Musik ist politisch

Ein Beitrag von Prof. Dr. phil. Eckart Haupt. Erschienen im Newsletter 2/2013 der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.

Künstler bin ich, Musiker und auch Musikwissenschaftler, und ich zeichne und male im semiprofessionellen Bereich. Kunst ist – sofern sie nicht für den eigenen Gebrauch gemacht wird – immer öffentlich und funktionell noch dazu. Insofern ist jede Musik politisch. Da ich die meiste Zeit meines Lebens Musik gemacht habe, will ich von der Musik schreiben.

Es gibt Kunstmusik und Gebrauchsmusik

Zur Kunstmusik zählt Profan- und Sakral-Musik, zur Gebrauchsmusik etwa Marsch- oder Militärmusik. Jede Musik, auch die für den privaten Gebrauch geschriebene, enthält das Fühlen des Menschen, der in einer bestimmten Zeit lebt. In dieser Musik schwingt der Zeitgeschmack mit, kann man auch Musik-Moden entdecken. Musik, der ein öffentliches Interesse zugrunde liegt, muss den Wünschen des Auftraggebers gerecht werden. Das kann Geburtstags- oder Huldigungsmusik sein, oder auch Musik, die einem Fürsten gewidmet wird, wie wir das etwa von Johann Sebastian Bach kennen, der einen großen Teil seines Lebens in Leipzig verbrachte und auch zum Sächsischen Hof gute Beziehungen hatte. Auftragsmusik gab es zu allen Zeiten. Sie brachte dem Komponisten Geld, Anerkennung und wieder neue Aufträge. Es sprach sich herum, wenn ein Komponist just in time und in hoher Qualität komponieren konnte. Bach und Mozart sind typische Beispiele. Es kam vor, daß ein Komponist – quasi von Anfang an – einen Lebensplan im Kopfe hatte, und er wusste, in welcher Reihenfolge er welche Kompositionen schrieb, ohne erst einmal daran zu denken, wo seine Werke aufgeführt werden: Richard Wagner.

Wagner, Feuerbach und Marx

Wagner schrieb seine Werke aus innerem Antrieb, er war dem Geschmack seiner Zeit weit voraus und niemand interessierte sich für seine Werke. Da bedurfte es einflussreicher Gönner oder Vermittler, ehe Wagner seine ersten drei großen Opern in Dresden an der Königlichen Oper aufführen durfte. Kaum hatte Wagner sich in Dresden etabliert, war er mit den Verhältnissen in der Gesellschaft nicht mehr zufrieden, opponierte gegen die königliche Ordnung, verbündete sich mit revolutionär gesonnenen Zeitgenossen, entging nur knapp der Verhaftung und wurde steckbrieflich gesucht. Seine vierte Oper Lohengrin musste er von seinem Freunde Franz Liszt in Weimar aufführen lassen.

Wagner konnte seine politischen Ideen – er war gedanklich gar nicht weit von Feuerbach und damit von Karl Marx entfernt – in der Gesellschaft nicht verwirklichen. Deshalb flüchtete er in seinen Dresdner Opern, ganz besonders im Lohengrin, in eine Traumwelt, in der die menschliche Welt durch überirdische Kraft gerettet werden sollte.

Leichte Muse für die Genossen

Auch in unserem Jahrhundert nahmen die Verhältnisse - dieses Mal aber Politiker - auf ihre Komponisten Einfluss. Prominentes Beispiel: Die Sowjetunion in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Komponisten wie Prokofjew oder Schostakowitsch schrieb die Partei- und Staatsführung vor, daß sie nur recht verständlich komponieren sollten. Deren Kunst wurde benutzt, um das politische System – oder die Idee davon – zu verherrlichen.

Ich selber habe in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in Dresden und Leipzig studiert und war gezwungen, auch neue Musik zu spielen, die gewünscht war. Aber es gab Auflagen, welcher Kompositionstechniken sich die Komponisten bedienen sollten. Man stelle sich vor, ein Dichter soll dichten und man verwehrt ihm, in komplizierteren Satzkonstruktionen zu schreiben. Glücklicherweise gab es eine Reihe von Komponisten, die im Osten trotz der Restriktionen hervorragende Musik schrieben. Ich denke an „Peter und der Wolf“ von Prokofjew oder an die 5. Sinfonie von Schostakowitsch. Schwerer hatten es in der Diktatur die Dichter und die Maler: Die konnte man gedanklich festlegen. Die DDR-Komponisten und wir Interpreten erarbeiteten Werke, die ideologisch nicht eindeutig eingeordnet werden konnten. Da gab es eine Reihe mutiger Komponisten, die bis an die Grenzen des Erlaubten gingen. Manchmal überschritten sie auch Grenzen, ohne daß es die Kulturbürokraten merkten – oder absichtlich nicht merken wollten. Das gab es auch.

Ohne Kunstunterricht geht es nicht

Und auch heute spricht aus den musikalischen Werken der Geist unserer Zeit. Ein Problem besteht heute darin, daß neue Musik zu oft nur vom Komponisten – und nicht vom Publikum – verstanden wird. Da braucht es musikalische Bildung und ein geschultes Gehör! Solche Bildung lernen wir im Elternhaus und auch in der Schule. Wir brauchen Schulen, bei denen dem Kunstunterricht die gleiche Bedeutung beigemessen wird wie etwa Mathematik oder Chemie! Am wichtigsten aber ist, daß unsere Kinder möglichst zeitig singen lernen. Singen oder Musikmachen schult das Gehirn – und macht Freude.

Ich wünsche unserem Lande eine Musik, welche unser Leben und unser Fühlen darstellt: Das Schöne und auch das Problematische. Wir haben genug und gute Komponisten. Schaffen wir ihnen Arbeitsmöglichkeiten, die unseres Kulturlandes Sachsen würdig sind. Und Menschen, die gebildet genug sind, um deren Musik zu verstehen und zu lieben. 

Prof. Dr. phil. Eckart Haupt ist Musikwissenschaftler, Hochschullehrer und Musiker. Bis 2010 war er Soloflötist der Sächsischen Staatskapelle Dresden. 2004 wurde Haupt zum Kultursenator des Freistaates Sachsen ernannt. Im gleichen Jahr war er Mitgründer der Dresdner Kulturinitiative.