Bilder der Migration. Ralf Kerbach. Weltinnenraum

Das Verlassen der Heimat geht wohl immer mit einem Gefühl des Fremdseins einher. Was macht ein Autor in einer solchen Situation? Er schreibt. Was macht ein Komponist? Er komponiert. Der Maler Ralf Kerbach – malt. Kunstausübung wird zur Überlebensstrategie. Ein Beitrag von Dr. Carolin Quermann in der Reihe Kunst politisch betrachtet. Erschienen im Newsletter 2/2015 der Landeszentrale.

Ein Ort für Kunst aus Dresden

Die Städtische Galerie Dresden widmet sich seit ihrer Eröffnung 2005 der Geschichte und Gegenwart der Kunst in der Region. Vom Impressionismus bis zu aktueller Kunst – im Landhaus am Pirnaischen Platz können Sie Kunst aus Dresden entdecken. Das Museum verfügt über zwei Ausstellungsbereiche: Im Westflügel werden Hauptwerke aus dem eigenen Bestand präsentiert. Die Sammlung vereint Werke von renommierten Künstlern aus Dresden wie Gotthardt Kuehl, Otto Dix und A.R. Penck bis hin zu Gerda Lepke, Thoralf Knobloch und Thomas Scheibitz. Im Ostflügel werden in wechselnden Ausstellungen die Werke einzelner Künstler vorgestellt und die Kunst der Gegenwart sowie kunsthistorische Themen präsentiert.

Eine deutsch-deutsche Migrationsgeschichte

Bis zum 10. Mai stellt die Städtische Galerie Dresden mit Ralf Kerbach eine der wichtigen malerischen Positionen in Dresden vor. Im Mittelpunkt der Ausstellung „Weltinnenraum“ stehen die meist großformatigen Gemälde aus den 1980er und 1990er Jahren.

Ralf Kerbach, geboren 1956 in Dresden, studierte ab 1977 an der Hochschule für Bildende Künste Dresden bei Prof. Gerhard Kettner, bis man ihn 1979 zur Exmatrikulation drängte. 1982 emigrierte er aus der DDR und siedelte nach West-Berlin über. Damit begann für Kerbach eine malerische Auseinandersetzung mit der Erfahrung fundamentaler Erschütterung, für die er eine eigene Bildsprache fand. Schockierend wirkte 1991 die Enttarnung seines Freundes, des Dichters Sascha Anderson, als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Der Mauerfall sowie die Rückkehr nach Dresden 1992 waren weitere einschneidende Erlebnisse, die er malerisch umsetzte. Kerbach ist seit 1992 Professor für Malerei und Grafik an eben jener Hochschule in Dresden, die ihn 13 Jahre zuvor exmatrikulierte.

Ralf Kerbachs tief empfundenes Alleinsein jener Jahre prägte seine Bildfindungen. Seine Leinwände werden von einsamen, verletzten, leidenden Gestalten bevölkert. Hoch aufgerichtet stehen die Figuren in leeren Landschaften und ringen zumeist mit sich selbst. Sie schleppen schwere Lasten wie die „Emigranten“, tragen blutige Verbände, sind vereist oder geköpft, hocken in Erdlöchern oder kommen aus winzigen Schneckenhäusern hervorgekrochen. Immer sind es Zeugnisse des eigenen Selbst. Der Künstler konfrontiert den Betrachter mit Sinnbildern des Schmerzes, mit Monumenten der Einsamkeit.

Über künstlerische Darstellungen des Fremdseins

Obwohl aus dem eignen Erleben hervorgegangen, veranschaulicht Kerbach allgemein-menschliche Nöte. Seine Werke sind gerade in ihrer Intimität allgemeingültig, das Eigene verschränkt sich mit der Welt: „Weltinnenraum“. Dieser Begriff, der zugleich als Titel unserer Ausstellung dient, ist eine Worterfindung von Rainer Maria Rilke und stammt aus dessen Gedicht „Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen“. Rilke schrieb es vor 100 Jahren, im August oder September 1914, wenige Wochen nach Beginn des Ersten Weltkrieges.

Emigrant, 1992, Öl auf Leinwand, 90,5 x 79 cm, Besitz des Künstlers, für Ralf Kerbach: © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
Der Pyromane, 1987, Öl auf Leinwand, 180 x 119 cm, Städtische Galerie Dresden, Dauerleihgabe der Sammlung Görlich, Bonn/Rosenheim, für Ralf Kerbach: © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Kerbach zeigt Figuren, deren Gesichter zur Hälfte in Auflösung begriffen sind. Der Mund des "Pyromanen" ist geschlossen, das melancholische Auge im brennenden Gesicht weit geöffnet, als erleide er einen inneren Schmerz, keinen äußeren; als sei der Brand ein Weltenbrand, der sich im Innern vollzieht. Zugleich ist in dieser verwundeten Gestalt mit ihrem brennenden Schmerz und dem halbierten "Ich" die Geschichte Deutschlands mit ihrer Teilung in Ost und West ebenso präsent wie die damalige Spaltung Europas. Das scheinbar private Einzelschicksal ist hier eng und untrennbar mit der politischen Weltgeschichte verwoben. Im Eigenen spiegelt sich das Weltgeschehen.

Die Frage nach dem Fremdsein

Mehrfach thematisiert der Künstler in seinen Gemälden eine schwer tragende, weit ausschreitende Gestalt. Erdrückend lastet ein Rucksack auf den Schultern. Mal sind es Totenschädel, mal ein Kreuz oder ein Spaten, die im Gepäck sichtbar werden und dem Schreitenden schmerzhaft im Nacken sitzen. Es ist der "Emigrant", der sich mit seinem Gedanken- und Erfahrungsballast auf den Weg gemacht hat. Von seinem Gewicht kann er nichts ablegen, denn es gehört körperhaft zu ihm.

Das in diesen Bildern angesprochene Thema der Migration haben wir zum Anlass genommen, AsylbewerberInnen aus Radebeul in das Kunstmuseum der Landeshauptstadt einzuladen. In Kooperation mit der Landeszentrale für Politische Bildung und dem Bündnis Buntes Radebeul veranstalten wir ein mehrteiliges Bildungsprojekt. Unter der Leitung von unserer Kunstvermittlerin Stefanie Bringezu lernen die Teilnehmenden in der Städtischen Galerie die Kunst in Dresden mit dem Fokus auf Migration und politische Kontexte kennen und setzen sich mit Kerbachs Werken auseinander. Neben der verbalen Verhandlung der Werke auf Deutsch, Englisch, Urdu und Arabisch gibt es Raum für die eigene ästhetische Gestaltung, die in einer Ausstellung mündet.

Mit der Frage nach dem Fremdsein gehen wir auch mit einer Podiumsdiskussion zum Thema "Bilder der Migration" inmitten der Bilder von Ralf Kerbach den öffentlichen Diskurs. Nach einem Vortrag von Ljudmila Belkin (Kunsthistorikerin, Berlin) werden die Künstler Saeed Foroghi (Berlin), Ralf Kerbach (Dresden und Berlin) und Gerda Lepke (Dresden und Gera) miteinander über Fremdes und Vertrautes diskutieren. Frank Richter, Direktor der Landeszentrale, moderiert die Veranstaltung.

Mein unruhiges Herz. Bilder der Migration

Anlässlich der Ausstellung „Ralf Kerbach. Weltinnenraum“ setzten sich Asylsuchenden aus dem Asylbewerberheim in Radebeul in der Städtischen Galerie mit Werken von Ralf Kerbach auseinander. In ihren eigenen Arbeiten zeigen die Asylsuchenden, wo sie selbst stehen, was sie vermissen und was sie sich für ihre Zukunft erhoffen.

Hiwet Habte, Salah Resui, Nebyat Ghrimay und Methavit Ghrimay vor einem Gemälde von Hans Körnig in der Dauerausstellung der Städtischen Galerie Dresden.

Veranstaltungen

1. April - 10. Mai:         Ausstellung der Projektarbeiten

24. April, 16:30 Uhr: Dialogischer Ausstellungs- rundgang mit Eckhart Gillen (Berlin) und Ralf Kerbach

29. April, 19:00 Uhr: Podiumsdiskussion „Bilder der Migration“

8. Mai, 16:30 Uhr:                 „Die Emigranten“ von Ralf Kerbach. Eine Betrachtung mit Gwendolin Kremer (Galerie Neue Meister, Dresden) und Dr. Carolin Quermann. Es werden Zeichnungen vorgelegt.

Städtische Galerie Dresden