Der Bundesrichter Dieter Hesselberger schreibt in seinem Grundgesetz-Kommentar:

„Die Politische Bildung muss davon ausgehen, dass sie einerseits zur Übernahme der gesellschaftlichen Normen erziehen, andererseits aber die Fähigkeit zur Überprüfung und Distanzierung von solchen Normen wecken und ausbilden soll.”

Der Bürger soll sich also seiner politischen Veranlagung und Möglichkeiten bewusst werden über den Weg von Wissensaufnahme und Kritik.

In Diktaturen kennen wir keine politische Bildung, da eine kritische Prüfung des politischen Rahmens, der politischen Institutionen und Entscheidungen unerwünscht oder verboten ist. Die Staatsbürgerkunde der DDR beispielsweise, die der Erziehung der jungen Bürger zu sozialistischen Menschen dienen sollte, kann den Ansprüchen an eine politische Bildung nicht genügen.

In der Praxis ist die politische Bildung eine Erscheinungsform demokratischer Gesellschaften. Hier erfüllt sie einen dreifachen Auftrag:

Erstens ist es ihre Aufgabe, alle Politikbereiche zu erläutern, zu vermitteln, auf welche Ziele die staatliche Ordnung ausgerichtet ist, durch welche Institutionen eine demokratische Politik gewährleistet werden soll und welches politische Handeln zu welchen Konsequenzen führen wird oder führen kann.

Zweitens ist es ihre Aufgabe, eine kontinuierliche politische Wertediskussion zu führen, die staatlichen Institutionen auf ihre Wirksamkeit und Angemessenheit zu überprüfen und die jeweiligen politischen Akteure mit ihren Handlungen und Entscheidungen einzuschätzen und in Frage zu stellen.

Neben diese analysierenden und interpretierenden Funktionen der politischen Bildung, die sowohl in der politischen Praxis als auch in der Politikwissenschaft Äquivalente besitzen, tritt drittens eine Vermittlungsfunktion zwischen Wissenschaft, Politik und Bürgern.

Anders als die praktische Politik, die politischen Parteien und alle politischen Akteure im Sinne von Interessenvertretern und anders als die politischen Wissenschaften, die Theoretiker von der Politik mit dem Ziel, das politische Geschäft zu verbessern, ist die politische Bildung integrativ auf die Beteiligung aller Bürger aus, auf Motivation zur politischen Anteilnahme in Theorie und Praxis.

Ihre Ziele sind somit: Wissensvermittlung, Förderung der Kritikfähigkeit, Motivation zu politischer Beteiligung. Sie machen in gegenseitiger Bedingtheit die politische Bildung aus.