Was wollen wir in Tunesien? Teil 2

Ein Bericht über die Reise vom letzten Jahr von Henry Krause

Die wirtschaftliche Lage

Für die Bürger Tunesiens müsse die Demokratie eine Dividende bringen: Arbeit und Brot, hatte Dr. Hardy Ostry von der Konrad-Adenauer-Stiftung zur Begrüßung gesagt. Deshalb fuhren wir am Montagvormittag zur Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer. Dort gibt uns Carolin Ghorbal einen Überblick über die wirtschaftliche Lage in Tunesien und die wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland. Immerhin sind 250 deutsche Unternehmen in Tunesien aktiv, von denen sich keines nach der Revolution zurückgezogen habe. Das deutsch-tunesische Handelsvolumen betrage 2,9 Mrd. €. Seit 1995 gibt es ein Assoziierungsabkommen mit der EU, wohin 8 Prozent des tunesischen Außenhandels erfolgt. Gegenwärtig stiegen die Kosten für die Importe, weil die Währung an Wert verliert. Die Standortvorteile Tunesiens sind: die geografische Nähe zu Europa, Steuervorteile für Exportbetriebe und wettbewerbsfähige Produktionskosten. Potential habe Tunesien vor allem in der IT-Branche und im Tourismus, wo allerdings viel investiert werden müsse. Die Ausbildung in den technischen Berufen sei gut; jedoch schlössen die Lehrlinge keinen Vertrag mit einem Unternehmen und sie bekämen auch kein Lehrlingsentgelt. Bei den Hochschulabsolventen betrage die Arbeitslosenquote gegenwärtig 33 Prozent.

Le nouvel homme - Der neue Mensch

Tunesien ist wie die anderen arabischen Staaten ein sehr junges Land. Straßen und Plätze werden von jungen Leuten dominiert, während in den Touristenhotels an den Stränden europäische Rentner überwintern. In den Gesprächen an der Universität Gabès oder im Gymnasium in Houmt Souk stoßen wir auf Optimismus und Skepsis gleichermaßen. Was hat die Revolution gebracht? Die Freiheit. Viel mehr fällt aber den meisten jungen Leuten dazu nicht ein. Immer wieder stößt man auf geradezu naiv anmutende Erwartungen an die neue Verfassung. So erklärte eine Ärztin in einer Behinderteneinrichtung, die wir besuchten, dass man sich von der neuen Verfassung eine Feststelle für eine Psychologin erhoffe. Der Interimsvorsitzende des Stadtrates von Houmt Souk seit der Revolution, Sami Ben Taher, hofft dagegen auf den neuen Menschen. Der Mensch sei die Hauptbaustelle, erklärt er uns bei einem Empfang im Magistrat. „Wir müssen an der Änderung seiner Verhaltensweisen arbeiten.“ Offenbar ist der Archäologe in den letzten Jahren immer wieder an die Grenzen des Machbaren gestoßen. Man versuche, auf kommunaler Ebene Mitbestimmung der Bürger zu organisieren und lade sie in Gremien und Ausschüsse ein. Besonders wichtig sei die Umweltkommission. Eine der wichtigsten kommunalen Zuständigkeiten ist in Tunesien die Abfallbeseitigung und damit hat das Land ein Problem, wie jeder Besucher feststellen muss. Allerdings hat sich die Situation in Houmt Souk seit dem letzten Jahr eindeutig verbessert. Die Müllberge in der Stadt sind verschwunden. Provisorien halten oft länger als gedacht. Ben Taher fungiert nun schon seit drei Jahren als provisorischer Bürgermeister. „Die Gruppe, zu der ich gehöre, ist etwas erschöpft. Wir sind nicht durch die Bürger gewählt worden.“ Für den Herbst freut er sich auf einen Aufenthalt in Berlin; Kommunalwahlen wird es wahrscheinlich 2015 geben.

 

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Gespräch in der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer
Geschäftskultur in Deutschland und Tunesien
Begegnungen am Lycée technique in Houmt Souk
Empfang beim Bürgermeister von Houmt Souk, Sami Ben Taher