Luther und die Fürsten

Gemälde, Schatzkammerstücke und Prunkharnische erzählen ab 15. Mai 2015 in Torgau von der gegenseitigen Beeinflussung von Politik und Reformation im 16. Jahrhundert. Grit Lauterbach über die 1. Nationale Sonderausstellung „Luther und die Fürsten“ und zwei herausragende Exponate. Ein Beitrag  in der Reihe Kunst politisch betrachtet. Erschienen im Newsletter 1/2015 der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.

Das Bildnis Martin Luthers aus der Werkstatt Lucas Cranach des Älteren entstand 1532. Diesem ist als Gegenstück ein Porträt des Philipp Melanchthon zuzuordnen. Solche Bildnispaare gehörten in den 1530er Jahren zu den wichtigsten Aufträgen der Cranach-Werkstatt. Ihre massenhafte Verbreitung erfolgte im Dienst und in der Notwendigkeit, die geistigen Väter der Reformation zu gedanklichem Allgemeingut in den Gebieten der Reformation zu machen.

Bilder für die Politik

Schon vor 1532 gab es Bildnisse Martin Luthers. Seine Darstellungen als Mönch oder Junker Jörg waren weit verbreitet. Doch die Verabschiedung des Augsburger Bekenntnisses, anlässlich des Augsburger Reichstages 1530, verlangte ein neues, aktuelles Bild des Reformators, dem diesmal Philipp Melanchthon zur Seite gestellt wurde. Die „Confessio Augustana“ gilt heute als die grundlegende Bekenntnisschrift der protestantischen Kirche. Vor dem Hintergrund, eine bevorstehende Kirchenspaltung abzuwenden, verfasste Philipp Melanchthon eine Verteidigungsschrift der reformatorischen Glaubensüberzeugung. Er betonte darin die Gemeinsamkeiten der lutherischen und katholischen Glaubensüberzeugungen und ließ das Gegensätzliche zurücktreten. Mit der Abfassung und Übergabe der Bekenntnisschrift auf dem Reichstag wurde Melanchthon zu einer Autorität in Fragen der evangelischen Lehre. Das Bildnispaar unterstreicht diese Bedeutung. Luther schätzte den jüngeren Melanchthon sehr, seine Worte: „Dieser kleine Grieche übertrifft mich sogar in der Theologie. - Vielleicht bin ich nur der Vorläufer Philipps“ zeigen den tiefen Respekt vor dem Rektor der Wittenberger Universität.

Betrachtet man das Gemälde, das sich seit 1826 im Bestand der Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden befindet, so tritt der Mensch Martin Luther in dieser Darstellung von Lucas Cranach zurück, indem er seinen Blick dem Betrachter entzieht. Dafür aber rücken seine die Bibel haltenden Hände in den Vordergrund. Das Porträt Philipp Melanchthons ähnelt dem Luthers in künstlerischem Aufbau, Material und Materialstärke der Buchenholztafeln genau, so dass vermutet wird, dass die Porträts Luthers und Melanchthons dafür angefertigt wurden, um sie mit den Bildnisseiten zusammengeklappt mit auf Reisen nehmen zu können. In zugeklapptem Zustand könnte man bei beiden Bildern die einheitlich grün marmorierte Rückseite sehen.

Martin Luther und Philipp Melanchthon. Beide Lucas Cranach d.Ä. (Werkstatt), 1532, Öl auf Buchenholz 18,3x 15 cm.
Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Fotos: Hans-Peter Klut.

Erfolgreiche Auftragsmalerei

Lucas Cranach der Ältere war Hofmaler der sächsischen Kurfürsten. Seine Arbeit und die seiner Werkstatt standen im Dienste des Fürsten. So wundert es nicht, dass er neben Martin Luther, mit dem ihn auch eine enge Freundschaft verband, auch viele andere Persönlichkeiten der Reformation malte. Cranach war außerdem der einzige Künstler, der Luther zu dessen Lebzeiten porträtierte, und so bestimmt gerade sein Gemälde unsere Wahrnehmung des großen Reformators.

Der Erfolg von Cranachs Bildern hält auch nach nun fast 500 Jahren unvermindert an. Sein Porträt Martin Luthers wirbt für die ab Mai statt findende 1. Nationale Sonderausstellung zur Lutherdekade „Luther und die Fürsten“ in Torgau. Die Ausstellung beleuchtet die Selbstdarstellung und das Selbstverständnis der Fürsten im Zeitalter der Reformation. Ohne das Eintreten der protestantischen Fürsten – vor allem der sächsischen Kurfürsten - hätten Luthers Lehren ihre Ausstrahlungskraft in alle Lebensbereiche der Gesellschaft nicht erreicht.

Im politischen Zentrum der Reformation

Die 1. Nationale Sonderausstellung bietet auch Gelegenheit, die alte Renaissancestadt Torgau wiederzuentdecken. Torgau war als kursächsische Residenz das politische Zentrum der Reformation, hier weihte Luther 1544 die Schlosskapelle als den ersten unter seinem Einfluss erbauten protestantischen Kirchenneubau ein. Diese heutige Schlosskapelle, ebenso wie Schloss Hartenfels mit seinen Ausstellungsräumen und den Kurfürstlichen Gemächern, die Kurfürstliche Kanzlei und die Superintendentur werden im Rahmen der Ausstellung zu besichtigen sein.

Auf mehr als 1.500 m² werden die politische Geschichte der Fürsten und ihr Selbstverständnis in der Reformation von 1515, dem Jahr des Generalablasses, bis 1591, dem Jahr des Torgauer Bündnisses, von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet. Besucher können ab dem 15. Mai 2015 in die Epoche der Konfessionalisierung eintauchen und erfahren mit Gemälden, Schatzkammerstücken und Prunkharnischen sowie weiteren historischen Exponaten von der gegenseitigen Beeinflussung von Politik und Reformation.

Die täglich stattfindenden öffentlichen Rundgänge bieten Einzelbesuchern einen kompakten Überblick über die Ausstellung, doch auch Gruppen – von Radreisenden am Elberadweg, über Konfirmanden, Bildungsreisenden bis zu Senioren - können aus einem reichen Angebot an Themenführungen schöpfen. Nicht unerwähnt bleiben soll das vielfältige kulturelle Rahmenprogramm in der Stadt Torgau, das den Besuch zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lässt.

Eingeladen sind vor allem auch Schulklassen, die Ausstellung 2015 in Torgau als außerschulischen Lernort zu nutzen. Die Themen „Martin Luther“ und „Reformation“ bieten vielfältige Bezüge zu den Lehrplänen der Fächer: Geschichte, Kunst, Deutsch, evangelische und katholische Religion sowie Sachkunde.

Grit Lauterbach: Geboren 1978 in Leisnig | Studium der Sozialpädagogik, Kulturmanagement, Kunstgeschichte in Cottbus und Dresden | seit 2003 für die Abteilung Bildung und Vermittlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden als Museumspädagogin tätig | seit 2012 verantwortlich für das Vermittlungsprogramm zur 1. Nationalen Sonderausstellung „Luther und die Fürsten“

Luther und die Fürsten. Informationen

"Luther und die Fürsten" in Torgau, Schloß Hartenfels.

Eine Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden realisiert in Kooperation mit dem Landkreis Nordsachsen und der Großen Kreisstadt Torgau.

Öffnungszeiten: 10:00-18:00 Uhr, montags geschlossen.

Für Schulklassen täglich ab 9 Uhr geöffnet.

Informationen zur Ausstellung und Anmeldung von Gruppenführungen.