Eine Blase von Erwartungen Teil 2

Beeindruckende Begegnungen an einem Gymnasium auf Djerba

Einer der unvergesslichsten Momente der gesamten Reise war die Begegnung mit einer jungen Schülerin, Rahma, mit der wir uns am Technischen Gymnasium auf Djerba unterhalten konnten. Sie hatte ein sehr selbstbewusstes, westliches Auftreten und trug kein Kopftuch. Rahma selbst war 2011 bei den Protesten aktiv, wollte unbedingt für ihre Ziele und politischen Rechte kämpfen. Heute ist sie 16 Jahre alt und desillusioniert, spielt mit dem Gedanken ans Auswandern, da sie keine Zukunft für sich im gegenwärtigen sieht. Rahma erzählt vom großen Unmut und der Unsicherheit ihrer Altersgruppe, die partizipieren will, es aber oft nicht darf: Schüler des Technischen Gymnasiums wollten sich mit Schülerräten selbst verwalten und organisieren, durften dies aber nicht. Dennoch versuchen die Schüler mit Graffitis, Clubs und Schülerorganisationen wie "Youth for Change", in der auch Rahma tätig ist, ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen. Innerhalb des Gymnasiums sei es für Mädchen im Allgemeinen nicht schwieriger, zu partizipieren, als für Jungen. Trotzdem seien noch Unterschiede zwischen den Geschlechtern vorhanden - Mädchen müssen eine Art Schuluniform tragen, ein unifarbenes Oberteil, während Jungen ihre Kleidung frei wählen können. Erwartungen vs. Möglichkeiten Rahma ist ein beeindruckendes Beispiel für die Jugend Tunesiens, die großes Interesse an politischer Teilhabe hat, aber nicht weiß, wie sie dieses Interesse umsetzen soll bzw. wie sie die Hürden, die ihnen dabei errichtet werden, überwinden kann. Auffallend ist das geringe Vertrauen in politische Parteien oder die Regierung, der vorherrschende Unmut, Unsicherheit und die Angst vor weiteren terroristischen Aktivitäten. Rahma erzählt uns, dass ihr Nachbar von solchen Gruppierungen getötet wurde. Die Lösung erscheint für sie klar: Religionsfreiheit und Toleranz sollten die vorherrschenden Prinzipien in Tunesien sein. Auch sie habe Freunde aller Konfessionen und Freundinnen, die Kopftuch tragen; das Wichtigste sei aber, die Gemeinsamkeit zu sehen - den Menschen.

Die Bilanz der Gespräche sind eindeutig: Teilweise großes Unwissen ist gepaart mit hohen Erwartungen an das neue System und vor allem auch an die neue Verfassung als Symbol der Veränderung. Die Menschen erhoffen sich von ihr Verbesserungen der persönlichen, aber auch der ökonomischen Situation - dies ist eine Blase, die irgendwann platzen muss. mehr

Schülerin am Gymnasium in Houmt Souk: Rahma