Erste Montagsdemonstrationen in Leipzig

Ausgehend von den sächsischen Städten Leipzig, Dresden und Plauen, breitete sich die Demokratiebewegung in der gesamten DDR aus. Leipzig übernahm bei dieser Entwicklung eine Sonderrolle. Hier fanden die ersten (Montags-)Demonstrationen statt. Der Ursprung liegt im Umfeld der Leipziger Nikolaikirche. Nach dem Friedensgebet versammelten sich ab September 1989 zunächst einige hundert, spätere mehrere zehntausend mutige Bürger. Trotz der Angst vor einem gewalttätigen Einschreiten der Sicherheitsorgane und möglicher Restriktionen, kamen immer mehr Menschen zu den Demonstrationen. Die Furcht vor staatlicher Gewalt war berechtigt. Vereinzelt kam es zu gewalttätigen Einsätzen gegen friedliche Demonstranten. Am 2. Oktober 1989 knüppelte die Polizei in Leipzig auf Frauen und Männer ein, obwohl die Demonstrationsteilnehmer keinen Anlass für dieses harte Eingreifen gaben. Es brannten Kerzen und auf den Pflastersteinen, um die Kirche standen Blumensträuße. Gefordert wurde lediglich die Freilassung von inhaftierten Demonstranten der Vorwochen. Erstmals hörte man Rufe nach "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!"


In Plauen, wo die Demonstrationen sonnabends regelmäßig stattfanden, war die Situation Anfang Oktober besonders angespannt. Nach der Durchfahrt mehrer Reisezüge mit Botschaftsflüchtlingen in Richtung Bundesrepublik fanden spontane Friedensandachten statt. Am 7. Oktober versammelten sich 10.000 bis 20.000 Demonstranten. Der sowjetische Kommandeur zweier in Plauen stationierter Regimenter bot der Volkspolizei seine Hilfe an. Die Offiziere der Volkspolizei lehnten die Offerte ab. Die Polizei erhielt hingegen Unterstützung von mit Maschinengewehren bewaffneten Kampfgruppenverbänden. Außerdem waren Wasserwerfer und ein Hubschrauber im Einsatz. Die Demonstration verlief weitgehend friedlich, was vor allem dem besonnenen Wirken von Superintendent Thomas Küttler zu verdanken war. In der Nacht kam es dennoch zu willkürlichen Aktionen seitens der Sicherheitskräfte und zu Verhaftungen.

 

Ausschreitungen bei der Durchfahrt von Reisezügen mit Botschaftsflüchtlingen

Bei der Durchfahrt von vier Reisezügen mit Botschaftsflüchtlingen in Richtung Bundesrepublik am 4. Oktober durch den Dresdner Hauptbahnhof kam es zu schweren Ausschreitungen. Zirka 5.000 Personen wollten nach Schließung der Grenze zur Tschechoslowakei auf diesem Weg die DDR verlassen. Die Gewalt eskalierte: Autos wurden umgestürzt, ein Polizeifahrzeug ging in Flammen auf. Die Gewaltbereitschaft und die -anwendung waren sowohl bei der Polizei als auch bei den Demonstranten sehr groß. Insgesamt wurden etwa 1.300 Personen festgenommen.


Die erste Massendemonstration fand am 9. Oktober 1989 in Leipzig statt. Erstmals beteiligten sich zirka 70.000 Personen, trotz der Angst vor polizeilicher Gewalt. Unklar sind bis heute die Gründe für die Zurückhaltung der Sicherheitskräfte. Großen Anteil an diesem friedlichen Verlauf hatte der Aufruf sechs prominenter Leipziger (Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, Theologe Peter Zimmermann, Kabarettist Bernd-Lutz Lange und die Sekretäre der SED-Bezirksleitung von Leipzig Kurt Meyer, Jochen Pommert und Roland Wötzel):

"Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird."

Eine Woche später, am 16. Oktober, versammelten sich 120.000 Personen in Leipzig. In der darauf folgenden Woche erreichten die Monatagsdemonstrationen in Leipzig, die bis zu den Volkskammerwahlen im März 1990 fortgeführt wurden, ihren Höhepunkt, als man etwa 320.000 Teilnehmer zählte.