2005-2009 Stadtrat für die Bürgerliste in Löbau

• 2005 Gründung der Rugbymannschaft „Buntspechte"

• seit 2007 externer Koordinator für den Lokalen Aktionsplan Löbau-Zittau, des Bundesprogramms VIELFALT TUT GUT

• Mitglied im Jugendhilfeausschuss Landkreis Löbau Zittau

• Mitglied im Kriminalpräventiven Rat

• 2012-2014 GF Hillersche Villa gGmbH Soziokultur im Dreiländereck

• 2014 Vorstandvorsitzender des Bürgerliste Löbau e.V.

• ab 2015 sachsenweite Kommunale Beratung gegen Extremismus bei dem Aktion Zivilcourage e.V.