Kids on Stage. Dieter Jaenicke über Räume zum Ausprobieren

Zeitgenössische Kunst – Politik? Ist das ein Widerspruch? In HELLERAU nicht! Ein Beitrag in der Reihe Kunst politisch betrachtet von Dieter Jaenicke, dem Künstlerischen Leiter des Europäischen Zentrums der Künste in Dresden Hellerau. Der Beitrag ist im Newsletter 3/2014 der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung erschienen.

 

Laboratorium der Moderne

Das Festspielhaus Hellerau war bereits in seiner Gründungsvision als kulturelle Bildungsanstalt verstanden und konzipiert worden. Die Rhythmik von Jaques Dalcroze war als Teil einer musikalischen und Bewegungserziehung gedacht. Daneben haben herausragende Pädagogen wie Alexander Neil (Summerhill) hier gearbeitet.

Das Europäische Zentrum der Künste Dresden folgt dem Geist Helleraus als „Laboratorium der Moderne". Es zählt heute zu den wichtigsten interdisziplinären Zentren zeitgenössischer darstellender Kunst in Deutschland und hat seinen Programmschwerpunkt im Bereich Tanz und Performing Arts. HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden will Kunst in Kontexten zeigen und vermitteln. Die Kunst steht im Vordergrund. Künstlerische Erfahrungen können das Leben verändern. Diskussionen, Film, Literatur und Austausch fördern das Anliegen, Kunst auch politisch zu betrachten. Kunst kann neue Ansichten aufzeigen, hilft, neue Gedanken zu fassen, Zusammenhänge aufzugreifen. Kunst ist oft die ungebundenste, interessenfreiste und radikalste Form der Meinungsäußerung. Die Freiheit der Kunst ist ebenso bedeutsam für die Demokratie wie die Presse-Freiheit.

Künstler und Künstlerinnen stellen Themen in Verbindungen, die die Zuschauenden so nicht kannten. Manchmal ernst, manchmal mit Humor und Übertreibung. Wie zum Beispiel die Performer der Gruppe „Peeping Tom", die immer den Menschen in all seiner Absurdität in den Mittelpunkt stellen. In dem von HELLERAU koproduzierten Stück „Vader" behandeln sie auf besondere Weise Eltern-Kind Beziehungen. Beim Festival Young European Choreographers berichten griechische, slowenische und französische Choreografinnen mit ihren Performances, aber auch in einem Erzählcafé über die Situation junger Künstler in ihren Herkunftsländern. Die Choreografin Constanza Macras widmet sich in ihrer neuesten Produktion, die sie maßgeblich in HELLERAU erarbeiten wird, dem Thema Erinnerung und bezieht Dresdner Geschichte und Geschichten in ihr Tanztheaterstück ein.

Dresden goes big und weltoffen...

Die selbstverständliche Begegnung mit den Künstlern aus aller Welt leben wir tagtäglich in HELLERAU. „Dresden goes big und weltoffen..." wie ich im Editorial unseres Programmheftes vor dem Festival Dance Dialogues Africa geschrieben habe. Wir denken, dass die von Politik und Gesellschaft benötigte Toleranz an diesem Ort im Norden Dresdens eingeübt werden kann.

Wir wollen auch Anderen die Möglichkeit geben, an diesen Begegnungen mit den internationalen Künstlern teilzuhaben. In Workshops mit Künstlern aus aller Welt erleben Jugendliche den direkten Kontakt mit künstlerischen Mitarbeitern und internationalen Künstlern. Im ersten Viertel dieses Jahres nutzen diese Angebote 140 Jugendliche. Sie besuchen Proben oder direkt einen Workshop und Aufführungen. Wir vermitteln gerne entsprechende Angebote. Kinder und Jugendliche sind uns immer herzlich willkommen in HELLERAU. Ihre Einbeziehung in kulturelle Aktivitäten bringt dem Nachwuchs sehr viel. Kreativität, Offenheit und Selbstbewusstsein – all das kann Kulturschaffen und -erleben bei Kindern und Jugendlichen fördern. Und wünscht sich nicht politische Bildung genau diese Attribute für politisch handelnde Menschen?

Immer willkommen: Kinder und Jugendliche

Im kulturellen Bereich sind es die Eigenerfahrungen, das Ausprobieren, die Präsentation in begrenzter Öffentlichkeit, die vielfach sehr nachhaltige Wirkungen erzielen. Veranstaltungen mit Kindern und Jugendlichen gewinnen im sozialen, kognitiven und emotionalen Erleben von Kindern und Jugendlichen eine viel größere Bedeutung als Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche. Eltern, die erlebt haben, mit welchem Engagement sich ihre Kinder auf eigene Theater-, Tanz-, Musikaufführungen vorbereiten und in welchem Ausmaß kulturelle Inhalte, soziale Kompetenzen und Selbstwertgefühl über solche Erfahrungen vermittelt werden, können dies eindrucksvoll bestätigen.

Tradition mit aktuellem Konzept

HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch kontinuierliche Angebote an Kinder, Jugendliche und Familien, die Zusammenarbeit mit Schulen, Kindergärten, freien Trägern, Bildungsinitiativen und Institutionen der Soziokultur einen Fokus kultureller Bildung zu entwickeln und hierfür ein wachsendes Netz von Partnerschaften, Projekten und öffentlichem Diskurs herzustellen. Dies ist gleichzeitig eine Fortsetzung Hellerauer Traditionen mit einem aktuellen Konzept.

Für das dritte Festival „Kids on Stage" öffnet HELLERAU Im Sommer 2014 wieder die Bühne des Festspielhauses für Jugendliche, Kinder und sogar die Allerkleinsten ab 1+. Wir sind stolz auf vielfältige Kooperationen mit dem MDR Kinderchor, dem Heinrich Schütz Konservatorium, dem Staatsschauspiel Dresden, aber auch Dresdner Gymnasien, Jugendhäusern und dem Medienkulturzentrum Dresden, mit dem wir einen Handyclipwettbewerb veranstalten. In solchen Kooperationen entstandene Projekte lassen keinen Zweifel, dass mit diesen „Kids" in Zukunft noch zu rechnen ist.

Dr. Paul Kaiser, TU Dresden. Foto: Andreas Kämper
Dieter Jänicke. Foto: Joscha Jennessen

Dieter Jaenicke: Geboren 1949 in Rostock | Studium der Erziehungswissenschaften, Soziologie, Theaterpädagogik und Religionswissenschaft in Hannover | Künstlerische Festival-Leitung in Hannover, Hamburg und Aarhus | Kultur-Projekte in Rio de Janeiro, São Paulo, Sucre und Ex-Jugoslawien | 2003 Direktor des „Fórum Cultural Mundial – World Culture Forum" in Brasilien | seit 2009 Künstlerischer Leiter in Dresden Hellerau.

HELLERAU

Europäisches Zentrum der Künste Dresden, Karl-Liebknecht-Str. 56, 01109 Dresden

Di - Fr 10:00 - 19:00 Uhr    Sa/So 11:00 - 16:00 Uhr

Kontakt: 0351 8893884, ticket@remove-this.hellerau.org, www.hellerau.org