Viele Deutsche nehmen den Islam als Bedrohung wahr. Sind das alles Vorurteile? Obwohl so viel über den Islam diskutiert wird, wissen viele erstaunlich wenig über die Religion und ihre Anhänger. In unserer #wtf?!-Reihe verschaffen mit Mirko Drotschmann einen Überblick über die wichtigsten Aspekte des Islams und räumen mit den größten Vorurteilen auf.

 

Genaue Zahlen zu muslimischen Gläubigen und Moscheen in Deutschland gibt es nicht – dafür heftige Debatten und Gerüchte.

Niemand kennt genaue Zahlen darüber, wie viele muslimische Gläubige es in Deutschland gibt. Am häufigsten genannt werden 4,5 Millionen – das wären fünf bis sechs Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Zahl stammt aus einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Allerdings bezieht sie sich auf den 31. Dezember 2015. Neuere Erhebungen fehlen. Warum ist das so?

Das Problem: Es gibt kein Verzeichnis, in dem Musliminnen und Muslime registriert werden. Gleiches gilt für Moscheen. Die christlichen Kirchen hingegen führen schon seit dem 14. Jahrhundert sorgfältig Buch darüber, wer wo getauft oder begraben wurde. Außerdem zahlen christliche Gläubige monatlich Kirchensteuer, über die man sie leicht erfassen kann. Im Islam fehlen solche Regelungen, denn es existiert keine mit der Kirche vergleichbare Institution, der alle Gläubigen angehören.

Fragt man in der Bevölkerung nach der persönlichen Wahrnehmung, wird der Anteil muslimischer Gläubiger in Deutschland auf bis 16 Millionen Menschen geschätzt. Realistisch sind solche Zahlen allerdings nicht. Übrigens: In Sachsen lag der Anteil der Musliminnen und Muslime laut einer Studie der Universität Leipzig von 2015 bei gerade einmal 0,48 Prozent.

Viele muslimische Frauen tragen ein Kopftuch. Doch warum eigentlich? Und welche unterschiedlichen Formen gibt es?

Warum tragen viele muslimische Frauen ein Kopftuch, einen sogenannten Hijab, oder verhüllen gar ihren ganzen Körper? Die einfache Antwort wäre, weil sie glauben, dass es ihr Gott Allah so will. Aber so ganz einfach sind die Antworten selten. Wie bei fast allen religiösen Schriften kommt es auf die Interpretation an.

Im Koran steht nicht etwa: „Du musst ein Kopftuch tragen“, sondern die islamischen Gelehrten leiten es aus verschiedenen Textstellen ab. So steht dort sinngemäß geschrieben, dass Frauen ihren Kopf bedecken sollen und dass ihr Herz rein bleibt, wenn sie hinter einem Hijab bleiben.

Für muslimische Gläubige gibt es dazu verschiedene Anhaltspunkte: Während im Iran Frauen ihr Kopftuch als Zeichen ihrer feministischen Befreiung ablegen, setzten es manche muslimische Mädchen und Frauen in Deutschland bewusst auf – als Zeichen ihrer Selbstbestimmung. Das führt auch dazu, dass sich Frauen unterschiedlich stark verhüllen. Von gar keinem Kopftuch bis Vollverschleierung ist alles dabei. In Deutschland aber ist die Burka eher die Ausnahme. Es gibt aber auch Länder, in denen es erwartet wird, dass Frauen ihr Gesicht verhüllen, zum Beispiel in Saudi-Arabien.

 

Die deutschen Medien haben in den letzten Jahren ein neues Lieblingsthema für sich entdeckt – den Islam. In den Zeitungen wird beispielsweise über Kopftuch- und Burkaverbote diskutiert, über Demonstrationen gegen Moscheebauten oder im Extremfall über islamistische Anschläge.

Diese Themen dürfen ausgewogene Medien nicht auslassen, das ist klar. Doch die Intensität und auch die Sprache sehen viele kritisch. Das Magazin „Cicero“ fragte einst sogar auf seinem Cover: „Ist der Islam böse?“ Eine Frage, die in den Augen von Kritikern Hass schürt. Denn genauso wie die Fragen: „Ist das Christentum böse?“ oder „Ist Sachsen böse?“ muss diese pauschale Frage natürlich auch mit „Nein!“ beantwortet werden.

Eine Studie der Universität Erfurt besagt, dass sich Berichte über die muslimische Welt fast immer auf Konflikte beziehen – über Kultur oder Wirtschaft wird nur sehr selten berichtet. Auch arbeiten Medien oft mit reißerischen Titeln und Überschriften: „Die dunkle Seite des Islam“ (Focus), „Mekka Deutschland“ (Spiegel).

Wie die Medien Angst verbreiten 

Auch im TV klingt das nicht anders. Talkshows tragen Titel wie „Mord im Namen Allahs“ oder „Auf Streife für Allah – vor welchem Islam müssen wir Angst haben?“ Mit solchen Titeln ist eine offene Diskussion kaum mehr möglich. Sie drängen Gäste, Zuschauerinnen und Zuschauer schon vorher in eine Richtung.

Wichtig zu wissen ist: In keiner Gruppe von Menschen haben alle gute Absichten, rein statistisch gibt es auch im Islam schwarze Schafe, genauso wie in der deutschen Karnevalsjugend und in der katholischen Kirche. Durch die Medien, die größtenteils über den islamistischen Terror berichten, entsteht aber ein anderes Bild. Deshalb ist es kein Wunder, dass viele Deutsche den Anteil der Gläubigen deutlich überschätzen. Und es ist auch kein Wunder, dass die Angst vor dem Islam so hoch ist, wenn gefühlt jeden zweiten Abend nur über das Negative diskutiert wird.