Reisen, Flucht. Innen, wie Außen

Manche sehen in Dresden die deutsche Großstadt mit dem höchsten Tellerrand. Von innen gesehen kann dieser schützen und begrenzen. Von außen bietet sich ein ganz anderer, manchmal befruchtender, manchmal klärender Blick. Katrin Süss lebt als Künstlerin in Dresden und bereist zu Studienaufenthalten oder Ausstellungen die Welt. Seit Herbst 2014 gewinnt sie einen neuen Blick auf ihre Stadt und ihre Arbeit. Ein Beitrag von Katrin Süss. Erschienen im Newsletter 1/2016 der Landeszentrale.

In Dresden sitzend, bin ich fast hilflos in Anbetracht der jetzigen gesellschaftlichen Entwicklung. Wo bleibt der Dialog, wo bleiben die demokratischen Mittel, wenn Hatz und Hetze uns erobern? An welchen Werten können wir uns orientieren? Wie gehen wir mit unserer Angst um? Was bedeutet uns Zivilcourage? Wo bleibt unsere Erinnerung?

„Jedem das Seine.”

Der Architekt Franz Ehrlich, ehemaliger Schüler des 1933 geschlossenen, von den Nazis verfemten Bauhauses, gestaltet und schmiedet als Häftling im Konzentrationslager Buchenwald den Schriftzug „Jedem das Seine“ in klassischer Bauhausschrift für das große Eisentor des Lagers. Verbotenes aus Stahl in das große Tor des Lagers. So etwas erscheint ganz unauffällig und nebensächlich zu sein. Aber angesichts des täglichen Todesblicks der 266.000 inhaftierten Menschen von 1937 bis 1945 im Arbeitslager war es mutig.

Als ein Beispiel für meine Motivation sehe ich das Werk César Manriques. Er brachte Politik und Gesellschaft, Kunst, Architektur, Design, Globalisierung und das Leben mit Natur und Naturgewalten in einen schlüssigen universellen Zusammenhang.

Mein Projekt „Transformed Circles – Círculos Transformados” holt sein richtungsweisendes Werk in unser Leben zurück. Am Jahrestag der Bombardierung Dresdens eröffnete ich hier in der Stadt am 13. Februar 2015 im „Raskolnikow“ meine Hommage an ihn und sein Denken. Im April 2015 war mein Projekt Teil eines Kongresses anlässlich César Manriques Geburtstages auf Lanzarote in Haria, seinem letzten Wohnort. 2016 wird die Ausstellung ab dem 11. September 2016 in der Galerie „Salomon Art“ in New York gastieren.

Themen vom „Rand Europas“

Die mit dem Kongress auf Lanzarote verfolgten Absichten sind von universeller Bedeutung. Mein Anliegen ist es, die aufgeworfenen Themen vom „Rand Europas“ ins Zentrum holen.

Die Gedanken von Manrique sind nicht auf Lanzarote begrenzt, sondern können Beispiel sein für das große Ganze unserer Welt. Die Insel ist Teil von Europa, geografisch fern und doch Teil von uns, konfrontiert von Menschenströmen, den jährlich zwei Millionen Touristen und zunehmend Flüchtlingen.

Ziele für das Kunstprojekt

Das für mich Beeindruckende war sein Wille und die Fähigkeit, über Netzwerke mit Persönlichkeiten in aller Welt, seine Kunst in landschaftsbezogener urbarer Architektur zu realisieren – auch gegen massive Widerstände. Als Dresdner Künstlerin, mit besonderem Fokus für Kunst im öffentlichen Raum, nahm ich dieses besondere Tun auf dieser Insel Lanzarote wahr. Meine ausstellungsbegleitende Publikation, eine Ausgabe des Manifestes im Hosentaschenformat A7 in Spanisch, Englisch und Deutsch soll der Erinnerung nachhelfen; Radierungen begleiten den Text. Ein Kalender mit Fotos von Lanzarote und Texten zum Manifest von César Manrique wirbt für das Projekt, wie verschiedene Installationen in Stahlguss und Papier.

Manrique kann Vorbild sein.

Auch was weit weg erscheint, passiert auf und mit unserer Erde und betrifft damit uns alle. Wir Künstler haben die Aufgabe, mit unserem Mitteln auf Veränderungen und Missstände in der Gesellschaft hinzuweisen. Es gilt viele Menschen mit einzubeziehen, und Ideen nicht nur zu entwickeln, sondern auch umzusetzen.

Zerstörung, Flucht und Neubeginn

2009 kam ich durch ein EU-Stipendium erstmals auf die kanarische Insel und bis heute lassen mich dortige aktuelle Themen, wie die Genehmigung von 2012 zur Errichtung der Bohrinseln vor Lanzarote, nicht in Ruhe. Wir alle leben gemeinsam auf diesem Planeten und haben Verantwortung für alles, was darauf passiert.

1730 bis 1736 löschten Vulkanausbrüche dort alles Leben und die alte Kultur aus. Menschen flüchteten nach Europa, Amerika, Afrika. In jeder Zerstörung lebt ein Neubeginn. Menschen kamen zurück. Einige blieben und versuchten auf neuer Erdoberfläche, neues Leben zu schaffen.

Menschen flüchten heute weltweit, aber aus anderen Gründen. Jährlich kommen mehr als 30.000 Menschen mit Booten aus Afrika nach Lanzarote und die anderen Kanarischen Inseln. Das ist ein viertel Prozent der zwölf Millionen Touristen die jährlich auf die Kanarischen Inseln strömen, um die Strände, die Natur, das Klima sowie die Kultur und Gastfreundlichkeit der Bevölkerung zu genießen. Ein Drittel kommt aus Großbritannien, jeder Fünfte vom spanischen Festland oder aus Deutschland. Die einen haben Geld, die andern ihr Leben gerettet. Welche Wertigkeit sprechen wir diesen beiden Menschengruppen zu?

Veränderung ist möglich

Manrique kehrte 1968 nach vierjährigem Aufenthalt in New York nach Lanzarote zurück und entschloss sich, seine Heimatinsel in einen der schönsten Plätze der Welt zu verwandeln. Er nahm als renommierter Künstler besonders auch politisch Einfluss auf die Entwicklung und Gestaltung der Insel. Heute ist die Insel ein geschütztes Naturreservat.

Sicher ist das nicht überall umzusetzen.

Aber die Aussagen seines Manifestes sollten überall gelten.

Viele Jahre arbeite ich für das Theater. Uns so schließe ich natürlich mit einem Zitat von Berthold Brecht: „Diktaturen verschleiern stets den ökonomischen Charakter der Gewalt und die Demokratien stets den Gewaltcharakter der Ökonomie“.

Katrin Süss

Katrin Süss

1993 Tagebuchblätter-Tuschezeichnungen

1994 erste Kreis-Objekte mit Wellpappe und Japanpapier

1996–1998 Studium am Institut für Interdisziplinäre Kunsttherapie, Hamburg

1999 erste plastische Arbeiten, Keramik, später Zinkdraht mit Japanpapier

2007 erste Radierungen auf CDs

Studienaufenthalt: London, New York City, Haria/Lanzarote, Malta, Krim und Kreta

Lehraufträge: Hochschule für Wirtschaft und Technik Berlin, Semperschulen Dresden, Fachhochschule Salzburg und Kunstschule Mattsee 

www.katrinsuess.com