MusikTheater politisch machen

Ein Beitrag von Michael Heinicke. Erschienen im Newsletter 3/2013 der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.

Die Begriffe „Politische Kunst“, „Politischer Künstler“ werden heute sehr oft benutzt, leider oft falsch oder missverstanden. Ich bin kein politischer Künstler, mache mit meinen Inszenierungen keine politische Kunst. Aber eine Inszenierung politisch zu machen und damit zu fragen: Was will ich? Wo stehe ich? Wo steht mein Publikum? Was will es? - das war für mich seit Beginn meiner Tätigkeit als Regisseur für Musiktheater ein bestimmender und prägender Aspekt bei der Erarbeitung der Konzeption eines Werkes und deren künstlerischen Umsetzung auf die Bühne.

Dieser Aspekt ist keine Erfindung von mir, sondern von Jean-Luc Godard, einem der einflussreichsten französischen Filmregisseure, der es für mich auf den Punkt brachte, als er formulierte: „Es geht darum, Filme politisch zu machen, es geht nicht darum, politische Filme zu machen!“

Orpheus in Bautzen

Ich hatte nie die Absicht, mit meinen Inszenierungen das jeweilige Werk zu politisieren. Eine Ausnahme gab es jedoch: „Orpheus in der Unterwelt“ von Jacques Offenbach am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen im Frühjahr 1989. Da strebte ich eine karikierende Widerspiegelung der politischen Situation in der DDR an, indem ich z.B. die Figuren Jupiter (den Beherrscher des Olymp) und seine Gattin Juno in eindeutigen Bezug zum Honecker- Ehepaar setzte, die Götterversammlung auf dem Olymp als Sitzung des ZK der SED postulierte oder die Reise in die „Unterwelt“ als privilegierte DienstAusreise in den Westen interpretierte. Die ganze Aufführung war gespickt mit Anspielungen auf die herrschende Realität. Ich hatte das Werk entsprechend aufbereitet. Das Publikum tobte und - etwas anders - auch die Politniks ... Einen Monat nach dem Mauerfall blieben die Zuschauer weg – die Thematik hatte sich erledigt. Ich erlebte die Kurzlebigkeit widerspiegelter Realität ...

Die Autoren Halévy und Offenbach schufen selbstverständlich die Voraussetzung für eine solche Lesart, indem sie die griechische Sage von Orpheus und Eurydike persiflierten. Die feine Pariser Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts konnte sich in den Figuren wieder erkennen und lachte über sich selbst – die griechische Mythologie war in diesen Kreisen ein beliebtes Gesprächsthema. Aber die Autoren haben auch ein Kunst- Werk geschaffen, welches weit über einen konkreten Zeitgeist hinauswies und sich dadurch seit über 150 Jahren auf den Bühnen der Welt gehalten hat. Kein Regisseur wird daran vorbeikommen, dieses exzellent dafür geeignete Werk politisch zu betrachten. Die Frage ist nur, mit welchem Ziel und zu welcher Zeit er das tut.

Bei aller Kritik positiv

Bis auf den Orpheus war und ist Kunst für mich niemals nur Reaktion auf Gegenwart oder bloße Kritik. Das bedeutet nicht, unkritisch zu sein oder keine Kritik zu üben. Es geht darum, trotz schärfster Kritik positiv zu sein; es geht darum, sich die Leidenschaft, die Hoffnung, ja das Träumen nicht absprechen zu lassen. Kunst politisch machen, heißt für mich, Position zu beziehen, Bekenntnis abzulegen, dem Werk - welches ich reproduziere, indem ich Noten und Text der Partitur „lebendig mache“ - meine Form zu geben aus ihm heraus, ihm damit unverwechselbar Gestalt verleihend.

Mit der Inszenierung eines KunstWerkes erschaffe ich also etwas „Altes“ NEU. Ich werde zum Neu-Schöpfer. Ich kann das jedoch nur, wenn ich mich positiv zur Wirklichkeit verhalte, selbst der unangenehmsten. Wenn ich dagegen das Kunstwerk nur analysiere und konzipiere, um dem Zuschauer klar zu machen, wie furchtbar, wie böse, wie verlogen die uns umgebende Welt ist und dass dies zur wichtigsten Aussage des Werkes wird; wenn diese Aussage-Idee trotz differenzierter Ambiguität von Musik und Text zur „eindeutigen Idee“ zurechtgezwungen wird; wenn das Positive dem Negativen um dieser Aussage willen geopfert wird, weil es das Positive (angeblich) nicht gibt, dann miss- brauche, vergewaltige, zerstöre ich den Kunstwert des Werkes, degradiere es zur Krücke meiner „Idee“.

Von nahen Missbrauch

Rein politisch betrachtet, könnte man meinen, dass solche Aussagen die einzig verbleibenden, weil der Realität entsprechenden seien, hervorgerufen durch verzweifelte Wut, Ohnmacht, Resignation ... wie bei meinem Orpheus von 1989. Wenn aber Regisseure mit Richard Wagners „Meistersingern“ oder dem „Ring des Nibelungen“ nur ein Ziel verfolgen, zum Beispiel Wagners Judenhass, auch in seinem Werk „nachzuweisen“ und deshalb nicht nur die Figuren „Beckmesser“ und „Mime“ als Judenkarikaturen auf dem „Altar eines Wagner-Hassers“ zu opfern bereit sind, sondern gleich noch mit allen an- deren Werken dessen „Vergangenheitsbewältigung“ negativ zu forcieren und z.B. den Holocaust als Wagner‘sche Phantasmagorie zu behaupten, dann betreiben sie die Destruktion eines KunstWerkes mit vulgärmaterialistischen Mitteln, dann politisierten sie KunstWerke missbräuchlich.

Es geht mir niemals darum, das Negative auszuschalten oder zu verdrängen, sondern durch Dialektik zu neuen Erkenntnissen und Empfindungen zu gelangen. Wenn ich das Musical Anatevka politisch betrachte, fällt sofort ins Auge, dass die Vertreibung der Juden aus Russland Anfang des 20. Jahrhunderts eine wichtige Kernaussage ist. Noch stärker tritt dieses Thema in der Romanvorlage für das Musical, Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“, hervor. Ich kann diesen politischen Aspekt nun zum bestimmenden, alles beeinflussenden Mittel der Erzählweise, der Inszenierung des Werkes deklarieren. Das wäre grundsätzlich nicht falsch, würde aber die Vielschichtigkeit der Handlung reduzieren oder sogar – wenn man entsprechende Passagen verändert, kürzt oder streicht – negieren. Ich würde dann das KunstWerk meiner Idee unterordnen, es für diese „bearbeiten“, mir passend machen zur Befriedung eigener Befindlichkeiten.

Weil es um die menschliche Gemeinschaft geht 

Versuche ich jedoch, mich den Intentionen der Autoren zu nähern, mir diese auf gewisse Weise anzueignen, stelle ich sehr schnell fest, dass der politische Handlungsstrang zwar sehr wichtig, aber im Gesamtgefüge nur ein Teilaspekt ist. Viel entscheidender ist, wie der Milchmann Tewje seine persönlichen Probleme meistert, wie er mit Konflikten umgeht, die seine Weltanschauung, seine Familie, seine Existenz auf den Prüfstand stellen, wie er sich mit (jüdischen) Traditionen auseinandersetzt.

Und plötzlich resümiere ich, dass das Stück gar nicht so jüdisch ist, dass die Verhaltensweisen der Menschen in Anatevka, diesem Städtchen in der Ukraine im Jahre 1905, nicht nur jüdisch geprägte Charaktere, sondern vor allem Menschen sind, Menschen in einer Gemeinschaft (nicht Gesellschaft!), die Freud und Leid miteinander teilen, die am Ende auseinander gerissen, vertrieben, zerstreut werden, deren gemeinschaftlicher Geist aber trotzdem unzerstörbar bleibt.

Und da bekommt, ohne Aktualisierung, ohne Verwerfungen, ohne Verletzungen, dieses KunstWerk eine wirkliche politische Dimension, weil es nicht allein um politische Vorgänge, sondern vor allem um die menschliche Gemeinschaft geht – damals und heute. 

Michael Heinicke ist Direktor für künstlerische Planung am Theater in Chemnitz. Er wirkte als Gastregisseur u.a. in Bonn, Ottawa, Dresden, Berlin, in Washington, D.C., bei den Salzburger Festspielen, in Istanbul, Brüssel, Köln und Otsu/ Japan. Heinicke ist Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste, Mitglied des Sächsischen Kultursenats und Dozent an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden.